„Komme gleich wieder“

Der Mann vor mir an der Kasse ist jünger als ich, deutlich muskulöser auch. Einen Jogginganzug trägt er, und überhaupt hat er eine deutlich wahrnehmbare, freundlich wirkende Sport-Coach-Ausstrahlung. So ein Typ, der bereitstehen sollte, wenn man etwa in einer Turnhalle auf einen Kasten zuläuft, über den man laut Lehrplan zu grätschen hat. Wenn ich kurz an für manche traumatische Erlebnisse erinnern darf.

Er kauft erheblich mehr ein als ich, dieser Typ. Unmengen kauft der. Und ohne eine sherlockhafte Attitüde ausleben zu wollen, schon anhand dieser Einkäufe kann man ableiten, dass er vermutlich für eine Gruppe einkauft. Eine Wohngruppe, womöglich. Diese Kombination aus dermaßen vielen Packungen Fertigtortellini, Kochschinken der Hausmarke und Sahne, dazu diese Stapel von Spaghettipackungen und Fertigtomatensoße. Ich kenne andere Kunden in diesem Discounter flüchtig, die ähnlich einkaufen, und ich weiß, dass sie soziale Arbeit verrichten, dass sie tatsächlich Betreuer sind.

Ich weiß auch, dass es in nächster Nähe dieses Ladens mehrere Wohngruppen gibt, mit unterschiedlichen Ausrichtungen.

Der Mann bückt sich jedenfalls dauernd in seinen Einkaufswagen (der oben bereits erinnerte Sportlehrer brüllt in meinem Kopf dabei hohnlachend sein damaliges „Auf und nieder immer wieder!“), und er lädt unentwegt weiteres Zeug aufs Band. Und noch mehr und noch mehr. Auch Sixpacks mit Wasserflaschen, auch große Melonen, also auch schwere Ware dabei. Etwas angestrengt wirkt er dabei, ein wenig überfordert auch, trotz seiner so betont sportlichen Ausstrahlung.

Er sieht, um im Sportbild zu bleiben, mehr nach dem Ende eines Wettkampfs als nach dem Beginn einer leichten Trainingseinheit aus. Schon diese am Kopf klebenden, schweißnassen Haare. Wobei es allerdings einer dieser Tage ist, an denen wir vermutlich alle so wirken, landesweit, sobald wir uns auch nur ansatzweise irgendwie betätigen oder kurz durch die Sonne gehen müssen. Eine verschwitzte Solidargemeinschaft unter sengender Sonne sind wir in dieser Hinsicht. Und den kollektiven Bad-Hair-Day gibt es für alle noch dazu.

Ein Sticker: Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was ist.

Die Kassiererin, die immerhin während ihrer Arbeitszeit in klimatisierter Umgebung sitzt, wie einige Kundinnen vor mir im Smalltalk und mit Anflügen von Temperaturneid anmerken, bewegt die Ware in gewohnter Eile über den Scanner. Wieselflink also wird all das Zeug bewegt und weitergereicht. Der Mann lädt wieder ein. Sie nennt schließlich einen Preis. Er legt die letzte Packung Kochschinken in den Wagen, er richtet sich auf. Er steht vor ihr und sieht durch sie hindurch, vollkommen unbewegten Gesichts.

Etwas leblos sieht er auf einmal aus. Eine Reaktion auf die Kassiererin ist beim besten Willen nicht zu erkennen. Sie wiederholt den Preis daher etwas lauter und dann noch einmal, noch etwas lauter, aber dabei keineswegs unfreundlich. Nur mit etwas fester und ausdrücklicher werdender Betonung. Vielleicht so, wie eine Erzieherin im Kindergarten eine Anweisung heiter drei- bis viermal wiederholt, noch bevor sie die Geduld verliert und es ernster wird.

Schließlich wedelt sie mit behutsamer Geste eine Hand durch sein Gesichtsfeld, und er zuckt endlich zusammen. Atmet sehr tief und ruckartig ein und sieht die Kassiererin mit großen Augen an. Sieht dann kurz und sichtlich irritiert seinen Warenberg im Einkaufswagen an und sagt schließlich: „Entschuldigung, ich war kurz aus.“

Und das war ein Satz, das wollte ich nur eben sagen, den ich ganz außerordentlich nachvollziehbar fand. Einfach mal kurz ausgehen! Das ist es, was wir in Hitzewochen unbedingt zelebrieren müssen. Kurz auf Reset drücken, dann alles wieder hochfahren. Weil das System es gerade braucht, weil danach vielleicht etwas besser funktioniert oder auch überhaupt erst, es könnte doch sein. Man kennt es auch von den Windows-Computern.

Man sollte sich an dermaßen heißen Tagen wie in dieser Woche so oft aus- und wieder anschalten dürfen, wie es einem richtig und gesund fürs Betriebssystem vorkommt. Das dachte ich jedenfalls noch, als ich mich zuhause nach dem Einkauf und dem ungewöhnlich anstrengenden Rückweg durch die sengende Sonne kurz hinlegte, für mein eigenes kleines Reset-Erlebnis am Nachmittag.

Einfach mal weg sein, dachte ich mir, wenigstens zwischendurch kurz einmal weg sein.

Und dann war ich es auch schon.

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Jahre gab es …

Jahre gab es, ich weiß aber nicht mehr wann, vielleicht war es zu einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, da fiel die Hitze im Sommer nicht annähernd so heftig und beeindruckend aus wie in diesem. Also auch nicht dergestalt, dass man sie wirklich satt hatte, die Sommerglut, dass man diese Temperaturangaben im Wetterbericht einfach nicht mehr sehen konnte. Damals war es im Hochsommer nur ein wenig wärmer als sonst. Und das reichte dann gerade einmal für zwei, drei Erwähnungen im Smalltalk. Es war aber kein Aufregerthema. Und es war auch keine Schlagzeile wert.

Kurz nach diesen ein wenig wärmeren Tagen war dann auf einmal schon August und die Sonne brannte ohnehin nicht mehr so heiß. Das brachte es dann allerdings mit sich, dass man in manchen dieser Jahre zum September hin nicht genug oder sogar überhaupt nicht unter der Hitze im Hochsommer gelitten hatte. Dass man sie nur wie nebenbei abgetan und fast ohne jede Anstrengung durchgestanden hatte.

Was aber nicht genug war! Nicht genug jedenfalls, um die in unseren Breiten notwendige und auch seelisch überlebenswichtige Herbstbereitschaft herzustellen. Ohne die man doch die dunkleren Jahreszeiten in diesem Land nicht gut überstehen kann. In solchen Jahren fror man dann fast unweigerlich von Oktober bis März. Ein durchgehendes Klappern und Zittern war es. Und die lastende, lähmende Novemberstimmung, sie dehnte sich in manchen dieser Jahre auf bis zu sechs Monate aus. Sie quoll immer weiter grau und zäh über den Rand des ihr zugewiesenen Kalenderbereichs.

Denn man war einfach nicht bereit für das alles, man war nicht gerüstet. Der Herbst kam über einen, als sei er der erste und daher auch der schwerste Herbst überhaupt.

So ein Jahr ist dieses nun aber nicht, wie wir in dieser Woche mit Entschiedenheit bemerken wollen, noch während wir die vierzig Grad anpeilen, liebe Gemeinde. Um dabei wiederum im Torbergschen Sinne festzustellen, was auch an dieser Wetterlage noch ein Glück ist: Wir werden für den Herbst dann schon bereit sein! Das immerhin darf man ruhig annehmen. Vielleicht sind es die Ersten sogar in ein, zwei Tagen schon, und die müssen dann aber noch etwas warten.

Eine inhaltliche Brücke zum Klimawandel bietet sich an dieser Stelle leider nicht an. An dem ist wohl gar nichts noch ein Glück, und den gewöhnlichen und uns so nützlichen Herbst können wir metaphorisch dummerweise nicht in seine Bildwelt übertragen. Er stellt uns also nicht einmal diese geistige Form der angenehmen und entlastenden Ausflucht zur Verfügung.

Ein rettendes „Immerhin“ beim Klimawandel zu suchen, es ist wohl eine der sportlicheren Denkaufgaben. Und Denkaufgaben bei diesem Temperaturen, das wird ohnehin nichts.

Ein Sticker: Ich will keine Schokolade, ich will lieber Klimaschutz

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Ein mittleres Ergebnis

Draußen feierten die Menschen am letzten Wochenende fast rund um die Uhr irgendetwas. Auch die Nächte hindurch feierten sie, bis weit in die wee small hours of the morning. Die Fußballereignisse, den Sommer und Sonstiges werden sie wohl gefeiert haben. Man schrie herum, man grölte und lachte gellend. Auch tierhafte Geräusche waren dabei zu hören, bellende Füchse, röhrende Hirsche und das Grunzen der wilden Eber. Manche Menschen lachen seltsam und fast furchterregend, wenn man es in der Dunkelheit hört.

Man spielte außerdem enorm laute Musik aus besonders leistungsstarken Boxen. Welche, es war nicht zu überhören, auch in manchen Autos verbaut werden, mit denen man besonders gut immer wieder um den Block fahren kann.

Man sang sogar verschiedentlich gemeinsam. Es hatte nur leider nicht den geringsten romantischen Aspekt, es klang insgesamt verdächtig nach der typischen Geräuschkulisse aus Dokus über soziale Probleme. Es klang eher nicht nach heiteren Stunden am Lagerfeuer, am Ufer der mondbeschienenen Außenalster.

Und ja, ich würde es mir auch lieber etwas schöner denken, das alles. Aber die Lage, aber die Wirklichkeit, Sie kennen das.

Ein Sticker: Der Struggle so real

Unten an der Alster konnte man wie immer bei solchem Wetter auch tagsüber nicht mehr spazieren gehen. Weil die Trotzdemjogger, also die mit den hochroten Köpfen und dem ungesunden Flackern auf den Wangen, die mit dem verdächtig unrhythmisch gehenden Atem und mit den leicht irren Blicken einem sonst vielleicht kollabierend vor die Füße gefallen wären. Von der Hitze, vom Sport, vom Freizeitstress und von ihrer etwas grotesken Selbstüberschätzung niedergestreckt.

Und dann wäre man am Ende für dieses selbstverschuldete Elend auch noch zuständig gewesen. Wer könnte das wollen.

In der anderen Richtung, zum Hauptbahnhof und zur Stadt hin, lagen wieder etliche Menschen auf den Wegen herum. Manche in einer Haltung, als habe man sie dort, wo sie mit ausgebreiteten Armen und seltsam verdreht lagen, vor wenigen Minuten erst erschossen. Manche auch derart eingerollt, dass sie auf den ersten Blick gar nicht als schlafende Menschen zu erkennen waren, dass sie mehr nach einem Haufen Altkleider aussahen. Irgendwo aussortiert.

Obdachlose darunter, Betrunkene in allen Stadien der Alkoholeinwirkung. Partyleichen, Aperolopfer aller Altersklassen. Junkies, entweder selig auf Trip oder wimmernd auf Entzug. All diese oft auch aus unklaren Gründen aus dem Alltag gefallenen Menschen, die Sonstigen und die Mischformen der Verelendung aller Art. Es kommt da vieles zusammen.

Der Hamburger Kältebus fährt im Sommer an besonders heißen Tagen auch als Hitzebus, lese ich aus guten Gründen nach, und ich sehe ihn kurz darauf auch in der Innenstadt. Man könnte auch einen Rettungswagen rufen oder nach einem der herumpatrouillierenden Sozialraumläufer sehen, nach einer schlendernden Bahnhofsstreife vielleicht, wenn jemand in der prallen Sonne herumliegt und sich nicht mehr rührt. Ohnmächtig oder schlafend, was aber oft kaum zu unterscheiden ist. Oder wenn jemand gerade erst wankend und wie in Zeitlupe niedersinkt.

Manchmal sieht man, und dann mit nicht geringer Erleichterung, dass andere sich bereits kümmern, schon telefoniert haben.

Menschen, die jedenfalls Hilfe brauchen, so sieht es oft aus. Menschen, die aber manchmal durchaus keine Hilfe wollen. Weil sie keine Papiere haben, wie man dann vielleicht hört. Kaum ein Wort Deutsch können sie, aber „Keine Papiere“, das haben sie doch lernen müssen, und vermutlich schnell. Die dann jedenfalls abwinken und sich hastig weiterschleppen, um die nächste Ecke und weg, bloß weg.

Es kommt hier alles vor, und nichts daran ist einfach. Ich habe es bisher nie gelesen, glaube ich, aber es kommt mir nicht gerade unwahrscheinlich vor, dass an der Hitze mehr Menschen auf der Straße sterben, und schneller auch, als an der Kälte im Winter.

Am Sonntagmorgen gehe ich zum Bäcker. Ich zähle die Menschen, die gerade am Straßenrand erwachen. Es sind neun an diesem Morgen, auf einem Weg von vielleicht zwölf Minuten. Das ist hier ein mittleres Ergebnis. Wobei mir einfällt, zwischendurch an dieses Kinderbuch zu erinnern, denn es wird weiterhin Eltern und Kinder geben, die daran Bedarf haben und über das Thema reden wollen oder müssen: „Ein mittelschönes Leben“ von Kirsten Boie, mit Bildern von Jutta Bauer.

Entstanden in Kooperation mit der Hamburger Straßenzeitung Hinz & Kunzt, bei der sich auch immer wieder das Vorbeilesen lohnt.

Oder das Spenden, versteht sich.

Ein Sticker: Solidarisch sein ist unbequem. Bitte mach es trotzdem.

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Die Pose der letzten Sekunde

Ich schleiche durch die unerträglich heiße Wohnung und probiere kühlende Maßnahmen aus, teils gegen besseres Wissen. Das ist dennoch okay, finde ich, denn der Mensch möchte nun einmal etwas tun. Selbstwirksamkeit und so, da landet man schnell bei dem nicht eben tiefsinnigen Gedanken: Hauptsache, du machst irgendetwas. Wer aufgibt, der ist schon tot – man hört sich selbst beim Denken zu, schüttelt vielleicht kurz den Kopf und macht dann, wie immer, alles dennoch.

Blauen Himmel spiegelnde gläserne Hochhausfassaden

Ich trage also beispielsweise den großen und lange nicht gebrauchten Standventilator, er ist etwa so hoch wie ein Grundschulkind, aus der Abstellkammer in das Wohnzimmer. Ich stelle ihn in die Mitte des Raumes, schalte ihn ein und warte auf den ersten, äußerst angenehmen Luftzug. Dann wandere ich weiter ruhelos durch die Wohnung, in der ich an diesem Wochenende allein bin. Das ist auch gut so, denn andere Menschen strahlen bekanntlich Wärme und weitere Belästigungen ab.

Ich probiere in verschiedenen Räumen dies und das. Vereiste Wasserflaschen, nasse Laken, Durchzug oder auch nicht, was einem alles so einfallen kann. Ich gehe irgendwann auch wieder ins Wohnzimmer und schramme knapp am Herzinfarkt vorbei: Mitten im Wohnzimmer steht ein fremdes Kind.

Dass dann selbstverständlich nur der Ventilator ist. Aber so kann es kommen, denke ich mir, genau so kann es kommen. So stirbt man an Schreck, so also fühlt sich das an. Während das außerordentlich heftige Herzrasen langsam wieder nachlässt, denke ich das. Während der Körper allmählich wieder aufhört, seltsam zu beben, und während ich noch das ebenso merkwürdige wie unangenehme Gefühl verarbeite, tatsächlich einmal weiche Knie gehabt zu haben, von so etwas liest man doch sonst nur. Ich wüsste jedenfalls nicht, wann ich zuletzt weiche Knie gehabt habe. So also kann es kommen!

Dann liegt man da, hingestreckt und mit nicht mehr schlagendem Herzen, vor dem verdammten Ventilator. Der ungerührt und im Gegensatz zum liegenden Menschen davor immer weiter in Betrieb bleibt. Gründlich außer Betrieb ist nur der Mensch davor, dessen eine Hand vielleicht noch nach vorne gestreckt ist. Die immer weiter auf das Gerät weist, weil in der letzten Schrecksekunde reflexhaft noch das Grauen abgewehrt werden sollte.

Blauen Himmel spiegelnde gläserne Hochhausfassaden

Irgendwann findet die Familie mich schließlich in dieser Pose dort auf dem Parkett. Für die anderen wird es dann vielleicht so aussehen, als sei man beim Versuch gestorben, den Ventilator noch einmal, noch ein allerletztes Mal, etwas höher zu drehen. Und das werden dann alle gut verstehen, denke ich mir. Es wird vermutlich sogar als ein besonders zeitgemäßer Tod verstanden werden. Der Buddenbohm, so wird man im Smalltalk an den nächsten besonders heißen Tagen sagen, und ich kann es fast schon hören, wie man es sagen wird, der ist ja auch in seiner glühenden Dachgeschosswohnung verendet. Direkt vor dem Ventilator!

Und man wird einen Moment lang gemeinsam die Köpfe schütteln und sehr ernst gucken. Was dann auch vollkommen angemessen sein wird. Denke ich mir so. Viel mehr denke ich allerdings nicht an diesem Tag.

Aber andererseits: Immerhin habe ich überhaupt noch etwas gedacht. Es war nachweislich kurz Licht an im Hirn. Und es sind die kleinen Dinge, nicht wahr.

Blauen Himmel spiegelnde gläserne Hochhausfassaden

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Stillstand und Fortschritt

„Die Betriebstemperatur ist zu hoch, der Autor muss gekühlt werden!“ So lautete die immerhin klar verständliche Fehlermeldung auf dem Display der inneren Kommandobrücke. Dem ist unbedingt Folge zu leisten, denke ich mir, weswegen es hier wohl ein bis drei Tage Pause geben wird. Es ist einfach zu warm für alles, wie Ihnen sicher auch aufgefallen sein wird. Schon die Korrektur von Grammatik, Wortwahl und Tippfehlern ist mir gerade entschieden zu nah an einer handwerklichen, also körperlich fordernden Tätigkeit. Der Wunsch, einen Text zu schreiben, der irgendwem gefällt, und sei es wenigstens mir, er ist viel zu nah am Sport.

Und allein der Gedanke! Nein, nein.

Ein Sonnenhut, eher altmodisch, vor einem Poster, auf dem man Wasser erkennt

Es gibt Bücher um mich herum, es gibt Serien und Filme auf Streamingplattformen. Es gibt auch noch Podcasts und Hörbücher. Ich werde schon irgendwie zurechtkommen, auch ohne mich zu bewegen. Lassen Sie mich einfach hier zurück, ohne mich können Sie es schaffen.

Ohnehin darf ich mich aber gar nicht weiter beschweren, denn andere Menschen leisten sehr wohl etwas, auch bei diesen in einer idealen Welt gar nicht zulässigen Temperaturen. Andere Menschen stehen etwa souverän eine mündliche Prüfung durch, sogar noch im Fach Mathe, und haben damit das Abitur bestanden. So wie Sohn I gestern.

Der doch neulich noch erst so groß … (der Autor macht an dieser Stelle vage Gesten in Hüfthöhe) …

… und der jetzt aber (der Autor wedelt irgendwo über seinem Kopf herum).

Sie wissen schon. Es überfordert mich heute deutlich, es weiter auszuführen.

Bunte Deko über einer Straße in der Innenstadt

Es blitzt mehrfach, während ich dies schreibe. Grellgelbe Bilderbuchblitze auf dunkelblauem Grund über der Hamburgflagge auf dem Hotel gegenüber, sehr gut sieht es aus. Würde ich es fotografieren, gleich hätte man einen AI-Verdacht. Darüber könnte man auch länger nachdenken, nicht wahr, wenn man denn noch nachdenken könnte. Aber.

Donner rollt kurz darauf über Hamburg-Mitte hinweg und verhallt über der am frühen Morgen spiegelblanken Alster. Ein Luftzug weht kurz und verheißungsvoll durch unsere Wohnung. Ein Fenster schlägt heftig zu und unten auf dem Spielplatz rauschen die Blätter an den Bäumen und Büschen kurz und wild auf, im Zugriff einer Böe.

Der Luftzug bleibt dann aber allein. Er hatte keine Gefährten bei sich und zieht ohne jede Gesellschaft seinesgleichen weiter, er eilt zum Fenster hinaus und fort, durch die Straßen dieser Stadt. Er war nur ein versprengter Kämpfer der windigen Art.

Und so auch meine Gedanken an diesem Tag – eher vereinzelt auftretend.

Ein Segelboot auf der Außenalster, Frühabendlicht

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Linkwerk zum Wochenende

Gesehen:

Drogen-Reportagen sehe ich leider an, weil ich allzu oft einen Bezug zum eigenen Stadtteil herstellen kann. Diese hier ist eine, wo das nicht so auffällt, die man aber auch nicht gerade als mutmachend bezeichnen kann. Man sitzt im steten Kopfschüttelmodus davor.

Ein Grafitti, der Schriftzug Fentanyl

Auf arte sah ich zwei weitere Film-Dokus. Zum einen die über das Paar Ali MacGraw und Steve McQueen. Erst jetzt beim Schreiben fällt mir auf, dass sie das Mac im Namen hat, er das Mc, was für ein netter Zufall. Man kann sich allerdings mühelos eine etwas feministischere Perspektive der Doku vorstellen, es wäre sinnvoll gewesen. Dieses tendenziell durchklingende Verständnis, Männer lieben nun einmal schnelle Autos und Affären, die sind einfach so – ich weiß ja nicht. Etwas zu einfach gedacht vielleicht. Aber als ein Stück Kulturgeschichte dennoch interessant.

Zum anderen diese Doku über Orson Welles. Der darin besonders sympathisch wirkt, vielleicht sogar am sympathischsten von all diesen Film-Heldinnen und Helden in der Dokureihe. Ich habe keine Ahnung, ob er wirklich sympathisch war, aber die Wirkung ist zunächst überzeugend.

Einen Wes-Anderson-Film von 2007 holte ich dann noch nach: „Darjeeling Limited“. Mit Owen Wilson, Adrien Brody, Jason Schwartzman.  Ich habe allerdings nicht einmal ansatzweise verstanden, was Herr Anderson mir mit diesem Film sagen wollte. Vielleicht wollte er mir auch gar nichts sagen, kann ich mir vorstellen. Vielleicht wollte er mir nur einmal zeigen, was in seinem Kopf so abläuft. Und das immerhin wurde dann, wie bei ihm nicht anders zu erwarten, in exzellenten Bildern dargestellt.

Weswegen ich Wes Anderson also selbst bei kompletter inhaltlicher Ratlosigkeit genießen kann, und das ist doch auch ein schönes Kompliment.

Die noch leere Bühne des Schauspielhauses

Im Hamburger Schauspielhaus (ich war aus!) sah ich ein Gespräch aus der Reihe „Zukunft der Demokratie“. Es ging zwischen Mely Kiyak und Lukas Bärfuss um Sprache und Politik, auf durchgehend hohem Niveau. Mitgenommen habe ich Hinweise auf drei Bücher, die an diesem Abend mehrfach erwähnt wurden und bei denen ich den Eindruck hatte, ich sollte mir sie vormerken.

Zum einen die BBC-Reden von Thomas Mann, die Mely Kiyak herausgegeben hat: „Deutsche Hörer!“, zum anderen ihr Buch „Gute Momente“. Und dann noch der schmale Band von Lukas Bärfuss über seine Mutter: „Königin der Nacht“.

Der Abend war ansonsten ein klein wenig schmerzhaft, da er an einen Tag anschloss, an dem ich sämtliche Themen, die mir vor dem Theaterbesuch begegneten, ausgesprochen niveaulos fand, tendenziell dümmlich und meist auch sinnlos. Es war also einer dieser Tage, wie ihn wohl die meisten Menschen kennen werden, an dem man sich pausenlos fragt: „Was zum Teufel mache ich hier eigentlich!?“

Nach solchen Tagen kann die Begegnung mit Kultur und Feuilletoninhalten etwas herausfordernd sein. Aber auch das ist nichts Schlechtes.

Gelesen:

Bei Vanessa las ich über Klötzchen in Berlin.

In the dark times will there also be singing? Rebecca Solnit schreibt aus US-Sicht über die aktuelle Lage. Mit Bezug auf den Brecht-Klassiker „An die Nachgeborenen“, den Sie vermutlich ebenfalls noch aus der Schule kennen, wo er vermutlich bis heute auf dem Lehrplan steht. Und bei dem ich übrigens annehmen würde, dass man die letzten beiden Zeilen als junger Mensch eher unterschätzt, während man als älterer Mensch vielleicht etwas zu wissend nickt beim Lesen.

Und hier lernte ich noch einen neuen Begriff, der mir nützlich und verwendbar vorkommt: Boomer-Realism: „… upholding the illusion of normalcy“.

Eine Möwe auf dem Dach eines Alsterboots

Gehört:

Gerne gehört habe ich einen Podcast der Zeit, „Das Politikteil“, mit dem Gast Robert Habeck. Dem ich über 1:17 kaum widersprechen kann oder mag, dem ich auch zuhören kann, ohne ihn peinlich zu finden. Und wie viel will das heißen in diesen Zeiten! Interessante Ideen gibt er da von sich.

Bei ARD Sounds hörte ich vier kurze Pater-Brown-Geschichten von Gilbert Keith Chesterton: „Der Hammer Gottes“, „Der Unsichtbare“, „Das blaue Kreuz“ und „Die seltsamen Schritte“. Gelesen von Hans Korte.

Die Kriminalhandlung war mir dabei ziemlich egal, aber es gibt darum herum interessante Personen-, Situations- und Kulissenbeschreibungen. Selbstverständlich lese ich auch in der Wikipedia zum Autor nach:

„Gewöhnlich trug er ein Cape und einen zerdrückten Hut, einen Stockdegen und hatte eine Zigarre aus dem Mund hängen. Er vergaß oft, wohin er wollte, und verpasste den Zug, der ihn dorthin bringen sollte. Es wird berichtet, dass er mehrfach seiner Frau von entfernten Orten Telegramme schickte wie „Am at Market Harborough. Where ought I to be?“ („Bin in Market Harborough. Wo sollte ich sein?“), worauf sie antwortete: „Home“ („zu Hause“).“

Es gibt immer und zu jeder Zeit Menschen, die sind noch verwirrter als man selbst. Und auch das ist ein Trost.

Beim SWR hörte ich eine Diskussionsrunde in der Ausprägung Politologie und Geschichtsforschung: „250 Jahre USA: Das amerikanische Imperium –  Wie haben die USA die Welt verändert?“ (44 Min.) Es hebt die Laune nicht, dort zuzuhören. Aber es nützt ja nichts.

Ein neues Hörbuch fing ich auch an, nach Beendigung der „Lotte in Weimar“ von Thomas Mann. Und zwar ist es eine dieser Geschichten, die man mit einiger Sicherheit kennt, selbst wenn man sie nicht kennt. Weil man etliche Splitter daraus irgendwo gesehen hat, Spiegelungen davon und auch Ableitungen, Variationen: „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas dem Jüngeren. Verfügbar ist sie kostenlos in der öffentlich-rechtlichen Mediathek.

Vermutlich, nein, ziemlich sicher ist es das einzige Buch, bei dem ich den betont bildungsbürgerlich anmutenden Satz anmerken kann: „Ich kenne es bisher nur als Oper.“ In anderen Blogs, sehe ich, wird es auch gerade thematisiert.

***

Abschlussmusik. Es ist einigermaßen ruckartig wieder Sommer geworden, es ist sogar sehr Sommer. Da suchen wir uns also ein Lied mit dem passenden Titel, und selbstverständlich ist dann dieses hier die erste Wahl. Es kann gar nicht anders sein:

“For we are always what our situations hand us

It’s either sadness or euphoria …”

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Der Autor guckt einigermaßen fassungslos

Es gibt Situationen, Sie werden es vielleicht kennen, da erahnt man die Macht und die nicht steuerbare Leistungsfähigkeit des eigenen Unterbewusstseins auf einmal überaus deutlich. Vielleicht auch unheimlich deutlich. Man erkennt also wieder einmal, dass da Gedanken, Assoziationen, Verbindungen und Prozesse in einem ablaufen, von denen man mit dem vermeintlich so bewussten Selbst (was aber auch noch genauer zu definieren wäre, denn es ist, wenn man erst anfängt, es zu durchgrübeln, wahrhaftig kompliziert und vielschichtig, to say the least) zunächst nichts mitbekommt. Und zwar rein gar nichts.

Erst mit teils erheblicher Verspätung bemerkt man, dass da eine offensichtlich andere Instanz, die aber auch zu einem zu gehören scheint und in einem auch permanent tätig ist, wer weiß, vielleicht als eine Art Untergrund-Bewegung, sich einen kleinen Scherz geleistet hat. Vor dem man dann mit offenem Mund steht und bei dem man nach und nach erst versteht, was die innere Spaß-Guerilla da im Sinn hatte.

So ging es mir gerade gestern. Als ich nämlich am Nachmittag nach den Bürostunden mein Brotberuf-Notebook auspackte und dabei Radio hörte. Und ein Sprecher lapidar sagte, was mir bis dahin noch nicht prominent aufgefallen war: „Es ist Mittwoch, der 17. Juni …“ Ich hatte das Datum bis zu dieser Stunde schon mehrfach in Dokumente geschrieben und in diverse Programme eingegeben, aber es hatte nicht Klick dabei gemacht. Es kam mir nicht weiter auffällig vor. Es war nur irgendein Datum, eine fortlaufende Zahl von vielen.

Ich hatte es bis dahin keine Sekunde lang als das wahrgenommen, was es für mich doch lange Zeit meines Lebens vor allem war. Nämlich das Datum eines Feiertags, an dem die ganze damalige Republik frei hatte, obwohl doch lediglich ein Geburtstag gefeiert wurde. Nämlich Omas Geburtstag. Der stets im Garten ihres Hauses gefeiert wurde, an der großen Kaffeetafel. Denn am 17. Juni hatten mit Sicherheit alle Zeit und es war außerdem schönes Wetter. Kategorisch.

Was ich also einerseits am Morgen nicht einmal ansatzweise mitbekam, was mir nicht einmal beim mehrfachen Schreiben des Datums dämmerte. Was mich aber doch geradezu brav einen Text veröffentlichen ließ, in dem es prominent um meine Großmutter ging. Und sogar noch mit einem typischen Satz von ihr im Titel. Wie bitte geht denn das zu? Komme ich doppelt vor und kennen wir uns?

Oder, um den begnadeten Redner Giovanni Trappatoni noch einmal ins Spiel zu bringen und leicht zu variieren (ich verlinke hier den FC Bayern, was kommt noch alles …), was immerhin in diesen WM-Zeiten besonders gut passt:

Ein Autor ist nicht ein Idiot! Was erlauben Psyche?

Ein Sticker an einem Laternenmast mit der Aufschrift: Was bedeutet das alles?

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Nimm mal noch!

Zwei Ergänzungen noch zum Thema Kaffee wie damals, für die ich im ersten Text dazu keine Zeit mehr hatte. Zwei Momente, die ich bemerkenswert fand und die ich deswegen noch weiß, artverwandt mit den bereits erwähnten Madeleine-Momenten.

Zum einen war ich vor vielen Jahren, die Söhne waren noch klein und handlich, mit der Familie in einem Museum. Dort wurde etwas mehr Wert als in vergleichbaren Häusern auf die Inszenierung einer vergangenen Zeit gelegt. Sie wurde auch gespielt, nicht nur gezeigt. Es lief Musik von damals, es liefen Radiosendungen von damals, in Räumen, die so eingerichtet waren wie damals. Es ging um die Sechziger des letzten Jahrhunderts, es ging um das Jahrzehnt, aus dem ich komme.

Auch schauspielende Menschen liefen dort herum. Sie waren angezogen wie damals, und sie sprachen die Besucherinnen an, als sei jene Zeit noch präsent. Ein Wohnzimmer gab es, selbstverständlich exakt so, wie es in jenen Jahren üblich war. Und das war das Wohnzimmer meiner Großmutter. Also, natürlich war es das nicht im wörtlichen Sinne. Es hatte nur genug symbolstarke und enorm assoziationsbehaftete Stücke in sich und an den Wänden, die meinem Erinnerungsvermögen vollkommen ausgereicht haben. Ich setzte mich in einen Sessel und war nicht mehr in diesem Museum. Alice im Wunderland nichts dagegen, auf dem Sessel stand gewissermaßen „Setz dich“, und dann passierte Erstaunliches.

Ich war dort, wo ich herkomme. Es fühlte sich überzeugend an. Es war eine Erinnerungswelle wie selten zuvor in meinem Leben und vermutlich überhaupt der erste Flashback dieser Art, den ich erlebt habe. Wohl mein erster Fall von „The past is not even past.“ Bis dahin kannte ich es nur theoretisch.

Was aber in diesem Moment nicht nur mich betraf. Denn neben mir saßen andere, etwa in meinem Alter, denen es ähnlich ging, und wir sprachen dann auch darüber. Während wir sinnend den Aschenbecher auf dem Tisch anfassten, die Kaffeekanne, und während wir vorsichtig tastend über den Stoff der Sessel strichen.

Da war ich also auf einmal in einem anderen Sinne als jemals zuvor im Museum und wusste, meine Kindheit war allmählich wirklich lange her.

Zum anderen weiß ich noch, dass ich bei einem der ersten Besuche in Nordostwestfalen, als ich dort noch nicht alles kannte, zum Kaffee bei der Mutter meines Schwiegervaters war. Es war eine größere und feierliche Gesellschaft, ein Geburtstag vermutlich. Die meisten Gäste waren im hohen Alter. Es gab Kaffee, es gab Kuchen dazu. Auch den Kuchen, den ich aus meiner Kindheit kannte und der mittlerweile fast ausgestorben ist, also etwa den stets erwähnten Frankfurter Kranz, Bienenstich etc.

Den Kuchen hatte ich in dieser selbstgemachten Form seit Ewigkeiten nicht mehr gegessen, und schon das fand ich bemerkenswert. So bemerkenswert, dass ich es kaum ausdrücken konnte und vor lauter Gefühl zunächst gar nicht wusste, wie mir war. So bemerkenswert, dass ich nur selig vor mich hinfutterte. Und zwar von allem etwas, und wenig war das nicht. Das kam in dieser Runde gut an, und es wäre auch damals in meiner Familie gut angekommen: „Nimm mal noch!“

Das Erstaunlichste aber, das geradezu Gespenstische, war noch etwas anderes, waren nämlich die alten Menschen um mich herum. Denn diese Tischgesellschaft sah aus, als sei ich durch ein Zeitportal gegangen, in dem Moment, als ich dieses Wohnzimmer betreten hatte.

Es waren diese Frisuren, welche die älteren Frauen auch in meiner Kindheit hatten, die Perlenketten, die sie auch damals trugen, die Strickjäckchen, die Handtäschchen neben ihnen. Die Gäste waren in so vielen Aspekten meiner damaligen Familie ähnlich. Auch die Männer trugen die gleichen Krawatten und die gleichen schwarzen Anzüge wie damals. Es waren sogar ähnliche Typen, nur waren es doch andere Menschen mit anderen Gesichtern als auf meinen Familienbildern.

Es fühlte sich ungefähr so an, als sei ich als Kind zu einer Familienfeier gegangen und würde dort nun keinen erkennen. Oder als seien nur ausgerechnet jene Verwandten erschienen, von denen man nie genau gewusst hat, auf welche Art die eigentlich dazu gehörten: „Von der Kusine der Mann, dessen Bruder ist das!“, was man sich aber ohnehin nie merken konnte. Alle Gesichter hat man auch damals als Kind nicht parat gehabt. Aber klar war ja in jedem Fall, wer hier an der Tafel sitzt, er wird schon irgendwie dazugehören.

Es fühlte sich also an, als würde ich zwar seltsamerweise keinen erkennen, aber dennoch dieses überzeugende Vertrautheitsgefühl haben, welches einen bei manchen Aspekten von Kindheit und Heimat unweigerlich stark anweht.

Und dieses freundliche „Nimm mal noch“, das ich gerade zum ich weiß nicht wievielten Male hörte, es kam zwar von einer anderen, mir bis dahin nicht einmal bekannten Großmutter. Aber es war doch, da konnte es kaum Zweifel geben, die Wiederholung einer anderen, merkwürdig ähnlich klingenden „Nimm mal noch“-Aufforderung, die meine eigene Großmutter nämlich gerade eben geäußert hatte.

Gerade eben, vor etwa zwanzig Jahren.

Eine Putte an einer Laterne auf der Lombardsbrücke

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Ein leicht buttriges Gefühl

Ich glaube, es war jetzt schon das vierte oder fünfte Mal in diesem Jahr, dass ich in ein Café gehen wollte und dann scheiterte. Ich wollte dorthin, weil ich irgendwo, und sei es nur auf Insta, gesehen hatte, dass es dort besonders großartig sein soll, eine Location im Trend. Oder weil jemand den Laden für eine Verabredung mit mir vorgeschlagen hatte, der oder die wiederum irgendwo gesehen hatte … Und dann war dieses Café aber geschlossen. Zur besten Kaffeezeit, wohlgemerkt.

Blick von oben auf einen Tishc des Café Rathauismarktpassage an der Kleinen Alster, direkt am Wasser stehend

Wobei – ist das Wort „Kaffeezeit“ überhaupt noch ein Begriff? Früher war es in meiner Umgebung einer, in meiner Generation ist es wohl immer noch einer. Kaffeezeit, etwa zwischen 15 und 17 Uhr, mit einem deutlichen Peak um 16 Uhr. Man fühlt diese Zeit, ganz deutlich fühlt man sie. Man fühlt auch den die Uhrzeit begleitenden Kuchenhunger, besonders am Wochenende. Es ist ein Gefühl mit einem ausgeprägten Wochentagsbezug, eine Sonn- und Feiertagsemotion. Wir wurden so erzogen. Wir können nichts dafür, es wurde uns so mitgegeben.

Ein Café, das um 16 Uhr schließt, macht in meiner Gedankenwelt daher gar keinen Sinn. Das ist so unvernünftig wie ein Restaurant, in dem es ab 12 Uhr mittags keinen Mittagstisch mehr gibt. Oder wie eine Bar, die den Tag um 18 Uhr für beendet erklärt und die Stühle hochstellt. Eine seltsame Verschiebung des Lebenstaktes ist das, wenn nicht schon ein vollkommen anderer Lebensstil.

Natürlich, sie werden dort kein Personal haben, um die Öffnungszeiten noch anders bespielen zu können. Wie immer wird es alles erklären. Man kann es schon nicht mehr hören, aber es wird schon stimmen.

Blick von oben auf Außengastro ohne Gäste in der Speicherstadt

Wenn es allerdings so weitergeht, wird es am Ende auch eine klaffende Marktlücke sein. Und ich werde sie gewiss nicht schließen, greifen Sie gerne zu. Bieten Sie für meinesgleichen, und es gibt immerhin sehr, sehr viele von uns, Kaffee und Kuchen ausdrücklich ab 16 Uhr an, keine Minute vorher. Womöglich noch in einem Café, das quer zum Trend ausdrücklich gemütlich eingerichtet wurde. Mit Sofas zum Versinken, aus denen man nach drei Stück Torte nicht mehr hochkommt, und mit Sesseln zum Chillen, um die moderne Grundhaltung nicht komplett außen vor zu lassen.

Wobei ich mir vorstellen kann, dass eine besondere Form der historisch korrekten Inszenierung auch erfolgreich sein könnte. Wenn man nämlich Kaffee und Kuchen so anbieten würde, also in Ambiente, Ausstattung und Angebot etwa so, wie es unsere Großmütter Anfang der Siebziger getan haben. Schon beim Schreiben der Zeilen spüre ich verblüffend deutlich dieses buttrige Frankfurter-Kranz-Gefühl im Mund, sogar zu unpassender Uhrzeit.

Lounge des Hotels Reichshof

Sie wissen sicher, was ich meine, wenn Sie etwa in meinem Alter sind.

Auißengastro, weitgehend leer, auf dem Anleger Rabenstraße an der Außenalster

Nur beim Kaffee müsste man vielleicht doch lieber in der Gegenwart und bei dem mittlerweile Erreichten bleiben, bei dem über viele Jahre so schwer Errungenen in Bezug auf Espressoqualität usw. Denn zurück zur Dosenmilch, ich bin mir nicht sicher, das geht womöglich doch zu weit?

Obwohl – wer weiß. Vielleicht als Special auf der Karte? Als Highlight gar? Die Krönung aus der Filtermaschine, mit Dosenmilch und Würfelzucker. Für vollkommen absurde Preise, das versteht sich gewiss von selbst.

Denn was von ganz hinten aus der Geschichte der Moden von jungen Menschen liebevoll wieder nach vorne geholt wird, was also auf einmal hip wird, das muss entschieden mehr kosten als damals. Sonst wirkt es nicht, alte Regel.

Ich zumindest wäre in Versuchung, wenn ich so ein Café sehen würde. Vor allem dann, wenn ich es am Nachmittag sehen würde. Und ich würde vielleicht sogar das Special auf der Karte bestellen. Ja, mit Dosenmilch und Würfelzucker. In Erwartung eines Madeleine-Moments, mindestens in Drogentripqualität.

Ein Latte Macchiato, daben ein Notizbuch mit Kugelschreiber

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Aus allen Risiken raus

Und der Wind, er weht wütend weiter an jeglichem Tag. Die lokalen Medien berichten von stürzenden Bäumen, gesperrten Straßen und dergleichen, neue Warnungen folgen direkt darunter. In den Wetterberichten tauchen währenddessen überall 30-Grad-Tage in der nächsten Woche auf. Man benötigt aber viel Vorstellungskraft, um das für eine plausible Entwicklung zu halten.

Ich stehe am Sonntag wieder lange am Fenster und sehe mir das da draußen an. Den wärmenden Kaffeebecher halte ich dabei in den Händen. Unten schaukelt ein Elternpaar trotz der Schauer seine beiden Kinder. Der Tochter scheint das auch hervorragend zu gefallen. Jauchzend streckt sie ihre Füße, die in knallroten Gummistiefeln stecken, immer wieder in Richtung Himmelsgrau. Ihr kleinerer Bruder dagegen wutweint schmollend und durch irgendetwas ebenso fundamental wie unzumutbar gekränkt auf seiner Schaukel.

Welche die Mutter auch bloß nicht anfassen soll, wie man an seinen abwehrenden, wild fuchtelnden Händen leicht und auch aus größerer Entfernung erkennen kann. Der Junge hat außerdem ein dringendes Anliegen. Welches er über eine erstaunlich lange Zeit schreiend wiederholt, und zwar dermaßen laut, dass eine stattliche Anzahl der Anwohnerinnen ringsum etwas davon haben kann. Es klingt ein wenig wie diese Schlachtrufe, die man auch aus Fußballstadien kennt: „Zu-hau-se-gehen!“ Die Betonung liegt auf allen Silben, versteht sich.

Immer wieder und wieder ruft er das. Ich mache das Fenster auf, um zu erfühlen, wie kühl es sein mag, ob Rollkragenpullover nun wieder statthaft sind. Der Junge sieht kurz zu mir hoch, ich winke ihm freundlich zu. Er guckt böse zurück und bleibt mit Vehemenz bei: „Zu-hau-se-gehen!“ Nunmehr wird es versuchsweise in meine Richtung, also nach oben gebrüllt. Zuhause ist es auch nicht immer schön, denke ich mir da als Mensch mit viel Lebenserfahrung, und überlege dann, ob dieser Satz wohl pädagogisch wertvoll genug sein könnte, um ihn dem kleinen Wüterich zuzurufen.

Ich verzichte dann aber darauf. Eltern legen meist keinen Wert auf oberschlaue betriebsfremde Personen, wie ich aus eigener Erfahrung noch gut weiß.

Ich beobachte die Wolkenverteilung am Himmel über Hamburg, die jagenden Schauer, die Windrichtung. Ich sehe mir genau an, wie heftig die Böen heute in das Laub der Bäume und Büsche greifen. Lange sehe ich mir das an, länger als es dauert, einen großen Kaffee zu trinken. Ich vermute dann weitere Entwicklungen, verwerfe sie wieder und schätze die Lage erneut ab. Und schaffe dann etwas später am Tag einen immerhin zweistündigen Spaziergang. Ohne dabei nass zu werden! Ohne auch nur einen einzigen Tropfen abzubekommen.

Da muss man dem verdammten Wetter also widerstrebend auch noch dankbar sein, verhilft es einem solcherart doch zu signifikanten Erfolgserlebnissen, mit denen man am Wochenende gar nicht unbedingt rechnet.

Sie sehen, es liegt ein Immerhin in allem, man muss es nur finden und freilegen.

Ich fahre mit der S-Bahn nach Altona, gehe runter zum Altonaer Balkon und weiter zur wüst bewegten und chaotisch gekräuselten Elbe und am Dockland vorbei.

Blick vom Altonaer Balkon auf die Elbe und den Hafen

Das Dockland an der Elbe

Das Dockland unter wolkigem Himmel

Ich hätte auch auf das Dockland hinaufgehen können, der Aussicht und der Bilder wegen, aber wer weiß, wohin es mich von dort aus verweht hätte. Am Ende hätte es hier keinen Montagstext geben können, es war nicht abzusehen. Denn Sturm, alte Regel, ist gefährlicher, als man denkt. Ich reiße mich nur mühsam zusammen, nicht schon wieder mit alten Orkan-Geschichten anzufangen. Opa erzählt vom Krieg, ich weiß.

Das mit der Gefahr jedenfalls, das denken sich wohl auch einige Touristen, die auf halber Höhe des Gebäudes erstaunlich schräg in den Böen stehen und die dann doch lieber umkehren. Selfies mit verwehten Haaren vor den Gesichtern und ordentlich Wellengang im Hintergrund, sogar ein alter Dreimaster dümpelt situativ passend vorbei, da hat man zu-hau-se dann etwas zu erzählen.

Am Alten Elbtunnel steht diesmal keine touristische Schlange, ich kann Ihnen also diesmal die neulich versprochenen Fotos zeigen.

Das Treppenkonstrukt im Alten Elbtunnel

Das Treppenkonstrukt im Alten Elbtunnel

Das Treppenkonstrukt im Alten Elbtunnel

Eine Röhre des Alten Elbtunnels

Eine Röhre des Alten Elbtunnels

Auf denen man aber nicht erkennt, was der besonders großartige Effekt in diesem historisch wertvollen Tunnel ist, in diesem besonderen Baudenkmal. Denn wenn man an einem solchen Tag dort hinabsteigt, über die wunderbaren alten Treppen, wenn man langsam durch die alte, gekachelte Röhre nach Südelbien geht, dann hat man die ganze Zeit einen besonderen Genuss: Es ist vollkommen windstill dort unten. Und es regnet auch nicht rein.

Man ist für eine Viertelstunde also aus allen Risiken raus. Es ist kaum zu beschreiben, wie entspannend das an solchen Tagen sein kann.

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