Der Titel ist ein Zitat aus dem Tagebuch von Max Beckmann, vom 1. September 1940. Im Original noch etwas länger:
„Nichts soll mich mehr aus der Fassung bringen – was auch geschehen mag.“
Die Formulierung wird so oder so ähnlich wie ein Mantra in dieser Zeit mehrfach wiederholt. Geschrieben wurden die Einträge in diesem Kriegsjahr in Amsterdam.
Ich war gestern am Abend noch in der Kunsthalle und habe daher nun eine Empfehlung für gleich zwei Freundeskreise, nämlich einmal für den Trupp „Moderne Kunst“ und einmal für die Anhänger der Literaturform Tagebuch.

Hanns Zischler, der mir neulich erst dieses Buch über Thomas Mann von Volker Weidermann vorgelesen hat: „Mann vom Meer – Thomas Mann und die Liebe seines Lebens“ (Verlagsseite, Empfehlung!) und den ich neulich auch erst in der Rolle des Thomas Mann in dem Film „Vaterland“ gesehen und ausdrücklich bewundert habe (Wikipedia, Empfehlung!), und der auch schon einmal Max Beckmann gespielt hat, las aus den Tagebüchern von Max Beckmann.
Und diese sind, man kann es kaum glauben, komplett online – und zwar hier. Gerade erst wurden die letzten Reste veröffentlicht, daher nun diese Lesung. Die Jahre 1903 bis 1950 umfasst die Edition, auch der Freundeskreis Geschichte kann sich da also angesprochen fühlen.
Man kann in den Texten lesen, suchen und stöbern, es wurde alles erschlossen, es ist alles verfügbar, ganz wunderbar.

Der Saal in der Kunsthalle war rappelvoll. Das ist mir auch eine Freude am Rande, dass solche Veranstaltungen, die doch eher spezielle Interessen bedienen, hier gut laufen, gut ankommen und auf ein dankbares Publikum treffen.
Zwei Anmerkungen schnell zum Inhalt der Tagebücher, zwei Bemerknisse. Zum einen hat Beckmann, wenn er von seiner Arbeit, vom Malen sprach, in nahezu allen Fällen das Wort „anstrengend“ dazugesetzt. Die Malerei stellt sich bei ihm fast durchgehend als belastende Mühe dar, teils auch mit Betonung der körperlichen Anstrengung. Vielleicht sieht man seine Bilder etwas anders, wenn man das weiß. Sie waren durchweg Schwerstarbeit für ihn.
Zum anderen kann man auch als Küchenpsychologe eine besondere Wendung interessiert zur Kenntnis nehmen und etwas darauf herumdenken. Im Jahr 1947 nämlich verlässt Beckmann das nachkriegsdepressive Europa und übersiedelt in die USA. Wobei sich sein Tonfall, seine Sprache, sogar sein Satzbau nahezu umgehend ändern.
Es drückt sich da schlagartig ein anderer Mensch aus, so hat es sich angehört. Ein wesentlich besser gestimmter, der anders, gelöster denkt und spricht und schreibt, der daher auch andere Dinge bemerkt und notiert und bis in den Satzbau entspannter wird. Dieser andere Mensch war selbstverständlich als Möglichkeit vorher schon in ihm, tritt aber nach der Reise erst in Erscheinung.
Wenn man also über Sein und Bewusstsein nachdenkt, über die Auswirkungen der Situation und der Umwelt auf das Ich, findet man hier ein Paradebeispiel, um die möglichen Effekte zu studieren. Und bekommt vielleicht sogar, wer weiß, Lust auf Veränderungen.
Schon um einmal festzustellen, ob man auch noch eine andere Version in sich hat. Ob man also auch noch zu solchen matrjoschkamäßigen Veränderungen befähigt sein könnte.

Tagebücher sind allerdings eine spezielle Literaturform und nicht alle lesen so etwas gerne. Wenn Sie aber eine Neigung dazu haben sollten: Ich wiederhole noch eben drei Empfehlungen zum Thema, da ich sie seit Jahren nicht mehr erwähnt habe.
Zum einen das unumgehbare Grundlagenwerk von Gustav René Hocke: „Europäische Tagebücher aus vier Jahrhunderten“.
Zum anderen das leichtere, kürzere und eher unterhaltend angelegte, flott zu lesende, aber durchgehend interessante „Tagebuchschreiben“ von Gustaf Georg Klein bei Wagenbach.
Und für den Einstieg ins eigentliche Vergnügen empfehle ich nachdrücklich die Tagebücher von Brigitte Reimann. Welche es auch gelesen von Jutta Hoffmann gibt: „Ich bedaure nichts und alles schmeckt nach Abschied“. Sicher eines der mitreißendsten Tagebücher aus der deutschen Literaturgeschichte, es hat mich sehr begeistert und auch animiert. Es ist so ein Tagebuch, nach dem man entweder mehr davon möchte oder selbst eines anfängt. Und warum auch nicht.

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