Gern gesehene Figuren II

Es scheint mir eine auch in diesen Zeiten nützliche Übung in der Wahrnehmung des Positiven zu sein. Ähnlich wie bei der aus verschiedenen Blogs bekannten Reihe „Was schön war“, also mache ich mit dem hier begonnenen Format noch etwas weiter.

So sind mir etwa jene Typen ausdrücklich sympathisch, die eine gepflegte Verrücktheit lediglich in einem kleinen Teilaspekt ausweisen. Komplette Verrücktheiten, die hier auch reichlich vorkommen, finde ich dagegen eher anstrengend. Weil mir selbst das permanente Auffallen und Darstellen so überaus unangenehm wäre, es hat sonst keinen rational vertretbaren Grund.

Mit jenen Menschen aber, die nur partiell ein wenig aus dem Rahmen der Konvention fallen, die in gebotener Dezenz verrückt sind, sympathisiere ich sehr.

Verrücktheit nicht im negativen Sinne, versteht sich. Eher als interessante Abweichung von der Norm, von unserer kollektiven Erwartung gemeint. Wie etwa bei jenem Herrn, der hier schon mehrfach erwähnt wurde, weil ich ihn öfter sehe. Bei diesem Herrn, der so sehr nach erfolgreichem Notar aussieht. Oder vielleicht nach dem Chef einer Privatbank von Bedeutung, davon laufen in Hamburg immerhin auch einige herum.

Ein distinguierter Herr also. Wobei man den Ausdruck wohl kaum noch gebraucht. Sehr schön, aber das nur am Rande, sind die hier gelisteten verwandten Ausdrücke: edel, erhaben, erlaucht, hehr, illuster). Sagen wir einfach, er sieht nach Vermögen, Bildung und Stil aus. Wenn Sie spontan auf andere Berufe oder gesellschaftliche Positionen kommen, die für Sie plausibel diese Mischung ergeben können: Es ist schon recht. Sie können das so einsetzen.

Wie in einem vermutlich ebenfalls kaum noch bekannten Tango von Milva gehört er zu den Männern mit den graumelierten Schläfen:

„Das sind die Männer mit Erfolgen und Erfahrung
Sie sind für jede Frau ein wenig Offenbarung“

Allerdings gibt es eine dezente Abweichung im Bild, eine kleine Störung im Klischee. Denn der Herr trägt zwar einen dunkelhanseatenblauen Anzug, wie er feiner kaum ausfallen kann, mit einem derart perfekten Sitz, dass man spontan einen starken Maßschneiderverdacht haben kann. Aber er trägt dazu hochhackige Pumps. Auf denen er zudem, das Bild ist eindeutig, gekonnt geht. Fast möchte man sagen, besser als manche Frau.

Und neuerdings gibt es ein Pendant zu diesem Herrn. Er hat eine Parallelfigur bekommen, mit Ähnlichkeit in der Ausführung etwa des Anzugs und überhaupt im ausgestrahlten Niveau, welches man ihm unterstellen zu können sofort glaubt, wenn man ihn nur flüchtig betrachtet. Seine kleine Abweichung trägt er allerdings nicht an den Füßen, sondern vielmehr auf dem Kopf, wo wir neonpink gefärbte Haare sehen. In einer Frisur, die fast eine normale für Männer seines Alters und seines Berufsstandes sein könnte. Ein gewöhnlicher und gepflegter Schnitt. Nur einen Tick voluminöser fällt das Haar vielleicht aus. Etwas wogender steht es auf seinem Kopf und hat ein wenig mehr freudige Üppigkeit, so dass es nicht nur durch seine Farbe auffällt.

Ich stelle es mir nun als eine Art Sonderglück im allgemeinen Stadtbildlotto vor, diese beiden nebeneinander an einer Ampel stehend warten zu sehen. Zwei Herren, die sich vermutlich gar nicht kennen, sich aber doch so überaus sinnig ergänzen. Bisher habe ich sie allerdings nur in weiten zeitlichen und auch räumlichen Abständen wahrgenommen.

In einer Fernsehserie, das versteht sich fast von selbst, würde man bald herausfinden, dass sie das, was sie beruflich betreiben, diese Kanzlei, Bank, Praxis oder was auch immer es genau sein mag, selbstverständlich entweder gemeinsam führen oder aber in direkter Konkurrenz zueinander. Irgendwie müssen sie zusammengehören.

In der Wirklichkeit hilft uns erst einmal nur, diesen Bezug wenigstens zu bemerken und zu beschreiben, sich den bereits gestern erwähnten sinnigen Zufall als Verbindung zwischen so vielem wenigstens zu denken.

So bleibt man immerhin geistig beschäftigt, selbst wenn man gerade nur an Ampeln herumsteht und sich irgendwelche Menschen in der Großstadt ansieht. Auch schön.

Ein Sticker: More sweet nonsense please

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Antreten zum Wochenbeginn

Ich hatte mich neulich in diesem Text mit der Rechtschreibung und vor allem mit fehlenden Bindestrichen befasst, das fand sogar ungewöhnlich viele Leserinnen. Passend dazu hörte ich gerade einen Podcast der Zeit, der Sie dann folgerichtig auch interessieren könnte. Aus der Reihe „Woher weißt Du das?“ nämlich die Folge „Wozu Rechtschreibung, wenn KI jetzt alles korrigiert?“ (47 Min.) Ein Interview mit dem Linguisten Simon Meier-Vieracker, sicher vielen von TikTok, Instagram etc. bestens bekannt.

Darin werden etliche Aspekte rund um die Rechtschreibung angesprochen. Bis hin zu dem seltsamen Umstand, dass die Fehler von Frauen stärker beachtet werden als die von Männern. Fand ich alles hörenswert.

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Falls Sie aufgrund der Nachrichtenlage in den letzten Tagen von diesem Jahr mittlerweile endgültig genug haben, was ich durchaus nachvollziehen könnte, denn wer könnte es nicht: In der Buchhandlung sah ich am Sonnabend ein neu aufgestelltes Hinweisschild: „Die Kalender 2027 sind da.

Mit anderen Worten, dieses Halbjahr geht auch vorbei. Es ist zwar in der Regel und nach aller Erfahrung nicht so, dass mit dem nächsten Jahreswechsel mildernde Umstände oder gar reihenweise Glückslose verbunden sein werden. Aber da sich der Alltagsmythos, ein frisches Jahr habe etwas von „Neues Spiel, neues Glück“ doch hartnäckig hält und vermutlich weiterhin trotz aller Irrationalität als tröstlich und hilfreich empfunden wird, können wir das immerhin zum Vorausdenken im Sinn behalten. Man muss sich in diesem Zusammenhang auch nicht rationaler als der Rest der Welt verhalten, nehme ich an. Wozu sollte es dienen.

Zur Nachrichtenlage schrieb ich ansonsten vor drei Tagen an anderer Stelle, was auch hier noch einmal zitiert werden kann, wegen bleibender Gültigkeit:

„Die Nachrichtenlage weckt wieder aus dem Familienleben bekannte Gefühle: Man möchte das alles am liebsten kurz und ruppig aufräumen. Man möchte einmal flott die nähere Zukunft durchregeln und dann noch ein paar klare Ansagen zur generellen Lage machen.

Wie so ein angefressenes Elternteil, das sich in gebotener Eile durchs Chaos im Kinderzimmer fräst und dabei laut knurrend pädagogisch Wertvolles befindet.“

Denn es war wieder so eine Woche, also die letzte, in der nicht nur ich dermaßen angewidert von diversen Entwicklungen war, dass es geradezu körperlich wehtat. Es reicht einem allmählich mit dieser Wirklichkeit, man möchte sie ob ihres Verhaltens ungewöhnlich scharf verwarnen, und das ist noch milde gedacht und gesagt. Diese erschreckend missratene Wirklichkeit, die sich immer weiter fatal zu entwickeln scheint.

Ein Sticker, von Hand beschriftet: "If only closed minds came with closed mouths."

Wie jemand, der zusehends auf die schiefe Bahn gerät, dabei noch Fahrt aufnimmt und partout keinen guten Rat hören will – man kennt das Verhalten so auch aus Familiengeschichten.

Und man steht mit steil erhobenen Augenbrauen daneben, warnt immer weiter und sieht zu, ein wenig auch wie beim Unfall auf der Autobahn. Man sieht zu und voraus und wehe, wehe … Aber wir trauen uns kaum noch, auf das Ende zu sehen, wenn wir ehrlich sind.

Man sieht nicht recht, wie man noch gegensteuern könnte. Es ist ein wenig wie ein Rätsel, das wir einfach nicht lösen können. Aber egal! Alles dennoch machen. The week 28 expects that every man will do his duty. Frauen sind diesmal mitgemeint, eh klar.

Auch wenn sie es historisch keineswegs waren, damals vor Trafalgar.

Nachtrag: Direkt nach dem Verfassen dieses etwas mindergelaunten Textes griff ich zu einem Buch, hauptsächlich um nicht schon wieder irgendwo versehentlich Nachrichten mitzubekommen. Den „Billy Budd“ von Melville nahm ich mir vom Nachttisch, eine überfällige Bildungslücke zu schließen. Deutsch von Richard Moering, in der Diogenes-Ausgabe versehen mit einem Essay von Albert Camus. Da ahnt man dann schon, heiterer wird einen dieses Buch auch nicht stimmen. Ansonsten wusste ich aber nichts über den Inhalt der Novelle.

Wer aber tritt ebenso prompt wie unerwartet in dem Buch auf? Auf welches Zitat wird wohl gleich in den ersten Kapiteln Bezug genommen? Genau, der olle Nelson, genau, der berühmte Pflichterfüllungssatz von Trafalgar.

Ich halte also noch eben fest: Wohin auch immer die Wirklichkeit sich entwickelt, der sinnstiftende Zufall scheint zuverlässig mitzureisen. Immerhin.

"Billy Budd" als Diogenes-Taschenbuch

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Der Regen regelt

Der Sonnabend war, was hier lange kein Tag mehr war, grau und gründlich verregnet war er. Gleich am Morgen nach dem Aufwachen hörte ich dieses beruhigende, von früher vertraut wirkende Geräusch auf den Dachfenstern. Fast war es schon in Vergessenheit geraten, wie das klang. So ein gleichmäßiges, sachtes Rauschen und Tröpfeln. Ein filmnoirjazzmäßiges Hintergrundgeräusch zu Geschichten mit Substanz und tiefer Ernsthaftigkeit.

Die Heckscheibe einer Göttin von Citroen

Unten auf der Straße gingen währenddessen Menschen in Schwarzweiß an alten Autos vorbei. Aber, versteht sich, es war wieder nur einer dieser sogenannten Zufälle, dass ausgerechnet bei diesem Wetter eine Göttin vor dem Haus parkte. Eine Göttin, der manche Passanten einen Moment andächtig huldigten, bevor sie weitergingen. Bevor sie im Regen um die nächste Ecke aus dem Bild bogen, vielleicht in einen anderen Text.

Ein Geräusch jedenfalls auf den Scheiben, dem man schon nach kurzem Zuhören anzumerken meinte, dass es lange, lange anhalten wird. Den ganzen Tag vielleicht, und dann auch noch morgen. Dass also ausnahmsweise die norddeutsche Grundregel, die wir uns früher am Strand mehr als tausendmal mit trotziger Hoffnung gegenseitig aufgesagt haben, „Da hinten wird es schon wieder hell“, diesmal sicher nicht zur Anwendung kommen konnte.

In meiner Familie hätte man früher „Landregen“ dazu gesagt. Mir fiel erst spät auf, dass es im festen Vorrat der Redewendungen und Sondervokabeln kein urbanes Pendant dazu gab, keinen Stadtregen. Wir benannten nur diesen besonders lange anhaltenden, den sanft fallenden und besonders gleichmäßig niedergehenden Landregen. So lange anhaltend vielleicht, wie die norddeutsche Tiefebene weit ist. Dieser Regen, der so zuverlässig Stunden und Tage durchnässt und durchweicht.

Er kühlte auch die Wohnung weiter runter. Er war mir daher recht, dieser Regen, sehr recht sogar, endlich wieder einmal unter 25 Grad am Schreibtisch. Gerade noch rechtzeitig vor der nächsten Hitze kam dieser Regen. Und meinen Segen hatte er daher, nicht nur ein Tagestourist zu sein. Um eine Stadt kennenzulernen, um sich anzufreunden, braucht man sowieso mindestens drei Tage.

Die anderen Tagestouristen übrigens, die zum Schlagermove in der Stadt waren, zum fest eingeplanten Besäufnis also, die spülte der Regen diesmal aus all den Stadtteilen, die vom Umzug mit den Party-Trucks nicht betroffen waren. In der Innenstadt, an der Alster und auch im kleinen Bahnhofsviertel waren in diesem Jahr kaum Grüppchen in grellbunten Outfits zu sehen. Dort hörte man auch diese Musik nicht, und es fand kein schlagerseliges Cornern mit kreisenden Proseccoflaschen statt. Diesmal schien sich alles auf Sankt Pauli zu konzentrieren.

Wir dachten wie immer voll Anteilnahme an die Menschen, die dort wohnen, wo sich 200.000 Menschen vor ihrer Haustür dringend betrinken möchten.

Hier darf man das bald ohnehin nicht mehr. Meine Gegend wird nämlich demnächst eine ausgeweitete Alkoholverbotszone. Zum Schutz der Anwohnenden, versteht sich, so wird stets argumentiert. Es ist aber, wenn ich das als Anwohner anmerken darf, doch ein wenig verdreht, denn die Außengastro in dieser Zone wird es selbstverständlich weiterhin geben. Man darf sich also sitzend und als zahlender Gast sehr wohl immer weiter in die kreischend gut gelaunte Aperolekstase des Hochsommers trinken. Das bleibt jederzeit willkommen und heißt dann auf den Seiten, die dem Tourismus positiv zugewandt sind, „Urbanes Flair“ oder „Buntes Treiben“.

Und beides wird sehr gut bewertet, das sind Qualitätskennzeichen für großstädtische Gegenden.

Ein Schild in der Außengastro: Aperol to go

Man darf künftig aber nicht mehr mit einem offenen Dosenbier an dieser so lustigen Gesellschaft vorbeigehen. Dann bekommt man ein Problem mit der Polizei, denn dann stört man. 200 Euro Bußgeld.

Wenn ich aber an ein Delikt wie etwa Ruhestörung denke, vermutlich ein Bagatelldelikt aus juristischer Sicht, nicht aber aus der Perspektive der betroffenen Nachbarschaft, sind im Sommer eher die zahlenden Gäste in Cocktailpartystimmung vor den Restaurants, Kneipen und Bars das Problem, nicht aber die meist leise leidenden Alkoholkranken am Straßenrand. Bei denen würde vermutlich doch eher Sozialarbeit weiterhelfen. Aber was weiß ich schon.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Freibier

Auch bei diesem Thema ist jedenfalls gar nichts so einfach, wie es auf den ersten Blick vielleicht wirkt.

Bei diesem Wetter – es regnet immer noch ländlich weiter – ist es allerdings ohnehin egal. Es findet da draußen ohnehin nichts statt. Eine herrliche Ruhe und tiefer Frieden am Sonntagmorgen. Landruhe könnte ich es nennen, der Regen regelt.

Auch mal schön.

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Prüfende Instanzen

In Hamburg kommt das Abpflastern nicht recht voran, lese ich beim Frühstück. Wie einem Menschen mit offenen Augen vielleicht auch auffällt, wenn er ganz ohne Karten, Zahlenmaterial und Vergleichswerte durch die Stadt geht. Wobei der Versiegelungsgrad hier insgesamt bei angeblichen 31,2 % liegt, so steht es in dem Artikel. Dieser Wert kommt mir nicht sehr hoch vor. Online findet man auch höhere Angaben, eher um 40 %. Wenn man in der Stadtmitte wohnt, so wie ich, könnte man leicht eine noch deutlich höhere Zahl annehmen, denn die Kunst besteht hier eher darin, das Entsiegelte, das Abgepflasterte überhaupt zu finden. Unter dem Pflaster der Elbstrand! Man muss aber etwa in der Hafencity schon erheblich Fantasie aufbringen, um diesen Gedanken ernsthaft zu glauben.

Fassaden in der Hafencity

Eine Promenade in der Hafencity, Kirchenpauerkai

Ludwigshafen hat wohl den schlechtesten Wert in Deutschland, über 60 Prozent sind dort zubetoniert oder asphaltiert, dahinter folgen Mannheim und Rüsselsheim. Köln ist auch schlechter dran als Hamburg – ich fand hier weitere Angaben dazu, auch z. B. für Ihr Bundesland.

Nun sehe ich gerade mit großem Interesse, dass man bezogen auf dieses in Hamburg nicht recht vorankommende Thema prüfende Instanzen aufbauen möchte, und da klingelt sofort meine brotberufliche Neugier. Prozesse und Regeln, Checks, Prüfungen, Auszählungen und Ablaufsteuerung – hat mich etwa jemand gerufen?

(Knarrend öffnet sich eine uralte, schwere Eichenholztür. Nach einem Moment der Gewöhnung an das schwache Licht erkennt man den Kopf von Graf Zahl in der dämmerigen Atmosphäre seines abendlichen Kontors. Huschende Schatten vor den Fenstern, es werden sicher jagende Fledermäuse sein. Der Graf sieht kurz von seiner Buchführung hoch, er legt die Feder weg. Die Innenseite seines weiten Umhangs leuchtet im flackernden Kerzenschein siegellackrot auf, er wendet sich langsam dem Publikum zu. Es werden ferne Gewittergeräusche zugespielt, es blitzt mehrmals.)

Pardon, ich verlor mich kurz in Abzählträumereien. Ich leite also aus dem Artikel ab, dass da womöglich bald ein Abpflaster-Controller gesucht werden wird. Ich setze mich sofort etwas aufrechter hin, ich überprüfe im Spiegel eben den Sitz der Frisur und gucke möglichst auffällig interessiert. Das ist wieder ein Beruf, denke ich mir dann, den ich auf einer Visitenkarte gut und passabel finden würde. Ich halte ihn auch für angemessen zeitgemäß, mit diesem mir attraktiv vorkommenden Gemisch aus konservativer Wortfindung und grüner Intention schon in der Bezeichnung. Abpflaster-Controller! Ich sage es mir versuchsweise mehrmals auf, ich bin weiter angetan von diesem neuen Begriff.

Im Büro wird es dann Entsiegelungsziele und auch ein Versiegelungsmonitoring geben, so heißt es. Ich habe die hierfür notwendigen Werkzeuge gleich vor Augen, ich bin in Gedanken schon in Datenbanken und Excel. Mir fallen jetzt schon Möglichkeiten für den Büroalltag und die berufliche Ausgestaltung ein, es ist ein dermaßen einladendes Thema. So würde ich etwa Flächen, die sich hartnäckig nicht entsiegeln lassen, Heftpflasterflächen nennen. Denn treffende, klare Bezeichnungen sind immer wichtig, in allen Berufen.

Ich könnte das alles aber auch ernsthaft interessant finden, abseits der Wortspiele. Doch, ich habe den dringenden Verdacht, das könnte ebenso interessant wie sinnvoll für mich sein. Außerdem werde ich bald 60 Jahre alt, daher wird es allmählich denkbar knapp für mich. Mein in unserer wilden Gegenwart etwas seltsam anmutendes Schicksal, lebenslang nur in einer einzigen Firma gearbeitet zu haben, es wird sonst wohl in Kürze endgültig besiegelt sein.

Wie auch immer, man überlegt so vor sich hin. Wie hieß es früher in der Werbung: „Entdecke die Möglichkeiten.“

Graffiti - ein Mädchen mit einem herzförmigen Ballon

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Linkwerk zum Wochenende

Bilder heute aus der U-Bahn-Station Hafencity Universität (mit ohne Bindestrich, siehe vorgestern). An Hitzetagen fahre ich da manchmal hin, denn es ist eine Niedrigtemperaturstation. Ich setze mich dort zwanzig Minuten auf eine Bank und sehe dem Wechselspiel der Beleuchtung zu. Es ist so kühl da unten, dass einem nach einer Weile fast kalt wird, wenn man nur die übliche Bekleidung für Hitzetage trägt. Man fröstelt glückselig erschauernd. Über einem wird es blau, dann lila – es ist eine liebevoll getrickste Nordlichterfahrung für das kleine Budget, für schnell einmal zwischendurch.

Ich liebe es.

Gesehen:

Eine weitere Film-Doku bei arte, diesmal über Johnny Depp. Wobei ich eventuell der einzige Mensch auf der Welt bin, der diese Prozessgeschichte mit Amber Heard nicht verfolgt hat. Ich habe es gerade in einer Zusammenfassung überflogen, das war mir schon unappetitlich genug.

Und dann noch eine Doku aus der Reihe, über Ulrich Tukur, wieder mit einem besonders furchtbaren Titel. In diesem Zusammenhang sah ich auch den Film „Und wer nimmt den Hund?“, mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur. Die Dreharbeiten dazu kommen in der Doku am Rande vor. Der Film ist nicht einmal annähernd so flach, wie man beim Titel vielleicht denken könnte. Schon gar bei einem deutschen Film.

Dann sah ich noch etwas Seltsames, was dann doch wieder aus den USA war: Blue Jay von Alex Lehmann (Netflix). Ein schwarzweißer Film, ein kleines Beziehungsdrama ohne spektakuläre Handlung mit einem deutlich anderen Timing der Schnitte, als es heute üblich ist. In sieben Tagen und ohne Skript wurde das gedreht, so heißt es in der Wikipedia. Dieser Film hat mir auch gefallen.

Gefreut habe ich mich außerdem über „Perfect Life“. Eine spanische Serie auf arte in zwei Staffeln, die meinem Interesse an europäischen Produktionen entgegenkam. Viel Schönes dabei! Beim Stern hieß es:

„Es ist eine herrlich unkorrekte Komödie mit starken Frauenfiguren und temporeichen Dialogen, die in guten Momenten an die Filme Pedro Almodóvars erinnert, weil sie neben beißendem Humor auch Tiefgang und sehr viel warmherzige Momente zu bieten hat.“ 

Schließlich war die Frankenstein-Verfilmung von Guillermo del Toro (erfreulich nahe am Buch) aus dem Jahr 2025 ein Fall von: Das wäre im Kino wohl besser gewesen. Einige der Bilder hätten doch eine große Leinwand verdient gehabt, da hatte jemand Spaß an Ausstattung, Kostümen, Kulissen und Blickwinkeln. Läuft gerade auf Netflix.

Hier eine interessante und üppig bebilderte Rezension zum Film beim SWR, mit filmgeschichtlichem Rückblick.

Gelesen:

Vor lauter Buchkonsum kam ich nicht zum Onlinelesen. Das ist dann, wunderbar passend zum Halbjahr, vorerst der Höhepunkt des weltweiten Offline-Trends bei mir. Ich nehme doch an, ich darf mir jetzt das entsprechende T-Shirt kaufen?

Ich las jedenfalls ein Buch aus dem öffentlichen Bücherschrank, den Ovid-Roman von Christoph Ransmayr: „Die letzte Welt“ (hier Wikipedia, hier Verlag). Nicht ohne Begeisterung las ich das, ebenso angetan vom Thema wie von der Ausführung, und der Ruhm des Buches wurde mir dabei verständlich. Zunächst habe ich einfach reingelesen, wie man in einen Roman eben hineinliest, und stellte mich also auf die Zeit der Handlung ein. Ovid, Römisches Reich, wann auch immer genau.

Und dann wird da im Text auf einmal eine Bushaltestelle erwähnt, kurz darauf verglaste Fenster – ich hatte nicht damit gerechnet, aber diese historischen Verfremdungen, von denen es viele gibt, haben mir seltsam gut gefallen, ich kann nicht einmal genau sagen, warum. Die Vergangenheiten gehen mit der Gegenwart durcheinander, sind verwoben. Die Weberin Arachne kommt nicht umsonst im Buch vor.

Das Buch "Die letzte Welt" sowie die Matamorphosen von Ovid

Es gibt eine lustige Querverbindung, die dem eher weihevollen Teil des Feuilletons vielleicht nicht recht wäre, nämlich zu aktuellen Serien wie etwa „The Great“. In denen ebenfalls betont spielerisch mit der Geschichte umgegangen wird. Ein Aufbrechen der Wirklichkeit und der trockenen Gewissheiten, mit dem ich gerade heftig sympathisiere.

Da mir aber Ovid und seine Metamorphosen, um die es doch im Kern geht, nicht mehr geläufig genug waren, las ich erst einmal etwas nach, soweit bildungsbürgerlich beflissen wie eh und je. Allerdings las ich „nur“ die deutsche Version. Das Latinum ist zwar vorhanden, möchte aber nicht strapaziert werden, wie es mir umgehend ausrichtete, als ich in einer Buchhandlung kurz und dann bald ratlos ins Original sah.

Wir wollen nicht übertreiben, nicht wahr, es gilt doch überall.

Außerdem riss ich mich fast unmenschlich konsequent zusammen und las nicht tausend Sachen über die griechisch-römische Mythologie nach, denn dann hätte ich für den Rest des Jahres damit zu tun gehabt. Leicht war es aber nicht, wie alle Menschen mit Neigung zu Spezialthemen sicher verstehen werden.

Nur kurz möchte ich daher auf dieses Foto „Philemon und Baucis“ von Dieter Matthes hinweisen, falls sich jemand fragt, ob denn die Themen der Mythen (hier die historische Geschichte mit Philemon und Baucis) heute überhaupt noch lebendig sind? Da sitzen sie immer noch, die beiden Alten.

Und das hier haben schon alle irgendwo verlinkt, aber für die Letzten, die es nicht mitbekommen haben: Schweden setzt wieder etwas auf Bargeld, denn „Digital reicht nicht immer“. Ich konnte wieder „Sag ich doch!“ beim Lesen murmeln.

Gehört:

Das Folgende könnte auch unter „Gesehen“ stehen, aber das Bewegtbild braucht man dabei wirklich nicht: Walther Ziegler erklärte mir in bewährter Manier den Gott der Nationalökonomie, Adam Smith. Und guck an, das wusste ich fast alles. Auch mal schön.


Dann gab es ein Zeitzeichen über Nostradamus (15 Min.).

Ferner eine Pflichtfolge Radiowissen für den Freundeskreis Buch und Bewahrung über die Bibliothek von Alexandria (23 Min.)

Und eine weitere Folge der gleichen Reihe über die Geschichte des Warenhauses (23 Min.). Es wird darin auch die Hortenkachel erwähnt, Menschen wie ich dürfen sich also wieder steinalt fühlen, wenn sie sich noch an diese erinnern. Die Hortenkachelfassade war für mich als Mensch aus Lübeck lange Zeit fest mit der Einfahrt per Zug nach Hamburg verbunden.

Wenn man die grau vor den Waggonfenstern aufragen sah, dann konnte man aufstehen und zum Ausgang gehen, das passte genau.

Neue Musik auf meinen Playlists: Sean Rowe mit Birds.

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Well, that’s the one thing we got

In meinen Notizen steht ein kryptischer Hinweis mit Verweis auf diese Woche: „Halbjahresgedanken verbloggen“. Hierzu stelle ich fest: Ich habe gar keine Halbjahresgedanken. Allerdings freue ich mich, dass mein früheres Ich mich für einen gehalten hat, der Halbjahresgedanken haben könnte. Und sogar solche der ernsthaften Art, die es also wert wären, zu einem veröffentlichten Text zu werden. Stark.

Da traut mir doch immerhin jemand etwas zu, denke ich hocherfreut. Auch wenn ich es wieder nur selbst bin. Für ein Immerhin des Tages reicht es doch aus, möchte ich meinen.

Ein Sticker: Poetisiert euch

***

Aber apropos Selbstüberschätzung: Ich habe mir noch etwas Kunst gekauft. Und zwar ist es ein Bild, eine Aquarellzeichnung des Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, welches eine Gemeinsamkeit von Goethe und mir darstellt. Da ich gerade die dicke Steinfeld-Biografie (Verlagslink) über ihn durchgelesen und direkt danach auch noch ein Hörbuch über ihn angefangen habe (Gustav Seibt: Ein Sommer mit Goethe, Verlagslink) und der Faust I auf dem Nachttisch liegt, ist er mir im Moment recht präsent.

Ein Fleet in der Speicherstadt mit Arbeitsschuten

Eine kleine Gemeinsamkeit stellt das Bild dar, die sich aber nicht oder nur höchst indirekt aufs Schreiben bezieht. So größenwahnsinnig bin ich nun nicht, da Ähnlichkeiten zu suchen. Nein, wir beide, der olle Goethe und ich, wir teilen schlicht die Vorliebe für Fensterblicke, wir sehen gerne raus. Ich bestellte mir daher einen Druck von „Goethe am Fenster“.

Es ist ein römisches Fenster, aus dem er da blickt, aber das fällt kaum auf. Es könnte ebenso gut in Hamburg oder wo auch immer sein. „… sein Hemd ist ihm teilweise aus dem Bund gerutscht“, heißt es in der Wikipedia, wie nahbar ist das denn? „… wobei sich seine Füße in Pantoffeln befinden.“ Ganz wie der Meister selbst, kann ich mir da denken, während ich ebenso pantoffelig wie er am Fenster stehe, soweit dann doch dem Goethe gleichend. Auch wenn ich dabei selbstverständlich keine Kniebundhosen trage.

Man sollte es mit dem Nachstellen von vorbildhaften Berühmtheiten auch nicht übertreiben. Lieber nur jene Ähnlichkeiten mitnehmen, die sich zwanglos und wie von selbst ergeben.

Der Innenhof des Rathauses mit dem Hygieia-Brunnen

Wobei ich, ohne es sachlich klug untermauern zu können, die Autorinnen und Autoren, die ich lese oder höre, übrigens seit Jahren unwillkürlich in zwei Gruppen einteile. In zwei Gruppen, die literaturgeschichtlich keine Relevanz haben, die auf einer persönlichen Ebene für mich aber dennoch von Interesse und Bedeutung sind: Es gibt unter ihnen nämlich welche, die gebloggt hätten, und es gibt die, welche keinesfalls gebloggt hätten.

Bei einigen gibt es auch Texte, die mir ausdrücklich bloghaft vorkommen, die in ein Format wie dieses hier gut passen würden. Bei anderen findet man solche Texte gar nicht.

Goethe etwa hätte nicht gebloggt. Das steht für mich zweifelsfrei fest, denn ich befinde das jeweils selbst, und zwar ebenso sicher wie endgültig. Das ist das Schöne bei selbst erdachten Klassifikationen, man kann sich frei fühlen und zuschlagen. Nein, beim Thema Blog bleiben wir uns eher fremd, der Herr Geheimrat und ich. Da finden wir nicht zusammen.

Aber Fenster! Denke ich mir dann so. Fenster fanden oder finden wir immerhin beide gut, und das ist doch auch was. Man sollte stets Verbindungslinien zu Themen, Orten und Personen suchen, dann fühlt man sich auch etwas aufgehobener in dieser Welt.

Well, that’s the one thing we got – wissen Sie noch?

“And I said, „What about breakfast at Tiffany’s?“
She said, „I think I remember the film and
As I recall, I think we both kinda liked it“
And I said, „Well, that’s the one thing we’ve got“

Ein Lied, das man noch mögen kann, finde ich. 1994 war das und ich kann mich, es ist ein wenig merkwürdig, an das Video überhaupt nicht erinnern. Nie gesehen! Möchte ich da fast sagen. Aber das würde sicher die Falschaussage eines unzuverlässigen Zeugen sein, denn ich habe es ganz sicher damals gesehen, und nicht nur einmal.

Ich habe nur wieder nicht aufgepasst. Es wird am Ende doch nicht umsonst so oft in den Zeugnissen gestanden haben.

Blick über die Binnenalster mit Fontäne und Alsterbooten vom Jungfernstieg aus

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Ein Anblick grässlich und gemein

Meist bemühe ich mich, kein Rechtschreibreaktionär zu sein. Aus lediglich rationalen Gründen, weil viele Argumente dagegensprechen. Etwa die Rechtschreibfehler hier im Blog, an die ich bei solchen Gedanken selbstverständlich sofort denken muss. Weil mich ohnehin irgendjemand hohnlachend darauf hinweisen würde, täte ich es nicht selbst in halbwegs weiser Prophylaxe. Also ja, ich schreibe gewiss auch nicht alles richtig. Ich weiß.

Emotional und insgeheim allerdings, sozusagen im Privaten, bin ich durch und durch Rechtschreibreaktionär. Wie so viele Menschen aus meiner Generation, die noch mit der aus heutiger Sicht merkwürdig anmutenden Gewissheit großgeworden sind, dass Rechtschreibung etwas mit Bildung oder gar Intellekt zu tun hat, dass sie diese sogar direkt spiegelt. Das ist längst diskutabel geworden, die allgemeinen Rechtschreibkenntnisse nehmen stetig weiter ab. Wie wir alle wissen, ist das so, und erhebliche Schwächen in der Rechtschreibung wurden auch neulich bei der Abi-Feier nicht zufällig und wohl nur vermeintlich scherzhaft in den Reden der Lehrerinnen erwähnt.

Ein kleines Segelboote mit sehr buntleuchtendem Segel auf einem Steg an der Außenalster

Andere Kenntnisse wurden dafür aber vermutlich erworben. Wie auch immer man das genau gegeneinander aufwiegen möchte. Es wird am Ende fortgeschritten kompliziert sein, offiziell halte ich mich daher mit einer Meinung zurück.

Ich gebe aber zu, dass ich vor einigen Jahren doch einmal Schulhefte verglichen habe, solche aus der Gegenwart gegen die aus meiner Vergangenheit. Weil ich etwas genauer wissen wollte, ob ich nicht vielleicht alles verkläre oder einfach nur falsch und aus viel zu überheblicher Haltung heraus erinnere. Aber es gab dann keinen Zweifel, unsere Rechtschreibkompetenz war damals tatsächlich erheblich besser. Das Wort „drastisch“ würde auch passen.

Noch einmal, das heißt nun keineswegs, dass ich oder wir aus meiner Generation schlauer waren oder sind als die SuS der Gegenwart. Keineswegs heißt es das. Das wäre als Ableitung nennenswert zu einfach. Es sind nicht umsonst ganze Sachbücher über dieses Thema verfasst worden. Aus konservativer, verbissen rechtschreibregeltreuer Position und auch aus progressiver, betont fehlertoleranter, liberal anmutender Perspektive. Es gibt dabei mehr Argumente, Umstände und Entwicklungsszenarien, als hierher passen würden.

Ich fühle meine Aversion gegen Schreibfehler also normalerweise nur still vor mich hin. Ich sage aber lieber nichts, und ich schreibe fast nie etwas darüber. Das Thema ist ohnehin totgetrampelt und ausdiskutiert, an allen Stammtischen in diesem Land wurde es bereits ausführlich zerredet, in zahllosen Kolumnen gründlich zerlegt.

Selbst wenn ich eine offizielle Meinung hätte, sie wäre daher weitgehend nutzlos und egal.

Blick über die Außenalster von der Sankt-Georg-Seite in Richtung Fernsehturm/CCH

Es geht mir auch gerade um etwas anderes, nämlich um einen dieser Gefühlsaspekte. Weil ich es manchmal ebenso erheiternd wie bemerkenswert finde, dass Menschen wie ich durch einige Fehler stark getriggert werden, durch andere aber nicht.

So muss ich mich etwa mittlerweile und nach jahrelanger, durchaus schwieriger Gewöhnung durch penetrant wiederholte Fehler wegen dem Genitiv (sic!), den kein Mensch mehr richtig benutzt, sei es in der Schrift oder im gesprochenen Dialog, nicht mehr aufregen. Das nehme ich einfach so hin. Gelassen wie ein buddhistischer Mönch höre und sehe ich das, denn das sind dem Mönch seine Fähigkeiten (okay, doch leichte Schmerzen).

Auch den immer weiter Fahrt aufnehmenden Wegfall von Präpositionen finde ich eher amüsant, nicht mehr wirklich schlimm.

„Wo gehst du hin?“

„Ich gehe Kino.“

Es ist ein Satz, der mir kaum noch wehtut. Ich habe oft junge Menschen um mich herum, das hilft bei der Gewöhnung.

„Was machst du mit der Idee?“

„Die Idee mache ich Blog.“

Man kann damit herumspielen.

Was mich aber wahnsinnig und tendenziell aggressiv macht, und es ergibt gar keinen tieferen Sinn, das sind unterlassene Bindestriche. Ich denke, wenn ich die im Morgensternschen Sinne grässlichen und gemeinen Lücken zwischen unverbundenen Begriffen sehe, den altgedienten Imperativ „Im Deutschen wird durchgekoppelt!“ stets in Fraktur und in einem verdächtig historischen Tonfall. Was auch immer da genau in mir vorgehen mag.

Man sollte auch erkennen, denke ich, an welche Stellen man im Alltag zum etwas befremdlichen, irrationalen Durchbrennen neigt. Ich glaube, dies ist sogar wichtig. Denn nur dann kann man sich halbwegs gezielt und ausreichend oft mäßigen.

Wie auch immer. Ich komme nur darauf, weil ich seit Tagen über einen Zettel im Schaufenster eines Ladens in der Nähe lache. Wobei es sein kann und vielleicht sogar wahrscheinlich ist, dass es außer mir niemand oder fast niemand witzig finden wird.

Aber ich lese im Vorbeigehen also mehrmals diesen Zettel, auf dem nur vier Wörter und eben kein Bindestrich stehen, harmonisch in zwei Zeilen geteilt. Die mir durch diese Schreibweise in geradezu haiku-hafter Verkürzung eine seltsam tragische Geschichte zu erzählen scheinen. Lyrisch streng verdichtet wird da vom Niedergang eines Geschäfts berichtet, von ausbleibenden Käuferinnen und Käufern. Dabei hat man dort doch gerade erst in die sanitären Anlagen investiert … Also ich sehe es direkt vor mir, das betrübte Gesicht des Inhabers oder der Inhaberin. Ich sehe es vor mir, wie sie die Lage überdenken und dann etwas auf einem kleinen Zettel notieren, eine knappe poetische Eingebung ist es nur. Die sie dann auch prompt ins Schaufenster kleben, wo nunmehr steht:

„Keine Kunden

Toiletten vorhanden“

Tragisch ist das, nicht wahr. Es greift einem doch ans Herz.

Ein Steg mit Aiußengastro auf der Außenalster, bedeckter Himmel

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Also bei mir nicht

Am Montagmorgen fand eine Erweiterung des Smalltalkrituals um einen weiteren Inhalt statt. Ohne jede Absprache war das Thema auf einmal gesetzt. Und wer weiß, vielleicht texteten wir dabei schon Phrasen, die für Jahrzehnte und Generationen Bestand haben werden. Nämlich bei der allgemeinen Abkühlungskritik, deren Leit- und Kernsatz aus einem bündigen „Also bei mir nicht!“ bestand, woran man dann beliebig hohe Temperaturen hing, gemessen oder gefühlt in Schlaf- und Wohnzimmern, Büros etc.

Regen und Gewitter wurden dann ebenfalls nach Kräften relativiert: „Aber das brachte ja alles gar nichts!“

In der fachkundigen Bewertung der sogenannten „Abkühlung“, wozu wir lustige Anführungszeichen in die Luft malten, war man sich vielleicht sogar dermaßen einig, wie man es sonst nur bei der Bewertung der Fußball-Nationalmannschaft ist. Man könnte es gleich heute ausgiebig vergleichen: „Aber die brachten ja alle gar nichts!“

Doch, doch, es werden Ähnlichkeiten auszumachen sein.

Ein Fleet bei Niedrigwasser, im Schlamm wird ein versunkenes Fahrrad erkennbar

Währenddessen, um kurz und nur der Vollständigkeit halber auf die eingangs erwähnte Abkühlung in Schlafzimmern zurückzukommen: „Also bei mir nicht!“.

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Ich habe die Kameliendame von Alexandre Dumas d. J. nun durchgehört (hier gab es sie in der ARD-App, es las Dominik Freiberger, empfehlenswert) und mich dabei noch über einige Vokabeln gefreut. Etwa über die „kopfhängerischen Gedanken“, die sich da jemand machte. Er war also trübe, mutlos, verzagt, deprimiert, resigniert, ratlos etc. Ein bildschöner Ausdruck ist es, dieses „kopfhängerisch“. Ganz zu Unrecht wurde das Wort fast vergessen, finde ich, vielleicht sollten wir es wiederbeleben? Jetzt schon an die kopfhängerischen Kolumnen im Herbst denken!

Dann schlug ich beim Satz „Mein Vater saß im Schlafrock am Kamin“ die Bedeutungsdifferenzen von Schlaf- und Morgenrock nach, mit einem kleinen Exkurs über Bademäntel. Man kommt ja dermaßen leicht auf weit verzweigte Abwege, Sie kennen das. Dabei stieß ich auf ein Bild, bei dem ich kurz dachte, das könnte doch auch etwas für mich sein. Interessant und gediegen sah das Kleidungsstück aus. Und dann staunte ich kurz, dass es eine Firma gibt, die dergleichen heute noch herstellt.

Die Speichertadt im Sommersonnenschein

Keine bezahlte Werbung, nein, das war nur ein Zufallsfund, aber ich war doch einen Moment lang fasziniert von dem gerade gefundenen Shop, in dem es sogar die passenden Kopfbedeckungen zu diesen Mänteln gibt, mit denen auch schon Romanfiguren aus dem 19. Jahrhundert am Kamin gesessen haben. Und der Hausmantel, der Dressing Gown, dort mein Interesse geweckt hatte, er ist auch nicht gerade ein Schnäppchen. Aber gut, es geht dort auch nicht um Fast Fashion, sondern um Handwerk, ich sah mich also weiter um. Oder dieser hier? Mit der ebenfalls schönen Bezeichnung „Erbstückqualität“ in der Beschreibung. Für den es aber, siehe oben, erst deutlich abkühlen müsste.

Stellen Sie sich das doch bitte einmal vor, eine Wohnung so kühl, dass man gerne einen samtenen Hausmantel anziehen möchte … Na, man träumt so vor sich hin.

Und apropos Kamin – in der letzten Woche, als die Hitze gerade komplett eskalierte, wurde ich dezent darauf hingewiesen, dass mein Hintergrundbild bei den Videocalls im Brotberuf u. a. einen brennenden Kamin zeigen würde. Und schon der Anblick sei doch etwas herausfordernd, bei diesen absurd heißen Temperaturen.

Bei der nächsten Hitzewelle also umsichtig und mitdenkend alles auf kühlere Bilder umstellen. Auch das merke ich gerne vor. Es wird wohl mit zur Anpassung gehören, welche der Wandel von uns allen verlangen wird.

Der Rathausmarkt, menschenleer im Weitwinkel

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Einige Wellenabschlussbemerkungen

Ohne dass ich auch nur ansatzweise wüsste, warum es so ist, wie es ist, habe ich in den letzten Tagen ein bedeutendes Immerhin für mich entdeckt. Denn ich kann mit der Hitze in diesem Jahr bisher viel besser umgehen als früher. Erheblich besser sogar. Sowohl körperlich als auch in den Auswirkungen auf die Laune und auf die Leistungsbereitschaft, sei es im Brotberuf oder bei der Bloggerei etc.

Vielleicht wiege ich deutlich weniger, das könnte sein und wäre eine naheliegende Erklärung. Ich habe keine Waage, aber gefühlt ist es doch möglich, und es macht eventuell viel aus, mag sein. Aber wie auch immer, in den Vorjahren hätte mich eine Hitzewelle in dieser krassen Ausprägung stärker belastet, wäre auch der Tonfall hier signifikant leidender gewesen.

Im nächsten Jahr – oder auch bei der nächsten Welle schon, versteht sich, denn zwei bis drei könnten für uns auch in diesem Jahr noch vorgemerkt sein und die nächsten 30 Grad werden in den Wetterberichten schon angekündigt – wird es dann aber wieder heißen: Neues Spiel, neues Glück in der Klimafolgenlotterie auf der persönlichen Ebene. So spannend!

Der Turm der Alten Post, sommerliche Straßendeko davor

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Das schrieb ich so, also die obigen Absätze. In vergleichsweise munterer Stimmung schrieb ich sie, und zwar in meiner Dachgeschosswohnung, die in den letzten Tagen von einem leistungsstarken Dörrautomaten kaum zu unterscheiden war. Direkt nach dem Tippen sah ich erst, denn heiteres Timing gelingt mir offensichtlich nach wie vor sehr gut, eine Meldung aus Köln, die mir dann doch etwas bedenklich vorkam. Auch in Bezug auf meine eigene Lage.

Rettete dort doch die Feuerwehr, es wurde auf mehreren Kanälen gemeldet, etliche Menschen aus überheizten Dachgeschosswohnungen. Dazu gab es Bilder mit angelehnten Drehleitern. Außerdem wurde in der Stadt ein Notlazarett eröffnet, ein Hitzelazarett also, und ich nehme an, dass ich von beiden Umständen in Bezug auf Hitze zum ersten Mal gelesen habe. So ist das mit den Rekordwerten, sie bringen dann auch neue und ungeahnte Ereignisse mit sich. Aber Rettung aus besonnten Dachgeschosswohnungen? Bitte was, sind wir schon so weit?

Ja, so wird es wohl sein.

Sicherheitshalber stellte ich mich nach dem Lesen dieser Meldung vor einen Spiegel und sah mich prüfend an. Sah ich so aus wie jemand, der von der Feuerwehr aus der Wohnung geholt werden musste? Auf den ersten Blick fand ich das nicht, beschloss dann aber, zur Sicherheit auch den verbleibenden Sohn zu fragen, ob sein alter Vater einen seltsamen Eindruck auf ihn machen würde. Also noch seltsamer als ohnehin schon.

Der Sohn sagte durch seine konsequent verschlossen bleibende Zimmertür, ihm sei zu heiß, um irgendwelche Fragen zu beantworten. Ich solle bloß verschwinden und erst wiederkommen, wenn ich ihm ein vernünftiges Wetter garantieren könne.

Okay, das half nicht weiter. Ich befand mich einfach per Eigendiagnose für noch erstaunlich funktionsfähig.

Die Binnenalster vom Jungfernstieg aus

Dann sah ich aber weitere Meldungen zu Dachgeschosswohnungen, diesmal aus Frankreich. Dort brieten sich mehrere Menschen Spiegeleier auf Dachschindeln und Gesimsen. Und das ging, natürlich ging das. Vielleicht hätte ich Ihnen das auch in einem launigen Video vorführen können, ich nehme es stark an. Aber ich hätte nicht die mindeste Lust gehabt, meinen Oberkörper so lange aus einem geöffneten Fenster zu halten, wie ein Spiegelei zum Braten braucht. Denn man brät dabei ja mit.

Und schließlich, was hätte ich danach mit dem fertigen Spiegelei machen sollen? Ich esse bei diesem Wetter kategorisch nichts Heißes und verweigere auch das Kochen. Ich ernähre mich nur noch von Feta, Gurken, Oliven und Melonen und dergleichen, ein Jäger und Sammler mit ausgeprägtem Kühlschrankbezug.

Aber als ich einmal, am Sonnabendnachmittag war es, versuchsweise eines der Fenster in Richtung Süden öffnete, stellte ich in Sekunden fest, dass die Hitze vor der Scheibe zweifelsfrei eine neue Dimension hatte. Dass sich das Draußen überraschenderweise exakt so anfühlte, als hätte man beim Warten auf die Fertigpizza das Fenster zum Backofen geöffnet. Und das war neu, dass es sich in beeindruckender Deutlichkeit derart gefährlich anfühlte, und zwar sofort. Das hatten wir bisher noch nicht.

Ich habe es noch durch andere Familienmitglieder verifizieren lassen. Wir waren uns im Ergebnis einig: Das ist jetzt anders.

Das sind die Momente, da bemerkt man die Dimensionsverschiebung durch den Klimawandel, das Betreten von uncharted territory. In diesen Zusammenhang gehören auch die Bilder, ich weiß nicht mehr, aus welcher Stadt sie kamen, von den geschmolzenen Ampeln. Auch das kam mir neu vor.

Oder wir ergänzen noch durch lapidare Sätze aus den Blogs, etwa hier: „Die Kunststoff-Wäscheklammern zerbröseln.“

Blick von der Kennedybrücke Richtung Lombardsbrücke und Rathaus

Ein letztes Beispiel noch für die große Verschiebung und den Beginn eines neuen Kapitels. Es fällt schon fast nicht mehr auf, wie irre das ist, aber alle Wetterberichte reden oder schreiben von der Abkühlung ab diesem Montag. Und die vorhergesagte Höchsttemperatur für den Tag liegt bei 27 Grad.

Abkühlung. 27 Grad. Man muss es sich auch bewusst machen.

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Vor einer Kirche sah ich eine hitzebeschädigte Hochzeitsgesellschaft. Auch nicht schön, bei so einem Wetter zu heiraten, stellte ich mir vor. Wenn alle Gespräche nur aus Bemerkungen über die verdammte Hitze bestehen werden und sich alle Gäste permanent in jeden noch so schmalen Streifen Schatten drängen, statt sich in lockerer Runde immer wieder neu gruppiert fotogen aufzustellen.

Die Herren versuchten teils, die traditionelle Kleiderordnung dennoch weiter durchzuhalten, das ergab tomatenrote Köpfe über feierblauen Anzügen. Während die Braut eine Haut hatte, die war so, wie es bei den Gebrüdern Grimm steht, nämlich so weiß wie Schnee. Wenn das mal nicht am langsam wegkippenden Kreislauf lag.

Es hätte jemand mit ausgebreiteten Armen neben ihr stehen müssen, dachte ich, ein Fänger für alle Fälle. Der Bräutigam hätte so stehen müssen, wo war der eigentlich. Vermutlich weiter hinten, im Schatten.

Alles wird bei diesem Wetter schwieriger, einfach alles.

Dalmannkai-Treppen, Promenandenblick

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Dieses drängende Gefühl

Es gab am Freitag eine Abi-Abschlussfeier in der Aula des Gymnasiums. Das war dann mit 39 Jahren Abstand das zweite Mal, dass ich so etwas erlebt habe. Und mir vielleicht einbilden durfte, die Gefühlslage des Abschlussjahrgangs zumindest in Ansätzen verstehen zu können.

Sie hatten jedenfalls, das wird wohl zweifelsfrei sein, die heißeste Abi-Abschlussfeier, die es je bei einem Jahrgang in dieser Stadt gab. Eine weitere lapidare Meldung aus dem Tagebuch der Klimakrise. Wohin auch die Anmerkung gehört, die man in anderen Ländern sicher mit einigem Staunen lesen würde, dass die Aula selbstverständlich nicht klimatisiert war. Und auch nicht durch Lage oder Bau so eingerichtet, dass sie kühl geblieben wäre. Eher im Gegenteil, man saß dort in molliger Brutkastenatmosphäre.

Weswegen auch Sanitäterinnen bereitstanden. Es wurde zum Beginn der Veranstaltung darauf hingewiesen: Wenn man Hilfe brauche, dann könne man … und tatsächlich war es dermaßen warm da drin, sahen auch etliche Gäste an diesem späten Nachmittag eines weiteren Rekordhitzetages bereits dermaßen angeschlagen aus, es war doch eindeutig mehr als nur ein obligatorischer, heruntergeleierter Hinweis, diese erläuternde Erwähnung der Hilfstruppen. Es wirkte vielmehr plausibel, dass man die tatsächlich brauchen könnte.

Erstaunlich viele Gäste hatte Fächer dabei und benutzte diese auch fortwährend. Wir saßen ganz hinten und etwas erhöht, wir sahen daher auf und über ein merkwürdig flirrendes Publikum. Auf den ersten Blick etwa so, als habe man da eine leichte Bildstörung vor sich, eine etwas verzitterte Wahrnehmung vielleicht. Vermutlich habe ich nie vorher ein derart gründlich befächertes Publikum gesehen. Oder wenn, dann doch nur in Filmen aus Spanien oder anderen heißen Ländern. Oder auch in Natur-Dokus. Diese mit tausend Flügeln fächernden Bienen an heißen Tagen, erinnern Sie sich? Die auf diese Art den Stock etwas herunterkühlen? Ein gar nicht so unpassendes Bild.

Redner gab es dann, die entschuldigten sich erst einmal dafür, keinen Anzug zu tragen, wie sonst an solchen Tagen üblich. Die da stattdessen in kurzer Hose vor uns auf der Bühne standen und die auf Notwehr plädierten. Man erteilte fächernd Absolution.

Es sind alles nur Kleinigkeiten, aber vielleicht sollte man sie akribisch notieren. Vielleicht sollte man eine Chronologie des Wandels, der Krisen und der steigenden Temperaturen anlegen.

Äußerst wohlmeinende Reden wurden jedenfalls im weiteren Verlauf gehalten. Musik wurde in erstaunlicher Qualität aufgeführt. Zeugnisse wurden schließlich feierlich überreicht. Und dann standen sie fertig und in einem althergebrachten Sinne reif vor uns, all die nunmehr Freigelassenen.

Eltern verglichen im Geiste den Anblick der noch sehr frischen Erwachsenen mit den Bildern, die man von ihnen damals bei der Einschulung am Gymnasium gemacht hat. Die Jugend aber drängte es, noch während die Eltern gerührt neue Fotos für spätere Erinnerungen machten – oder vielleicht auch gerade deswegen –, sichtlich und mit Dringlichkeit nach draußen, auf den Hof.

Aber im Grunde, wir wissen es vielleicht kurz einmal besser als sie, denn wir erinnern uns immerhin aus eigener Erfahrung an dies und das, war dieses Drängen nach draußen ein viel fundamentaleres Gefühl, hatte es vielmehr etwas Grundsätzliches.

Eine ganze Weile wird dieses Drängen noch anhalten, einige Jahre vielleicht, und das ist auch gut so.

Schrift an einer Wand: Isch liebe dieses Lebe"

Na dann! Ich darf es sicher ein wenig verallgemeinern, nehme ich an – wir wünschen von Herzen das Beste für den Weg.

“But you’ve gotta
Make your own kind of music
Sing your own special song
Make your own kind of music
Even if nobody else sings along”

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