Abnovembern

“Einen schönen ersten Advent”, wünscht mir die Kollegin am Freitagnachmittag, zum Abschluss einer wiederum wahnwitzigen Arbeitswoche. Sie klingt dabei so, als sei das ganz selbstverständlich, das jetzt zu wünschen, was mich kurz irritiert. Ist es doch schon wieder so weit. Okay.

Wir müssen also an diesem Wochenende endgültig abnovembern. Was ich ein wenig bedauere, da ich dem Monat und seiner Atmosphäre gegenüber eine freundliche Haltung pflege, aber was nützt es. Weihnachten steht schon in den Kartons im Flur unserer Wohnung bereit, in einigen Läden hier sind die Adventskalender ausverkauft und in der Grand Hall im Hauptbahnhof haben sie in diesem Jahr so viel Leuchtzeug montiert, dass für andere kaum noch etwas übrig sein kann.

Die üppige Weihnachtsdeko in der Wandelhalle

Der nächste Werktag ist dann also schon im Dezember. So richtig glaubwürdig klingt es für mich nach wie vor nicht, der gefühlte Monat weicht ab.

Auf meinem Nachmittagsspaziergang in der frühen Dämmerung kommt mir Spider-Man entgegen. Im bekannten rotblauen Kostüm, sonst könnte ich ihn ja nicht erkennen. Die Szene gibt uns allerdings keinen Aufschluss darüber, warum da ein Mann im Spider-Man-Kostüm durch die Stadt geht. Es ist wie so oft: Es ist einfach so.

Er wird trotz seines auffälligen Aussehens kaum beachtet. Denn auch als Superheld fällt man hier noch lange nicht auf, da muss man schon anderes veranstalten, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu gewinnen, als nur in exzentrischen Klamotten durch die Fußgängerzone zu gehen. Denn ein anspruchsvolles Publikum sind sie stets, die entertainmentverwöhnten Menschen in den großen Städten.

Spider-Man geht, wenn man genauer hinsieht, nicht eben dynamisch. Spider-Man schlurft eher etwas unmotiviert dahin, und er scheint auch deutlich hängende Schultern zu haben. In den Comics, die ich als Kind gelesen habe, sah das anders aus, in den Kinofilmen, die ich allerdings nicht kenne, sicher auch.

Es ist ein Novembersuperheld, den wir hier sehen, mit etwas trauriger, energieloser und melancholischer Anmutung. Ich sehe ihm einen Moment nach, aber er macht weiterhin nichts. Er geht da einfach nur und verschwindet schließlich zwischen den heimelig sein sollenden Holzhütten auf einem der vielen Weihnachtsmärkte aus unserem Blickfeld.

Er verschwindet dort in etwa so, wie der November mit seinem stabilen Grau und seiner immerhin verlässlichen, berechenbar gedrückten Stimmung im rotgoldenen, rauschenden Dezemberweihnachtswahn vergehen wird.

Womit er dann also doch etwas gemacht hat, dieser Spider-Man, nämlich immerhin einen Eindruck. Und das kann ich nicht an jedem Tag von mir behaupten.

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Like the back of my hand

Eine Randbemerkung nur zum Thema Aufmerksamkeit. Meine Mutter, bei der ich wieder vorbeiging und mobile Onlinedienstleistungen anbot, bat mich, die Öffnungszeiten eines Optikers in der Innenstadt für sie nachzusehen, sie nannte mir die Straße. „Da ist kein Optiker“, sagte ich im routinierten Auskennertonfall. Denn das war eine dieser Adressen, an denen ich an so ziemlich jedem Tag des Jahres mindestens zweimal vorbeigehe.

Ich kenne mich da also definitiv aus: „I know this town like the back of my hand“. Diese Zeile aus einem Song von Jeff Talmadge hatte ich neulich erst auf Instagram verwendet. Ein gutes Album ist auch dieses, um kurz noch einen Satz am gestrigen Text anzulegen.

Allerdings lag ich da gründlich falsch. Denn da ist ein Optiker, meine Mutter hatte recht. Ich dagegen kenne mich keineswegs aus, and I don’t know this town, wie es aussieht. Ich stand dann kurz darauf etwas fassungslos auf dem fälligen Kontrollgang durch die Fußgängerzone vor dem Schaufenster dieses Optikers, welches mir völlig unbekannt war. Auch den Namen darüber kannte ich nicht, obwohl er in dieser Jahreszeit verlässlich ab etwa 16 Uhr jeden Tag an meinem Wegesrand leuchtet, wie ich jetzt widerstrebend zur Kenntnis genommen habe.

Ich hätte aber vermutlich noch Stunden vorher unter Eid ausgesagt, dass es dort kein solches Schaufenster gibt und jener Name in dieser Straße sicher nicht vorkommt. Auf dieser Stufe der verblendeten Sicherheit war ich.

Und ich habe es mir dann abgeleitet: Auf dieser nur vermeintlich sicheren Stufe meiner stets ach so aufmerksamen, so besonders bemüht bloggeschulten Wahrnehmung war ich nämlich, weil mich die Geschäfte der Optik-Branche kategorisch nicht interessieren. Und zwar überhaupt nicht. Ich habe in einem anderen Teil der Stadt seit vielen Jahren eine ausgezeichnete Optikerin meines Vertrauens. Solange die ihren Laden weiterbetreibt, was hoffentlich noch lange der Fall sein wird, muss und will ich mich mit dem Thema sonst nicht weiter befassen.

Was dazu führt, dass ich die Läden anderer Optiker in einem erstaunlich wörtlichen Sinne kategorisch keines Blickes würdige. Teile meines Hirns treiben dies, wie mir jetzt wieder klar wurde, bis zur Verleugnung der Wirklichkeit. Und selbstverständlich auch so, dass der Rest vom Ich das nicht mitbekommt und also wenigstens gewarnt sein könnte.

Wie gesagt, dies nur als kleines Update am Rande. Zu immerhin wichtigen Themen wie Wirklichkeitswahrnehmung, Zeugenaussagen, Aufmerksamkeit und sogar, Vorsicht, Achtsamkeit. Auch zum Thema Zuverlässigkeit, die man ja von Chronistinnen, Kolumnistinnen, Bloggerinnen, Large Language Models und anderen vermeintlichen Top-Checkerinnen der Gegenwartswahrnehmung jederzeit erwartet.

Mind the gap, wie man einer anderen Großstadt zurecht dauernd betont.

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Der vorhin eingespielte Jeff Talmadge ist übrigens auch sonst ein Hinhören wert. Wenn man etwa gerade den eher ruhigen, winterlich-besinnlichen Teil der Singer-Songwriter-Schublade durchkramt.

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Eine Möwe auf einem Geländer an der Binnenalster, Blick Richtung Fernsehturm

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Hund, Katze, Plattenspieler

Da ich gestern gerade das analoge Leben bzw. analoge Beschäftigungen erwähnte: Ich habe eher erfreulich selten materielle Wünsche. Im Moment wäre mir aber sehr nach einer vernünftigen, altmodischen Ausstattung, um wie damals Musik hören zu können. Mit einem guten und angenehm designten Plattenspieler und mit all den mir sympathischen Alben im Regal daneben. Selbstverständlich in beträchtlicher Auswahl und bestens gepflegt.

Mit einem urgemütlichen Sessel vor diesem Plattenspieler und mit bereitliegender Mittagsschlafdecke. Mit einer üppig besetzten Bücherwand neben mir, gerne auch mit noch glühendem Kamin in der Nähe. Alte Teppiche und antike Möbel im Raum, dazu Blick auf den Park, also auf welchen Park auch immer. Sowie mit einem attraktiven Hund, um den ich mich aber, sonst ist es keine Wunschvorstellung mehr, nicht kümmern muss, der vielmehr einfach nur dekorativ da ist und ab und zu im Schlaf wohlig stöhnt. Dito Katzen, die dort ab und zu und nach unergründlichen Katzenrhythmen unverbindlich vorbeikommen. Ansprechende Schnurrvisiten, aber bitte ausdrücklich ohne nachfolgende Katzenklo-Pflichten, ohne Kotze auf dem Teppich, Tierarzttermine und dergleichen. Been there, done that, got the t-shirt etc., mein Bedarf ist bei diesen Themen fürs Leben gedeckt. Siehe auch Hunde, die bei Unwettern aller Art vor die Tür gezogen werden müssen.

Ein Schild vor einem Restaurant: "Comfortable Seating inside available"

Das sind jedenfalls Wunschbilder, mit denen sich die übliche Jahresenderschöpfung bei mir deutlich ankündigt. Was auch in Ordnung ist und terminlich immerhin passend. Es ist nun allmählich gut, eine längere Pause ist längst überfällig, ach was, ein Sabbatical, wenn nicht sogar mehr, aber egal. Wir wollen nicht übertreiben.

Es gibt dort, um gedanklich in den oben skizzierten Raum zurückzukehren, ein Regal mit letzten Alben. Mit all den Werken, welche die von mir geschätzten Musikerinnen und Musiker final eingespielt haben, mit ihren abschließenden Aufnahmen. Was vielleicht etwas morbide klingt, aber auch eine Art ist, stattgehabtes Leben, Meisterschaften und Feinheiten zu feiern. Denn auf diesen Aufnahmen, das berühmteste Beispiel ist wohl das Spätwerk von Johnny Cash, hört man die Erfahrung, den Reifegrad, oft auch eine gewisse Ruhe und Abgeklärtheit.

Vor allem aber hört man ein manchmal anziehend lässig wirkendes Können, das sich so nur aus Jahrzehnten des Schaffens ergeben haben kann. Es gibt daher Songs auf diesen Alben, die eine manchmal mildernde Wirkung auf überbordende Alltäglichkeiten haben können, und das eben kommt mir nicht morbide vor. Eher lebensratgebend, auf eine erfreulich subtile Art.

Ich kam erneut darauf, als ich gestern das letzte Album von Shirley Horn hörte. Bei dem ich auch wieder merkte, dass es sich doch auszahlt, ganze Alben zu hören, nicht immer nur geshuffelte Streaming-Fragmente und selbstmontierte Playlists. Die allerdings auch ihren Reiz haben, so ist es nicht.

„May the music never end”, aus dem Jahr 2003 jedenfalls. Zwei Jahre später ist sie dann gestorben. Darauf zum Beispiel eine Version von Yesterday, die sich von den üblichen Covern unterscheidet. Auf eine betont novembrige Art, ganz passend zu diesen Tagen. Was sich schon am Anfang zeigt: Wer steigt denn so in diesen Song ein und wie langsam kommt er daher. Wie kann man dafür zwei Minuten mehr als die Beatles damals brauchen.

Nun, bei älteren Menschen kann es etwas länger dauern, man kennt das, und manchmal ist es auch gut so. Am Klavier sitzt bei diesen letzten Studiobesuchen nicht sie selbst, sie konnte zu dieser Zeit nicht mehr, was man ihrer Stimme allerdings überhaupt nicht anhört. Es spielt George Mesterhazy.

Man kann das auf YouTube oder bei einem anderen Streamingdienst hören, auch das ganze Album ist dort verfügbar, und es lohnt sich auch. Aber in dem Sessel, vor dem Kamin und dem Plattenspieler, auf dem alten Teppich, neben dem Hund und dem Regal mit den letzten Alben, mit den vorbeikommenden Katzen – also es würde sich dort vielleicht noch ein wenig mehr lohnen. Könnte sein!

Aber, und auch das ist dann ein Glück, es reicht mir als Gelegenheitswunschtraum vollkommen aus. Mehr Energie muss ich in dieses Thema nicht investieren. Sonst wäre es auch nur ein weiteres To-Do, und wer könnte freiwillig noch eines haben wollen.

Ich gewiss nicht.

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Maßnahmen in der Beschäftigungstherapie

Ein Artikel, mit dem ich heftig sympathisiere, und der, wie seltsam, wiederum zu der gar nicht beabsichtigten Reihe der Texte über verrissene Prozesse passt: Needy Programs: „Newer programs (which are called apps now, yes, I know) started to want things from you.

Gefunden via Ligne Claire.

Ich wechsle bei dem privaten Notebook gerade Hardware und System. Ich kämpfe außerdem sowohl im Brotberuf als auch in meiner anderen Nutzung von Bürotechnik mit diversen, mir vollkommen sinnlos vorkommenden Updates. Mit Updates also, nach denen zwar irgendetwas anders und nichts besser ist, aber mindestens ein wichtiger Teilaspekt mit hundertprozentiger Sicherheit auf einmal komplizierter wird.

Gegen Jahresende neige ich ohnehin dummerweise zum Aufräumen, auch in digitaler Hinsicht.  Ein Gefummel an allen Fronten ist es, ein schier endloses Nachdenken über Accounts, Passwörter, Datenschutzeinstellungsklimbim, Zweifaktorgedöns und den ganzen Rest. Und da ist die Zeit noch gar nicht eingerechnet, die ich aufbringen müsste, um mich in Sachen Datensicherheit wirklich up to date zu befähigen, und die ich gar nicht habe. Denn viel zu schnell fällt man bei diesem Thema zurück und bleibt es dann auch mit einiger, haha, Sicherheit.

Ein Update für das Smartphone erscheint. Nur Stunden später gibt es die ersten Expertinnen-Videos dazu auf YouTube: „Ändern Sie nach dem Update sofort diese 28 Einstellungen!“ Was man an den langen Winterabenden so macht.

Nichts davon hat irgendetwas mit dem zu tun, was ich eigentlich an diesem Schreibtisch machen möchte. Es sind alles nur Verwaltungstätigkeiten der eigenen Beschäftigung, es ist Existenzadministration. Ich möchte hier nur sitzen, lesen und schreiben. Was ist das bitte mittlerweile für ein absurder Aufwand geworden, wenn man es online betreibt und nicht einfach einen Roman aus dem Regal und ein Notizbuch sowie einen Kugelschreiber dazu nimmt. Was eine allmählich doch wieder recht verlockende Vorstellung wird, wie auch diverse Ergebnisse aus der Trendforschung bestätigen.

Auch bei diesem Thema ist das alles, sind wir alle nämlich irgendwann falsch abgebogen. Auch dabei kann und kann es so nicht mehr richtig sein, stellt das alles längst keinen Fortschritt mehr dar, wie wir ihn einmal verstanden haben. Sondern lediglich noch eine hysterisch herbeigetextete und bramarbasierend beschworene Innovationsimitation.

„Aber er hat ja gar nichts an!“ sagte endlich ein kleines Kind.“

Pardon, es geht gleich wieder. Ich gehe kurz um den Block, das Notebook möchte ohnehin gerne neu starten, wie originell und situativ passend. Bitte sehr, bitte gleich.

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Das Bildmotiv des Tages sah ich auf dem Weg vom Büro zurück ins kleine Bahnhofsviertel. Das ist nicht meine Handschrift, ich besitze keine Spraydosen und ich war zur fraglichen Uhrzeit, welche auch immer es war, woanders. Versteht sich.

Graffiti an einr Brücke in der Hafencity "Fickt Euch Alle!"

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Die Weltoffenheit in Person

Die Kaltmamsell erwähnt hier einen Artikel in der SZ über „Kollektivitis“. Ich denke, es gibt da einen Zusammenhang mit den vorgestern von mir erwähnten vergurkten Prozessen. Man muss es gemeinsam betrachten, denn hinter jedem vergeigten Vorhaben stehen sicher viel Abstimmung und Absicherung. Mit einiger Wahrscheinlichkeit mehr denn je.

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Im Rahmen meiner am Sonntag befremdlich aufgelockerten Stimmung, ich berichtete, betrat ich einen Coffee-Shop und bestellte etwas, das ich noch nie bestellt hatte. Wie son spontaner Mensch, wie die Weltoffenheit in Person oder aber wie ein willenloser Konsument, der nach pawlowscher Manier auf das Spezialangebot der Woche anspringt. Man kann sich auch nicht immer im Griff haben.

Christmas-Latte jedenfalls, wozu man einerseits pubertäre Weihnachtswitze machen könnte. Wobei allerdings vielen Menschen mittlerweile vermutlich die assoziative Brücke zu „Warum liegen hier überall Tannennadeln herum?“ fehlt, aber das nur am Rande. Wenn Sie den Scherz nicht verstanden haben, erfreuen Sie sich bitte weiter Ihrer Jugend.

Andererseits kann ich es auch ernsthaft erklären, was das ist. Das ist hier immerhin eine serviceorientierte Veranstaltung, und Sie wollen das am Ende auch einmal trinken? Bitte sehr.

Christmas-Latte schmeckt, als hätte man ein Lebkuchenhaus aus dem Kinderzimmer entwendet, gemeinsam mit einem Schuss gemäßigten Espressos in heißer Milch püriert und dann sicherheitshalber noch reichlich nachgezuckert. Wobei man vermutlich, einer alten Internet-Tradition folgend, noch in Zauberermanier „Will it blend?“ gemurmelt hat. Wenn Sie auch diesen Scherz nicht verstanden haben … ach, egal (wir werden in den Seniorenheimen alle mit unseren albernen Meme-Erinnerungen in den Wahnsinn treiben).

Wie auch immer, es stellt sich heraus, dass man das tatsächlich trinken kann. Jedenfalls wenn es draußen sehr, sehr kalt ist und man in den nächsten drei, vier Stunden sicher kein anderes Essen bekommt.

In diesen Coffee-Shop ging ich eigentlich zum Zwecke der Entspannung. Nur um dann festzustellen, dass die Frau neben mir am Notebook lateinische Texte bearbeitete. Und ein Mann in der Nähe eine Partitur las, wobei er mit verhaltenen Gesten, aber doch gut sichtbar, ein imaginäres Orchester dirigierte. Eine Gruppe junger, wenn nicht sogar sehr junger Menschen diskutierte außerdem angeregt in englischer Sprache ein Projekt. Es fielen business-orientierte Fachvokabeln in großer Zahl. Von traditionellem Freizeitverhalten in meiner Nähe keine Spur.

Ich habe mir das alles eine Weile angesehen. Dann habe ich mein Notizbuch herausgeholt und nach Kräften „Ich bin Autor und skizziere künftige Kolumnen“ inszeniert. Man kennt es aus Tierfilmen, als Beobachter muss man sich immer ein wenig ans Umfeld anpassen, um nicht alles durch die eigene Präsenz zu versauen.

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Als Mensch mit Interesse an Stadtplanung und -entwicklung war ich außerdem wieder in dem neuen Rieseneinkaufsding am Hafen. Ich wollte dort nachsehen, wie die Weihnachtsdeko ausfällt. Alles mal vergleichen! Hier die olle Innenstadt, dort das shiny Einkaufszentrum. Diese Beobachtung fiel allerdings ernüchternd aus, denn man hat dort, nun ja, ein paar Lichterketten aufgehängt. Wenn der Dekorationsaufwand der Betreiber einen Bezug zum wirtschaftlichen Erfolg hat, ich würde ungefähr jetzt anfangen, mir Sorgen um die Zukunft dieses Standorts zu machen.

Blick auf das Westfielzentrum

Ich meine, ich habe hier Balkone in der Nachbarschaft, die wurden mit mehr Liebe und Aufwand dekoriert als die riesigen Hallen dort. Seltsam, seltsam.

Und nachdem ich jetzt dreimal und bewusst zu verschiedenen Zeiten sowohl dort als auch in den Fußgängerzonen ums Rathaus war, kann ich in Bezug auf die Besucherinnenmengen ein recht klares Ergebnis vermelden: Innenstadt versus Hafencity 3:0.

Aber schon klar, dieses Spiel ist noch lange nicht zu Ende.

Die Stahlglasstruktur der Station Elbbrücken (U-Bahn)

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Was schön war

Am Sonntag war es dermaßen spezialkalt in dieser Stadt, dass ich sogar auf dem nur vernunftbetont angetretenen Spaziergang in Richtung der winterbesonnten Hafencity einige ungewohnt tourismusfreie Bilder machen konnte. Viele Menschen blieben lieber in Cafés und Hotelzimmern, wärmten sich vermutlich aneinander oder an Heißgetränken mit und ohne. Die ersten gefrorenen Pfützen der Saison sah ich auch auf diesem Weg. Auf denen prompt nach dem strengen Gebot des ersten Buches Slapstick mehrere Menschen ausrutschten, inklusive rudernder Arme in der Luft und korrekt unterfüttert durch die spitzen Schreien der besorgten Begleiterinnen.

Blick über Museumsschiffe am Dalmannkai Richtung Elbphilharmonie

Blick über den unteren Weg am Sandtorkai zur Elbphilharmonie

 

Aus einem Blumenladen kamen mir Menschen entgegen, die in Papier verpackte, größere Gebilde mit Loch in der Mitte gekauft hatten. Unschwer als Adventskränze zu erraten, da Riesendonuts sicher auszuschließen waren. Jetzt schon, dachte ich unwillig, wie früh ist das denn. Das sind doch wieder solche, die ihr Leben etwas zu sehr im Griff haben. Die Überkorrekten kaufen jetzt, die Pedanten, die kalendermäßigen Prusseliesen. Dabei ist es doch erst! Dachte ich so bei mir.

Die menschenleeren Magellan-Terrassen

Dann sah ich tatsächlich auf dem Smartphone nach, welcher es eigentlich genau war, und es war selbstverständlich ein geradezu klassischer Fall von „Ach guck. Doch schon.“ Andere Familienmitglieder holten zu dieser Zeit, wie ich viel später am Tag merkte, sogar schon Weihnachten aus dem Keller. Here we go again, that escalated quickly.

Gefrorenes Brunnenwasser an der Willy-Brandt-Straße

Blick über den Niklaifleet zum Theaterschiff

Speicherstadt, Fleetblick

Blick über Sandtorkai

Am Nachmittag war ich ein, zwei Stunden allein in der Wohnung. Mit einer Wintersonne vor dem Balkon, die bemerkenswert attraktiv auf die dunkelroten Rosen in der Vase auf dem Wohnzimmertisch fiel, elegant drehende Stäubchen in den Strahlen. Es sah so hingefiltert und angerichtet aus, als wäre der Raum eine gekonnte Instagram-Inszenierung, durchgestylt mit der kaum zu bändigenden Energie junger Content-Creator.

Aber inszeniert oder nicht, es gefiel mir dennoch. Es gefiel mir sogar sehr, es war schön. Dazu lief dahergeshuffelte Musik, die mich in einem dieser eher seltenen Momente erreichte, in denen ich so etwas auch lässig annehmen kann. Deutlich leichter als mein übliches Zeug war der Song, nennenswert besser gelaunt. Er kam dermaßen gut an bei mir in dieser Stunde, es fehlte nicht viel, und ich hätte noch irgendwelche Körperteile im Takt bewegt.

Und warum auch nicht, dachte ich dabei so entschlossen, wie ich nur konnte, und warum auch nicht. Um dann zur Sicherheit gleich noch das allfällige Extrabreit-Zitat hinterherzudenken. So, wie es meine Generation nämlich seit nunmehr, halten Sie sich fest, 44 Jahren in solchen Momenten denkt: „Weil – das Leben ist doch hart genug.“

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Extra blankets for the cold

Volker Weber schrieb über ein zutiefst hoffnungsloses Thema: Digitale Prozesse in Deutschland. Wobei ich allerdings das etwas unheimliche Gefühl habe, dass wir kollektiv gerade dazu neigen, sämtliche Prozesse einer beschleunigten und dabei auch seltsam umfassenden Enshittification zu unterziehen. Keineswegs nur die digitalen. Es gibt mittlerweile eine kaum noch zu übersehende Neigung, Dinge zu verklemmen, zu verbiegen und aus der jeweiligen Konsumentensicht unnötig zu verwirren.

Als hätten wir allesamt da etwas verlernt. Oder als wären wir kollektiv überfordert von der Welt. Ähnlich wie ein Praktikant in der ersten Woche am Arbeitsplatz heillos lost ist. Vielleicht auch, als hätten wir irgendeinen entscheidenden Punkt überschritten. Oder was weiß ich, es übersteigt bisher in der Gesamtschau mein Deutungsvermögen, ich maße mir daher keine tiefere Erkenntnis an.

Aber auf eine gewisse Art scheinen wir jedenfalls seit ein paar Jahren, Verschwörungstheoretiker aller Art würden sicher zu „ab 2020“ neigen, als Gesellschaft weniger zu können, zu wollen und umzusetzen. Ich muss dieses Thema aber einigermaßen dringend beenden, bevor ich noch in bewährter Boomer-Manier auf das Römische Reich komme.

Besser ist das.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Zivilisationsfette abbauen

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Etwas Erfreulicheres, immer nach Möglichkeit für Ausgleich sorgen: Falls Sie so wie ich zum Herumspielen mit Playlists und zu eskalierenden Versionsvergleichen bei Songs neigen: Auf der Seite Secondhandsongs finden Sie Coverversionen. Viele, sehr viele Coverversionen. Ein wunderbares Kaninchenloch ist es, tief, vielfach verzweigt und herrlich ausweglos.

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Es ist ansonsten wieder Musiksonntag bei mir. Es muss heute, gerade noch rechtzeitig, die Playlist „Winter ohne Weihnacht“ geben, bevor wir alle wieder unter dem Hauptthema der Saison verschüttet werden, bevor auch in Hamburg am Abend programmgemäß die ersten Flocken fallen werden, wie zumindest der NDR behauptet.

28 Songs habe ich diesmal zusammengestellt. Songs, in denen es schneit oder friert, in denen November oder Dezember erwähnt werden, aber nicht – oder doch fast nicht, ganz ohne kommt man kaum durch – das Weihnachtsfest und sein assoziativer Anhang.

Angefangen bei dem Klassiker, der mir sofort einfiel, siehe auch der Titel dieses Posts. Janis Ian mit dem fortgeschritten traurigen Trennungs- und Vermiss-Lied: „In the winter“, in welchem sie den Kern kunstvoll auf zwei Zeilen reduziert:

“And in the winter extra blankets for the cold
Fix the heater, getting old”

Das Alleinsein, die Kälte, die Vergänglichkeit. Ganz ohne verbrauchte Bilder, das muss man auch anerkennen.

Bei „I am a rock” und „Hazy shade of winter“ kann man Simon & Garfunkel in der sehr jungen Version sehen. Neulich erst wurde Art Garfunkel 84 Jahre alt.

„Hazy shade of winter“ braucht es dann für mich auch in der Bangles-Version. Wobei mir auffällt, dass mir nicht besonders viel aus den Achtzigern geblieben ist, was ich heute noch gut finde.

Herman Dune kann ich gerade pausenlos hören, Mazzy Star und Laura Marling steuern Songs bei, die schon Klassiker geworden sind. Bei Phoebe Bridgers wird es in ihrer Merle-Haggard-Adaption noch einmal besonders traurig, und bei Vashti Bunyan hört man die Kälte, sieht man das winterliche Blau im Licht.

Ausblick von der Strandhöftspitze Richtung Elbphilharmonie, baluwinterliches Licht, eine Frau, von hinten gesehen, auf einer Bank

Das Duett von Mitchell & Cash war mir als Fundstück erfreulich neu, und neu waren mir auch Smith & Burrows. Zu Leonard Cohens „Winter Lady“ legte ich die Version des Avalanche Quartet, die übrigens eine ganze Reihe respektabler Cohen-Cover eingespielt haben. Wie auch die Cover von Ane Brun zu den gut Hörbaren gehören.

Der Gegensatz zwischen Tori Amos und Colter Wall ist dann schon satiremäßig ausgeprägt, einerseits der Liedanfang bei ihr:

“Snow can wait, I forgot my mittens
Wipe my nose, get my new boots on
I get a little warm in my heart when I think of winter
I put my hand in my father’s glove.”

Andererseits der herbe Start bei ihm:

“It was a cold and cruel evenin‘ sneaking up on Speedy Creek
I found myself sleepin‘ in the snow
For one or two odd reasons I ain’t too proud to repeat
For now we’ll say I had no place to go.“

Na, auch diese Liste wächst sicher noch weiter.

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Bericht aus dem abgekarteten Spiel

Der erste Schnee in diesem Land, den ich diesmal in meinen Timelines mitbekam, fiel in München. Dort hat die zuständige Bloggerin ihn gemäß heiliger Chronistinnenpflicht auch prompt akribisch notiert. Winter is coming, murmelt man da nach alter Regel, und man geht kurz darauf im Geiste sicherheitshalber kurz durch, ob und wo genau Mützen, Schals, Handschuhe und dergleichen bereitliegen.

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In der Innenstadt füllt es sich nun erwartungsgemäß schnell. Es wird deutlich enger auf meinen frühabendlichen Wegen. Gerade Linien kann ich kaum noch gehen, ganz ohne eigenen Alkoholkonsum. Aber apropos Alkohol, die ersten Glühweingrüppchen schwankten gestern schon an der Strecke, klirrendes Anstoßen mit Teambuilding-Gelächter nach Büroschluss. Passend zum ersten Schnee sah und hörte ich dazu noch erste Straßenmusikanten mit den obligatorischen Weihnachtskrachern. Auch schüchtern singende Pfadfindermädchen darunter, kaum zu hören eigentlich. Aber Geld gab es doch für sie, wie ich sah. Schon das bloße Hinstellen wurde da von den Passanten honoriert.

Der Kanzler hätte deutlich mehr Leistung verlangt, dachte ich im Vorbeigehen, und warum soll er nicht auch einmal recht haben. Auch wenn es vermutlich eine Premiere wäre.

Weihnachtsmarkt Spitalerstraße

Die ersten Menschen mit Geschenken unter den Armen liefen ebenfalls an mir vorbei. Bunte Verpackungen mit weihnachtlichen Motiven darauf, gedruckte Tannenbäumchen und Weihnachtsmännchen. Geschenkschachteln, die so seltsam gut sichtbar aus den Taschen oder Mänteln ragten, wie man es sich auch in einer New-York-Weihnachts-RomCom vorstellt. Wenn in der ersten Einstellung gleich klar werden muss, zu welcher Zeit im Jahr das Ganze spielt. Dann Schnitt und im nächsten Bild irgendwas mit Schnee, jemand schippt oder wirft einen Ball, aber den Schnee hatten wir hier noch nicht im Setting.

Dekoweihnachtsmannfigur mit Schlitten und Rentieren an Rathausmarkt

Seltsam gutaussehend waren sie jeweils, diese Geschenke. Und auch diejenigen, welche sie trugen. Beim ersten Menschen in dieser Besetzung dachte ich noch, guck mal, sieht aus wie in einem Prospekt. Beim zweiten Menschen dieser Art staunte ich, beim dritten Fall wurde ich dann doch misstrauisch. Das war eine junge Frau mit blonden Haaren, die beim kunstvollen Verwehen doch arg nach KI aussahen. Man muss jetzt sehr wachsam sein, wie wir alle längst gelernt haben. Mehr und mehr Skepsis ist überall angebracht, ist geradezu Bürgerinnenpflicht.

Der noch geschlossene Weihnachtsmarkt auf dem Rathausmarkt

Kommen Sie, wir verschwören mit, wir können das doch auch. Denn seien wir ehrlich (so muss man dabei unbedingt immer anfangen): Gecastet werden sie doch gewesen sein, diese Menschen mit den so auffällig gut sichtbaren Geschenken. Bestellt und orchestriert werden sie gewesen sein! Von wem auch immer. Sagen wir einfach, und wir sagen es leise, fast flüsternd, raunend: „Von denen.“ Dann kleine Kunstpause.

Weihnachtslieder über der Poststraße

Das wird schon so passen. Wir gucken außerdem geheimwissend dabei und zwinkern sicherheitshalber noch etwas. Unsere Stimmung sollen sie nämlich heben, diese Weihnachtssondereinsatztruppen. In der Stadt und im Land sollen sie Gemütlichkeit und Frohsinn verbreiten. Abgekartet und arrangiert ist das alles, gewiss auch in Ihrem Wohnort. Achten Sie einmal darauf: Dekorative Menschen mit einem etwas zu breiten, zu zahnweißen Lächeln, mit zu gutsitzenden Haaren und in zu neuer Wintermode, mit etwas zu schönen, viel zu demonstrativ getragenen Geschenken unter den Armen.

Leuchthängedings über dem Neuen Wall

Künstlich versüßen sollen Sie uns diese Vorweihnachtszeit selbstverständlich. Denn die Stimmung im Land, sie dreht trotz aller Bemühungen einfach noch nicht bei. Da wird jetzt massiv nachgeholfen, man dreht daran herum, man manipuliert.

Aber nicht mit mir! Haha, nein, nicht mit mir. Ich bin und bleibe durchgehend so schlecht gelaunt, wie ich möchte. Wissense Bescheid.

Leuchtskulptur Gerhofstraße

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Wie man auffällt

Neulich im Hauptbahnhof. Genauer in der Grand Hall. Als ich dort in der neuen Rolle des Percy Puddletree am frühen Abend etwas unwürdig Pizza essend herumstand und um mich herum wie üblich die halbe Stadt durcheinanderlief, habe ich überlegt, wer dort eigentlich auffällt. In dieser unüberschaubaren Masse der Vorbeieilenden. Unter den Passanten, im Volk, zwischen den Komparsen meiner erlebten Szenen. Das sind vielleicht weniger Menschen, als man zunächst denkt. Es sind etwa nicht jene mit gewissen körperlichen Besonderheiten. Es sind nicht große Leute, kleine Leute, dicke Leute, dünne Leute, wie es im Kinderlied heißt.

Nein, nach denen dreht man sich nicht um. Und es sind auch nicht die, welche gerade etwas machen. Selbst dann nicht, wenn sie weinen oder lachen, was beides nicht so häufig vorkommt. Die fallen mir vielleicht auf, weil ich auf so etwas genauer als andere achte, denn es könnte immerhin einen Text ergeben. Aber sonst guckt mit großer Wahrscheinlichkeit kein Schwein.

Wenn Sie im Hauptbahnhof auffallen wollen, wird es also vermutlich nicht reichen, dass sie einfach sind, wie sie sind. Ganz egal, für was Sie sich halten und wie Sie sich finden. So schön sind Sie in Wahrheit nicht, so hässlich sind Sie auch nicht, so wild fällt Ihr Bad-Hair-Day nicht aus, so seltsam sehen Sie ungeschminkt nicht aus und so schick haben Sie sich dann doch nicht gemacht. So charismatisch sind Sie nicht und vermutlich auch sonst einfach nicht seltsam genug. Nehme ich jedenfalls stark an.

Sie und ich, wir gehen da vielmehr einfach unter, in diesen zigtausend anderen Menschen, die blicklos um uns herum wimmeln.

Sie fallen aber auf, also so, dass man sich vielfach, hundertfach und öfter nach Ihnen umdreht, wenn Sie dort als offensichtlich zeitreisender Mensch auftauchen. Wie etwa jene Frau im Mittelalterkostüm, die man direkt von einem Marktplatz im 14. Jahrhundert hierher gebeamt zu haben scheint. Und die nicht nach dem üblichen und oft etwas lieblosen Mittelaltermarktkostümstandard aussieht, sondern seltsam echt. Es umgibt sie eine schwer zu beschreibende Wirkung, eine merkwürdige Aura, bei der man unwillkürlich denkt: „Moment mal …“


Oder wie die beiden Herren aus dem viktorianischen London, die sogar mehrere Gepäckstücke aus ihrer Zeit dabeihaben. Und die wirken, als seien sie soeben aus einem Dickens-Roman in diese Szene gefallen. Oder gerade noch im Versuch begriffen, diese Stadt auf einem Zwischenstopp bei einer abenteuerlichen Reise um die Welt zu besuchen, für die sie vielleicht nur achtzig Tage Zeit haben. Natürlich, da könnte der nahe Hafen eine Rolle spielen.

Für ein Reiseabenteuer allerdings wirken sie irritierend entspannt, und der eine stopft sich seine Pfeife geradezu aufreizend langsam. Sieht sich gelassen dabei um, mit einer Selbstsicherheit im Blick, wenn nicht sogar mit einem gewissen Klassendünkel, welcher dermaßen selbstverständlich wirkt, dass man sich auch bei dem fragt: Wie echt kann man denn bitte wirken?

Mir fällt beim Kauen und Gucken ein, dass man denken kann, was man will. Also beschließe ich, dass es echte Zeitreisende sind, diese drei sonderbaren Menschen. Und die Grand Hall im Hauptbahnhof ist also aus Gründen, die herauszufinden noch ansteht, offensichtlich eine beliebte oder aber auch notwendige Station bei denen.

Kreideschrift auf dem Pflaster: "Du weißt"

Erst als ich wieder zu Hause bin, fällt mir ein, wonach ich in dieser halben Stunde nicht Ausschau gehalten habe. Wie ein bemerkenswert dummer Anfängerfehler im Denken kommt es mir im Nachhinein vor. Denn ich hätte doch die Menge weiter genau prüfen müssen, und zwar vor dem Hintergrund der leider nicht rechtzeitig von mir gestellten Frage: Wer kommt hier aus der Zukunft?

Das also demnächst nochmal abchecken. Und dabei lieber gut und mit aller Vorsicht überlegen, ob man die dann etwas fragt oder nicht, diese Menschen von morgen. Wobei – wenn ich die gar nicht finde, auch nach längerer Suche nicht, heißt das dann … Oh, oh.

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Anmerkungen zur Langlebigkeit, zum Autokauf und zur Medienkunde

Meine Mutter: „Wenn ich morgen versterben sollte …“

Ich: „Also Moment mal bitte, morgen passt mir nun wirklich überhaupt nicht!“

Meine Mutter: „Ja, das will ich dann natürlich berücksichtigen.“

Eventuell habe ich gestern eine weitere Methode gefunden, auf recht leichte Art ein bemerkenswert hohes Alter zu erreichen? Da mal weiter dranbleiben.

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Dann zu einem Thema, zu dem ich nur einen ausgeprägten Negativbezug habe. Etwa im Sinne von: „Hoffentlich muss ich mich damit nicht auch noch demnächst befassen.“ Weil mich kaum etwas so wenig interessiert wie Autos, also abgesehen von Fußball, versteht sich. Vanessa kaufte ein Auto, und einfach war es wohl nicht.

Wie bei allem, was sie beschreibt, ist es aber interessant und lesenswert, auch für mich als ausdrücklich Desinteressierten. Man kann durch Blogs eben auch zu Gedanken über Themen außerhalb der Komfortzone der eigenen Interessen geinfluenced werden. Keineswegs nur zu Produkten, Reisen und Trending Audios on Instagram oder wo auch immer.

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Ich bin außerdem bei einem Event in dieser Stadt neulich etwas unvorsichtig an den Kameras des NDR vorbeigestrolcht, wodurch ich etwa für eine halbe Sekunde bei denen im Bild war. Zwei Schritte lang, anderthalb vielleicht nur. Ein schwarz angezogener Mann deutlich jenseits der besten Jahre, mit hochgezogenen Schultern in der kompakten Dunkelheit des Novemberabends. Eher undeutlich zu sehen und auch nur sehr kurz. So kurz jedenfalls nur, dass ich, als ich den Beitrag später zufällig online sah, selbst nicht sofort sicher war, ob ich das am Ende war oder einfach irgendwer in halbwegs ähnlicher Ausprägung. In meiner Altersklasse gibt es immerhin ein paar mehr in diesem Land und in dieser Zeit.

Dieser grummelig guckende Schrat da im eiligen Vorbeimarsch, dachte ich, so sieht das dann also für andere aus, wenn ich durch meine Reviere geistere. Es war eine wenig ermunternde Erkenntnis, es war eher eine Folge aus der beliebten Reihe: „Kein Tag ohne Demütigung“, aber wer sieht sich schon gerne im Fernsehen. Also abgesehen von denen, die dort beruflich auftauchen. Egal, dachte ich dann, es ist am Ende egal, denn es merkt ja sowieso keiner. Diese halbe Sekunde, die versendet sich sicherlich.

Aber gleich am nächsten Tag strahlte mich prompt eine der Kassiererinnen auf meiner täglichen Einkaufsrunde sichtlich begeistert an, als ich den Laden betrat: „Sie waren im Fernsehen! Ich hab’s gesehen!“

Und genau das wollte ich nur kurz zur stets interessanten Frage anmerken, welches Medium wie wirkt, denn es hat mich doch etwas beeindruckt. Einige Regeln von damals, also aus der schon fernen Zeit, als wir alle noch zur gleichen Zeit das Gleiche im Fernsehen gesehen haben, sie gelten wohl doch noch.

Ich fand es staunenswert.

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Postkartenmäßiger Blick von der Kennedybrücke in Richtung Rathaus

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