Ich habe die Reihe mit der Wochenendkultur erfolgreich fortgesetzt. Also erfolgreich nur in dem Sinne, dass etwas stattfand, nicht dass ich jetzt kulturell aufgelevelt wäre. Immer realistisch bleiben.

Verabredet war ich ein wenig außerhalb meiner Komfortzone zum Besuch moderner Kunst, nämlich der von Ho Tsu Nyen aus Singapur. Videoinstallationen und dergleichen. Definitiv nicht meine Welt, nicht mein Geschmack, nicht mein Interessensbereich. Aber ja, keine Frage, auch so etwas zwischendurch mitnehmen. Sich vielleicht überraschen oder sogar bekehren lassen, weiterhin lernen wollen, flexibel, geistig wendig und offen bleiben oder werden usw. Sie kennen das.
„Lebe wild und gefährlich, Artur.“
Womöglich waren Sie bei diesem Zitat so unbedarft wie ich. Sie haben vielleicht, wie viele andere auch, lange Zeit gedacht, dieses Zitat habe mit Arthur Rimbaud zu tun? Dem ist nicht so (dieses Blog ist nicht mehr aktiv, aber man könnte dort glatt noch etwas rückwärts lesen, so ein anziehendes Thema ist das).
Während ich normalerweise bei moderner Kunst eher unschöne Abwehrreflexe habe, werde ich allerdings vergleichsweise handzahm und zutraulich, wenn mir das jemand betont kundig erklärt. Etwa eine Kuratorin, Künstlerin, Sammlerin, Topcheckerin etc. Um mich also in der Ausstellung halbwegs gesellschaftstauglich zu benehmen, sah ich mir vorher Videos von Ho Tzu Nyen an. Und siehe da, ich fand ihn recht sympathisch. Das war schon einmal ein guter Anfang, ich gab mich danach etwas angetauter.
Dann die Ausstellung. Schon von der Lautstärke her war sie trotz bester Absichten einigermaßen herausfordernd. Lautstärke ist leider auch so ein Thema, bei dem ich mit den Jahren nicht eben duldsamer werde.
Ich machte mir also zunächst ausführlich Gedanken über den Horror, dort ganztägig als Aufsicht herumlaufen zu müssen. Unaufhörlich durch abgedunkelte Räume mit zig Projektionsflächen zu wandern, auf denen unentwegt meist schwarzweiße Filmschnipsel aus Südostasien laufen. Teils algorithmisch immer wieder neu zusammengemixt in der Bild- und Tonspur. Und da geht man dann durch, acht Stunden lang vielleicht. Es kam mir kurzgeschichtentauglich vor, diese besondere Belastung, bei der der innere Monolog der Hauptfigur sicher auch zusehends verschnipselt wird, in immer wirreren Schleifen abläuft und zunehmend seltsame Effekte auf der Tonspur hat. Vielleicht hätte man daraus aber auch eine Art Meta-Video-Installation ableiten können … wie auch immer. Ich kam gedanklich jedenfalls ab, bevor ich richtig drin war, ich trieb schon wieder Nebendinge.

Dann aber las ich halbwegs strebsam etliche Erklärtexte. Ich sah mir Filmschnipsel und Sequenzen an, ich hörte zu und gab mir Mühe. Und zwar gab ich mir exakt so viel Mühe, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, sondern im Zwischenzeugnis auch bei diesem Thema stehen könnte: Herr Buddenbohm war stets bemüht. Immer ein gutes Gefühl.
Aber.
Das ist insgesamt nicht meins, und das wird auch nicht meins. Was auch nichts macht, denn man kann und muss sich auch nicht für alles begeistern. Die Ausführungen zum Werk fand ich an einigen Stellen dennoch interessant, und ich verstand auch, oder meinte zumindest, es zu verstehen, was den Meister da gereizt hatte und wie sein Vorgehen und Verbasteln jeweils motiviert war. Und kam dann zu einem Schluss, der aber, das müssen Sie jetzt einfach glauben, nicht so größenwahnsinnig gemeint ist, wie er vielleicht klingt, denn es ist selbstverständlich eine rein abstrakte Überlegung: Ich könnte mir eher vorstellen, solche Kunst zu machen, als sie zu genießen oder auch nur interessiert zu besuchen.
Und ich komme jetzt erst beim Notieren auf den erheiternden Gedanken, dass es auch Menschen wie Ho Tzu Nyen durchaus ähnlich gehen könnte. Theoretisch zumindest. Und das wäre dann schon die zweite ableitbare Geschichte. Wenn es so weitergeht, schreibe ich doch wieder welche.

Dann gingen wir noch ein wenig durch den Rest des Hauses, an anderen Phasen der Moderne und an älteren Werken vorbei. Aber das schon mehr nebenbei, denn die Konzentration wandte sich mehr und mehr meiner Begleitung zu, welche ich dort zum ersten Mal traf. Immer noch gibt es einige bloggende Menschen, die so wie ich seit gefühlten Ewigkeiten dabei sind, die mich und die ich also manchmal seit vielen Jahren lese, die ich aber noch nie leibhaftig gesehen habe.

Immer noch, nach all den Jahren, kann ich also ab und zu durch so ein Treffen ein Kennenlernen aufarbeiten, das aufgrund des gemeinsamen Themas bereits seit zwanzig Jahren interessant gewesen wäre.
In diesem attraktiven Sinne also traf ich Frau Klugscheißer, welche mir wiederum in ihrem Text zum Tag ein denkwürdiges Kompliment gemacht hat: „Wären wir beide nicht dem Alkohol abgeneigt, würde ich mich mit Herrn Buddenbohm durchaus gerne mal betrinken.“
Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Was schon daran abzulesen war, dass wir uns erstaunlich lange und auch noch gerne ausgehalten haben. Und jetzt, wo ich mit etwas Abstand drüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass mir ein Kompliment dieser Art tatsächlich gerade deutlich gefehlt hat. Es handelt sich bei Frau Klugscheißer also vermutlich um einen Menschen mit besonders feiner Intuition, wie sympathisch ist das denn.
Ansonsten nur noch drei Kunsthallenbesuche und ich bin mit der Jahreskarte im Plus. Ich werde nach Möglichkeit berichten.
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