Sonne, Vögel, Außengastro, alles

Ansonsten hatte ich im Brotberuf Gäste in der Stadt, die aus den südlicheren Landesteilen kamen. Zur Mittagszeit fiel etwas gemeinsame Bewegung in attraktiver Hafenlage an, und die Stadt machte fast auf die Minute Folgendes. Ließ sich auf einmal erstaunlich großzügig und ausgesprochen frühlingshaft besonnen, ließ auch zum ersten Mal im Jahr Vögel singen. Die noch etwas ungestimmt wirkten, aber bemüht. Ließ Gastwirte hektisch herumwirbeln, dass die Außengastro nur so aus dem Boden wuchs. Bot auf einmal zahlreiche Plätze im fast maimäßigen Sonnenschein und in ganz wunderbar ausgeleuchteter Kulisse. Die Straßen und Promenaden füllten sich wie auf Zuruf mit gelassen schlendernden Menschen. Gerade so viel, dass es attraktiv belebt, aber doch nicht zu voll wirkte. Das Heer der Statisten meisterhaft choreografiert, es sah überzeugend echt und gerade richtig großstädtisch aus.

Die Möwen vom Dienst segelten währenddessen beflissen durch die allfälligen Panoramafotos. In der Ferne fuhr ein Schiff Richtung Nordsee, bewegten sich die langsamen Hafenkräne und sahen angemessen nach althergebrachter Arbeit und maritimer Tradition aus. Die Speicherstadt leuchtete ziegelrot, warm und so postkartenmäßig wie nur denkbar auf im Licht des frühen Nachmittages.

Speicherstadtfleet in Nachmittagssonne

Sankt Katharinen

Speicherstadtfleet im Nachmittagslicht

Tätscheln hätte ich diese Stadt mögen. So wie man einem braven Pferd nach einem besonders gelungenen Ausritt mit der klopfenden Hand an Hals und Schulter gerne etwas Anerkennung vermittelt. Aber wo fasst man da hin, wenn man eine Millionenstadt lobend tätscheln möchte? Das wusste ich nicht recht, und nickte daher nur anerkennend den einschlägigen Bauwerken der besonders fotogenen Art zu.

In der vagen Hoffnung, die ganze Szenerie noch etwas weiter zum Durchhalten motivieren zu können.

Der Massentourismus in dieser Stadt ist zwar ein Thema, das man unbedingt kritisch begleiten sollte; immerhin 16,5 Millionen Übernachtungen wurden im letzten Jahr bei uns gebucht. Das waren noch einmal unglaubliche 330.000 mehr als im Jahr davor. Ein erheblicher Anteil der Gäste schlief zudem in einem der Hotels bei mir um die Ecke. Stand mir also vermutlich auch im Weg herum, starrte mich interessiert als beispielhaften Einheimischen an und verdarb mir danach in den Cafés die Preise.

Das ist zweifellos richtig. Da muss man auch als Chronist fast pflichtgemäß beobachtend dranbleiben und darf die Nachteile sowie die begleitenden soziologischen Entwicklungen keinesfalls übersehen – aber Besuch ist Besuch.

Und Besuch soll es bitte schön haben.

Was wieder wunderbar die alte Regel beweist, dass stets nur die anderen Touristen sind. Tourist ist ein Begriff, der einfach keinen Ich-Bezug zulässt.

Es fasziniert mich immer wieder.

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Der Alltag als Kennenlernspiel

Ansonsten hat mich die Wirklichkeit wieder erfolgreich veralbert, unter Zuhilfenahme eines dieser „Zufälle“. Und das kam so.

Ich sprach neulich mit einem jüngeren Menschen über das Thema Kennenlernen. Dieser Mensch hat generationstypisch, wie man in dem Fall wohl sagen kann, Erfahrungen mit Tinder etc. Ich habe dergleichen, vielleicht auch noch generations- und außerdem sicherlich familienstandstypisch, noch nie benutzt. Mir fehlt da jede Erfahrung oder ein ganzer Lebensbereich, wie es sich für Jüngere vielleicht anfühlt.

Es würde mir aber auch stark überfordernd vorkommen, mich da per Bild und Kurzbeschreibung irgendwie zu präsentieren, ich müsste über so etwas gefühlt erst einmal ein bis zwei Jahre nachdenken. Und dann wäre das Bild schon wieder veraltet.

Obwohl ich andererseits aus erster Hand weiß, dass auch Menschen, die deutlich älter sind als ich, Plattformen dieser Art erfolgreich nutzen. Für Dates verschiedener Art, es muss da selbstverständlich nicht immer nur um Paarbeziehungen, Liebe etc. gehen.

Ich überlegte dann im weiteren Verlauf, wann ich überhaupt zum letzten Mal jemanden in freier Wildbahn kennengelernt habe. Also jemanden, der mir nicht „serviert“ wurde, etwa durch berufliche Umstände. Und ich kam nicht darauf. Auch nach langem Nachdenken nicht. Die letzte große Kennenlernwelle in meinem Leben war die Spielplatz- und Grundschulzeit, in der vermutlich fast jede und jeder noch einmal einen ganzen Schwung an neuen Kontakten erlebt.

Was für einige, die damals alleinstehend waren, auch durchaus zielführend war, nebenbei bemerkt.

Gerade fällt mir ein, es gab später noch die Lindy-Hop-Kontakte. Aber beides, Spielplatz und Tanzkurse, waren auch wieder festgesetzte Kennenlern-Settings, waren also im Grunde sehr leicht lösbare Aufgaben. Man kann sich dabei gegen das Kennenlernen ja kaum wehren.

Habe ich überhaupt schon einmal Menschen „einfach so“ kennengelernt? Mir fiel kein Beispiel ein, mir fällt immer noch keines ein. Meine erste Frau kam dem am nächsten, denke ich, sie war Kundin in dem Laden, in dem ich gearbeitet habe. Das kann man vielleicht gelten lassen, das war nur halb beruflich.

Aber davon abgesehen – entweder habe ich gerade ein Brett vorm Kopf oder dieses klassische und auch so wichtige Romantic-Comedy-Element des überraschenden Kennenlernens aus dem Alltag heraus hat sich bei mir so gut wie nie in der Wirklichkeit gezeigt (den ausgesprochen freudschen Vertipper „Bett vorm Kopf“ hätte ich jetzt fast stehengelassen).

Hätte ich also vielleicht besser aufpassen müssen? War es am Ende deswegen so oft keine Comedy? Ich muss das Thema noch einmal durchdenken.

Über dergleichen jedenfalls sann ich längere Zeit nach. Auch noch beim Einkauf am Nachmittag. Wo die junge Frau an der Kasse, noch neu in diesem Laden, zu dem Kunden vor mir sagte: „Na, Sie kaufen aber viel Sahne!“ Woraufhin sich, und ich hätte mich nach einer Weile nach den Kameras umdrehen mögen, ein kurzer Dialog zwischen den beiden ergab, der immer säuselnder wurde. An dessen Ende die beiden eine Verabredung ins Auge fassten. Denn man könnte doch einmal, und warum auch nicht, wo sie doch … wo er doch … und gleich nebenan! Vielleicht nächste Woche?

Und sie sahen sich an wie Susi und Strolch beim Spaghetti-Essen.

Ein Paar, von hinten fotografiert, sitzt auf den Stufen gegenüber den Arkaden an der Kleinen Alster

Immer wieder erlebe ich solche Geschichten. Die auf meine Gespräche, meine Gedanken oder meine Texte in seltsamster Weise zu antworten scheinen. Aber immer wieder denke ich auch, dass ich, falls es sich um Botschaften für mich handelt, kein besonders gelehriger Schüler bin. Denn was genau sagt mir das jetzt. Was soll ich daraus ableiten, was soll ich nach diesem Beispiel machen. Soll ich erst einmal mehr Sahne kaufen?

Und dann wieder dieses ungute Gefühl dabei, dass man da oben oder sonst wo jetzt erneut und ohne die mindeste Begeisterung oder Motivation zur Beratung zusammenkommt und erörtert – noch einmal erörtert! – wie deutlich man es denn mir gegenüber bitte noch ausdrücken soll.

Was auch immer genau.

Eine Person, von hinten fotografiert, sitzt auf einer Bank vor Sonnenuntergangskulisse an der Binnenalster

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Es werden Maßnahmen gegen Übellaunigkeit ergriffen

Neulich erwähnte ich (hier war das), dass mir in einer arte-Doku eine Schauspielerin aufgefallen sei. Katharina Stark, die darin einige Szenen hatte, die mir besonders gut gefielen.

Am Sonntag habe ich die tendenziell übellaunige und von Behörden, anderen Ungeheuerlichkeiten sowie diversen Zumutungen des Lebens gründlich verärgerte, auf dem ganzen Weg zeternde und Anklage gegen die Welt erhebende Herzdame ins Kino geschleift. Was ein Unternehmen mit nicht eben geringem Risiko war, denn Menschen aus Nordostwestfalen neigen bei Übellaunigkeit zu noch mehr Intensität und Nachhaltigkeit als andere Norddeutsche. Es hätte gründlich schiefgehen können, ich habe da gewisse Erfahrungswerte.

Mein Eindruck von Katharina Stark wurde in dem Film dann bestätigt. Sie fiel mir bei arte also völlig zurecht auf, und ich bin jetzt ein wenig stolz. So etwas passiert mir sonst nicht, denn mir Gesichter zu merken, das ist sicher keines meiner Neigungsfächer. Das ist eher ein klarer Kompetenzmangel.

Wir sahen jedenfalls das, was alle gerade sehen. Also den Film nach dem Buch, das alle schon gelesen haben. Alle, außer der Herzdame, bei der es seit Jahren auf dem Nachttisch liegt. Eventuell liegt es dort, nachdem ich es ihr vor Jahren geschenkt habe, aber da verliert sich die Erinnerung leider im Ungefähren. Selbstredend aber habe ich besonders viel Verständnis für ungelesene Bücher, auch in höheren Stapeln, denn das wiederum ist eines meiner Fachgebiete.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, nach dem Meyerhoff-Buch gab es also (Wikipedia zum Film). Ich weiß gar nicht, wie lange es her sein mag, dass ich mit einem Film derart vollumfänglich einverstanden war. Sowohl als eigenständiges Produkt, was die Herzdame gut beurteilen konnte, als auch als Literaturverfilmung, was dann meine Abteilung war: Wir waren beide hochzufrieden. Und, noch wesentlich erstaunlicher, die Herzdame war nach dem Film nicht mehr übellaunig.

Das ist eine Art Oscar-Pendant, wenn nicht mehr.

Die Kinokarte zu "Ach, diese Lücke"

Mit besonderer Erwähnung des Spiels von Senta Berger. Es steht wohl auch fast überall in den Feuilletons so, und ich verstehe es jetzt, das war beeindruckend.

Da es im Film um die Schauspielschulzeit der Hauptperson ging, fand die Handlung hauptsächlich in Settings und Situationen statt, die von meiner Komfortzone maximal weit entfernt waren. Gibt es dafür einen Begriff? Das Stress-Segment der Wirklichkeit, die Fight-and-Flight-Zone? Wie auch immer. Fortwährend fand sich der Protagonist da jedenfalls vor Herausforderungen, bei denen ich gerne spontan verstorben wäre, hätte ich dergleichen denn jemals erlebt. Es war eine Art Gegenteilwelt. Dennoch habe ich alles sehr gerne gesehen, und dennoch habe ich kein Fremdschamproblem gehabt, wie ging das eigentlich zu. Vermutlich lag es an meiner überbordenden Sympathie für das ganze Geschehen im Film und für die handelnden Personen.

Die Herzdame fand Bruno Alexander sehr ansprechend, ich fand Katharina Stark sehr ansprechend, so fügten sich unsere Perspektiven zusammen. Nahezu harmonisch.

Ein etwas abseitiges Bemerknis aber noch, an dem ich nun nicht mehr vorbeikomme. Denn Joachim Meyerhoff ist fast genau in meinem Alter, entsprechend bilden die Szenen seiner Kindheit vom Design, vom Interieur, von der Mode und den Frisuren her auch meine Kindheitsjahre treffend ab. Und ich habe wieder gemerkt, dass ich jetzt in einem Alter bin, da erlebe ich, wenn es etwa eine langsame Kamerafahrt durch diese Vergangenheitswelt gibt und viele Details für mich exakt stimmen, vom Grundig-Plattenspieler und den Telefunken-Boxen bis hin zu den Kaffeetassen und den Kinder-Schlafanzügen, eine Form von wohligen Schauern der Nostalgie, gegen die ich mich kaum mehr wehren kann.

Ein Neonschild, eine Schrift: Time matters ...

Ich weiß aber tatsächlich noch recht genau, wie ich mich früher bei Älteren darüber amüsiert habe. Wenn sie da immer so enthemmt, schwärmend und vergangenheitsverloren von etwas aus „ihrer Zeit“ erzählt haben. Wenn sie dann für einen Moment diese gewisse, etwas süßlich anmutende Wehmut und die rückwärts gewandte Träumerei im Blick hatten. Es kam mir lange, lange so vor, als sei das eine Gefühlslage, die zwar bei anderen durchaus vorkommen mag, keinesfalls aber bei mir. Denn ich lebte ja mehr nach vorne hin.

Wart’s nur ab, sagten Zeit und Schicksal da leise und kicherten wohl auch, wart’s nur ab.

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Dünnes Eis

Vorweg ein Dank für die Zusendung von, wie sagt man das, Betriebsmaterialien. Die sich nicht eben fotogen geben und daher ohne Abbildung verbleiben – es standen bestimmte Minen für Schreibgeräte auf dem Wunschzettel. Ganz herzlichen Dank! Man fühlt sich immer wohler, wenn Vorrat da ist. Preppen für Chronisten sozusagen.

***

Der Hamburger Wetterbericht ist währenddessen offiziell aus dem Wintermodus heraus und endlich wieder im Normalbereich angekommen. Ich zitiere: „Regen, Nieselregen oder einzelne Schauer möglich.“ Das ist nah dran an der All-Time-Favorite-Formulierung: „Zwischen den Regenfällen einzelne Schauer“.

Und so ist es auch tatsächlich. Ich höre seit vielen Stunden gleichmäßiges und enorm schlafförderndes Tröpfeln und Rauschen von den Dachfenstern her, welches sich mit dem zuverlässigen Rauschen der Heizung dergestalt verbindet, als würde ich zwischen zwei lieblichen Bächlein im gestern erwähnten Zeitalter der Romantik wohnen.

You may now serve the Heimatgefühle.

Der Schnee wurde durch den sportlichen Temperatursprung binnen Stunden vollständig aus dem Stadtbild entfernt. Ein Besuch war dieser Schnee, der entschieden zu lange geblieben ist, man weint dem hier also nicht nach. Nur auf einigen Gewässern liegt noch eine hauchdünne, mitunter fast schon durchsichtig wirkende Eisschicht, die in einem aparten Hellblaugrau gehalten ist. Hier und da sieht sie ein wenig wie eine edle Glasabdeckung aus, die sorgsam über das Wasser geschoben wurde. Aber so teuer, porzellanfein und zerbrechlich wirkt sie dabei, diese Edel-Verschalung, dass man sie sicher nur an Sonntagen und „für gut“ benutzen möchte.

Mit anderen Worten, am Montag wird es sich mit dem Eis ebenfalls erledigt haben. Und wir werden auch damit gut klarkommen.

***

Apropos Klarkommen. Womit Sie rechnen müssen, das sind Unregelmäßigkeiten im Blogbetrieb in dieser Woche. Aus brotberuflichen sowie anderen organisatorischen Gründen ist in den nächsten paar Tagen einiges anders als sonst. Und ich bin da empfindlich, reagiere also eventuell unangemessen verschreckt und daher zeitlich entgleisend. Bitte keine Suchtrupps aussenden, wenn hier etwas fehlen sollte. Ich treibe dann nur Nebendinge, wie es bei Heinrich Mann damals im Professor Unrat so oft hieß.

Da ich das aber andererseits jetzt so angekündigt habe, sind die Chancen soeben wieder gestiegen, dass alles doch normal und wie immer läuft. Man muss seine Renitenz nämlich nur richtig zähmen, etwas seelisches Aikido betreiben, dann kann man sie auch nutzen. Alte Regel!

Und halten Sie es nicht für einen Scherz, denn es funktioniert erwiesenermaßen.

Das mit der Jahreskarte in der Kunsthalle ist ein eng verwandtes Tricksen. Mit dem ich mich in diesem Fall durch selbstgemachten, eher milden Druck vor die Tür und hin zur Kultur befördere. Und da auch das zu wirken scheint, überlege ich noch, ob sich auf diese Art nicht noch mehr machen lässt.

Die alte Kunsthalle und der Platz davor

Wobei ich mit der Zentralbibliothek, in der ich ebenfalls ein Jahresabo habe, dem jederzeit kostenlos zugänglichen Hauptbahnhof und der Kunsthalle fast direkt vor meiner Haustür eine beachtliche Anordnung von drei wichtigen Instanzen in jeweils großen oder riesigen Gebäuden zur täglichen Besichtigung habe: Bücher, Menschen und Kunst. Wäre ich hier in einem größeren Medium, bei SPON oder ähnlichem, ich müsste es sicher schmissiger ausdrücken, etwa „Medien, Massen und Malerei“. Immer an die Schlagzeilen denken.

Die Zentralbibliothek und Gleise am Hauptbahnhof, bei Dunkelheit aufgenommen

Das kommt mir jedenfalls gerade gut eingerichtet vor. Und wenn ich mutig weiterdenke – fast direkt an dieses Event-Ensemble anschließend liegen noch mindestens zwei Theater, ein Kino und ein weiteres Museum.

Da geht noch was.

In dem weiteren Museum gibt es Design und gerade erwähnte ich die Bibliothek, da wirft mir die Assoziationsmaschine noch eben einen Song aus, der beides in besonders schönen Lyrics fast bizarr passend verbindet: Tiny Ruins mit „School of design“.

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For your eyes only

Meine gerade erst bestellte Jahreskarte für die Hamburger Kunsthalle kam per Post, ich gehöre nun zu den Freunden der Kunsthalle. Das kostet für ein volles Jahr 90 Euro. Wenn man später im Jahr kauft, so wie ich, fällt der Preis nur noch anteilig an.

Die Kunsthalle am Abend aufgenommen, Schnee auf dem Plateau davor

90 Euro, das entspricht, wenn man normal zahlungspflichtig und erwachsen ist, 5 Besuchen. Ab dem 6. Besuch spart man Geld. Das sollte bei mir leicht hinkommen können, denn ich wohne neben der Kunsthalle. Wir sind also nicht nur Freunde, wir sind auch Nachbarn, wir sind so (der Autor macht an dieser Stelle statt weiterer Worte lieber Gesten mit verschränkten Fingern und versucht, bedeutungsvoll zu gucken).

Eine Sesamöffnedich-Plastikkarte habe ich nun und kann, um auf einen uralten Witz aus meinen Jugendzeiten zurückzukommen, mit der Coolness von „Django zahlt heute nicht“ durch den Eingang schlendern. Es war mir ein Fest. Und es war ein besonders schöner Saisonbeginn, denn es fing exakt in dem Moment an zu regnen, als ich die Tür zur Kunsthalle berührte, und es hörte prompt auf, als ich wieder rauskam. So soll es sein.

Die Göttinnen der Fügung und des Zufalls, das Glück, die große und diffizile Kunst des richtigen Moments. Man muss auch mal gewinnen können! Wenn auch nur bei so etwas.

Viel Zeit hatte ich allerdings nicht, also habe ich mir nur mal eben etwas Kleines angesehen. Etwas sehr Kleines sogar, nämlich die schöne Ausstellung über Miniaturen der Romantik im Untergeschoss der Galerie der Gegenwart: „For your eyes only“. Kleine und auch winzige Porträts aus der Zeit vor der Daguerreotypie, etwa um 1800 bis circa 1840.

Von spezialisierten Künstlerinnen und Künstlern mit erlesen feinen, filigranen Werkzeugen auf edlen Materialien verfertigte Abbildungen geliebter Menschen, etwa Aquarell auf Elfenbein. Welche die Liebenden dann dauerhaft in Medaillons, Ringen, Broschen etc. bei sich tragen konnten.

Eine Miniatur der Romantik, ein Mädchen oder eine junge Frau in einem hölzernen Rahmen

Man muss es sich beim Betrachten schon bewusst machen, dass es jeweils nur dieses eine Bild gab. Sonst kann man es sicher nicht richtig würdigen, was man da sieht. Diese handlichen Bildchen waren die einzige Erinnerung, der einzige Beleg für die Großartigkeit und, je nach Verliebtheit, auch für die Schönheit und Anbetungswürdigkeit des oder der jeweils anderen. Es werden also auch heftig abgeliebte Bildnisse dabei sein, und im wahrsten Sinne des Wortes wurden sie dicht an den Herzen getragen, in aufklappbaren Schmuckstücken.

Eine Miniatur der Romantik, ein Männerporträt in einem Medaillon

Eine Miniatur der Romantik, ein Frauenporträt in einem Medaillon

Eine Miniatur der Romantik, ein Frauenporträt in einem Ring

Eine Miniatur der Romantik, ein Frauenkopf in einem Medaillon

Das Bild jener, die uns lieb sind, kostbar für uns zu deren Lebzeiten, ist ein unermesslicher Schatz, wenn sie einmal tot sind. Zeit löscht ihre Gesichtszüge in unserer Erinnerung aus, und der Besitz eines ähnlichen Porträts ist für uns dadurch ein Sieg über den Tod.“

Ein Zitat der Miniaturmalerin Aimée Zoé Lizinka de Mirbel, was für ein außerordentlich fantastischer Name. Er klingt doch eindeutig so, als würde er nach einem passenden Roman geradezu schreien: „Die Wanderminiaturmalerin“.

In einem Fall sah ich, dass jemand den geliebten Menschen noch auf dem Totenbett hat malen lassen. Man muss wohl annehmen, in aller Eile.

Geschönt sehen sie meist nicht eben aus, diese Porträts, eher deutlich treffend. Manchmal muten sie auch fast karikierend an, aber das rät man selbstverständlich nur.

Eine Miniatur der Romantik, ein Männerporträt in einem Medaillon

Ein Bemerknis nebenbei, dass es etliche Frisuren bei den Damen gab, die heute grotesk wirken würden. Nicht die üblichen lieblichen Schnörkellocken, die man aus den Historienfilmen mit den attraktiven Hauptdarstellerinnen kennt, eher sehr seltsam gelegte Strähnen, aus unserer Sicht recht skurrile Einfälle. Bei den Herrenfrisuren waren etliche Varianten dabei, bei denen man unwillkürlich an Julius Cäsar und Otto Schily denken muss, ohne die beiden vergleichen zu wollen (gerade habe ich doch einmal nachgesehen, ob der eigentlich noch lebt, der Schily – ja, dem ist so).

Auf keinem der ausgestellten Bilder jedenfalls machen die Abgebildeten alberne Grimassen oder Gesten. Es gibt keine rausgestreckten Zungen, kein mutwilliges Schielen, keine Victory-Zeichen, keine Dabs. Ein sympathisch seriös wirkendes Zeitalter, diese Romantik. Aber natürlich nur, bis man die Lyrik liest.

Einige der Künstlerinnen von damals gingen später mit der Zeit und wechselten mit dem Aufkommen der neuen Aufnahmetechniken in Richtung Daguerreotypie und Fotografie. Hier ein Beispiel aus dieser Umbruchzeit, eine kleine Aufnahme an einer Streichholzbox:

Eine silberne Streichholzbox mit einer winigen Daguerreotypie darauf, ein Frauenporträt

 

Andere wechselten die Richtung ihres Berufs nur ein wenig und eher seitlich. Sie verlegten sich darauf, Miniaturen von berühmten Gemälden anzufertigen, die in den großen Museen hingen. Das war ein in der Zeit neu entstehender Markt.

Da hat man dann unerwartet einen erstaunlich aktuell deutbaren Bezug zum Umgang mit disruptiver Technik. Denn das kennen wir doch, dass wir darüber nachdenken müssen, wie und ob unsere Berufe überleben können. Wie wir uns anzupassen haben, ob mit zwei Schritten zur Seite oder im scharfen Schwenk. Man entkommt den Themen seiner Zeit so leicht nicht, auch nicht beim Betrachten von Bildern, die zweihundert Jahre alt sind.

Abschließendes Bemerknis aus dem Zufalls-Fundus: Die letzte Ausstellung der Kunsthalle, in der ich vor dieser war, zeigte Bilder von Anders Zorn. Die Kuratorin dieser Ausstellung, in der ich gestern gerade war, heißt Sabine Zorn. Nanu.

Bei der nächsten Ausstellung werde ich nach der Fortsetzung dieses Musters suchen, versteht sich.

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Linkwerk zum Wochenende

Erhellendes las ich über Mimosen und über die mir unbekannte Vokabel „Forcerie“, und zwar bei der geschätzten Korrespondentin in Südfrankreich.

Ich muss mich nach der Lektüre leider für voraussichtlich lange Zeit sehr zusammenreißen, bei der Kenntnisnahme von Problemen in Kindergärten, Schulen, Konzernzentralen und Großraumbüros aller Art nicht dauernd „Mimosen in der Forcerie“ zu denken. Schlimm.

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Weiter ging es für mich ansonsten mit den Kunst-Dokus auf arte. Etwa mit Max Beckmann: „Ein Reisender“ (ein YouTube-Link, da die Sendung auf arte nur noch kurz verfügbar ist) und mit Camille Claudel: „Eine Jahrhundertkünstlerin“. Von ihrem tragischen Ende wusste ich bisher nichts. Sowie mit Paula Modersohn-Becker: „Keine Kompromisse“.

Im Gegensatz zu den anderen Folgen der Reihe gibt es bei Modersohn-Becker viele Spielszenen, und sie sind, es ist fast ein Wunder bei Dokus, gut gemacht und stören nicht, heben die Sendung im Gegenteil eher deutlich an. Die Künstlerin wird gespielt von Katharina Stark, die gerade auch in der aktuellen Meyerhoff-Verfilmung im Kino zu sehen ist.

Gefiel mir, wie sie hier auftrat.

Weiter ging es mit Toyen: „Die Malerin des Surrealismus“. Diese Sendung fand ich nützlich, weil sie wieder zur Bescheidenheit aufforderte. Denn auch wenn man denkt, sich mit einem Thema halbwegs auszukennen, hat man doch vielleicht noch Bildungslücken groß wie Scheunentore. Man muss das immer für möglich und wahrscheinlich halten. Ich hatte  von dieser Künstlerin noch nie etwas gehört.

Zur Abwechslung sah ich danach noch 45 Minuten beim ZDF über Frida Kahlo. Und bemerkte dann später an diesem Tag in der Filiale einer Buchhandelskette in der Innenstadt, dass es da gerade Kahlo-Kitsch-Tische gibt. Leuchtend bunt designtes und selbstverständlich blumiges Zeug liegt darauf. Kissenbezüge, Schreibblöcke und Ordner, Becher, Socken, Geschenkpapier und Einkaufsbeutel in Kahlo-Colours.

Quasi Kahlo-Lifestyle-Accessoires. Eine kultivierte und südlich-sommerliche, mexikanisch anmutende Munterkeit sollen sie wohl verbreiten, mitten im Hamburger Februar.

Na, wer’s braucht.

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Gehört: Ein WDR-Zeitzeichen (14 Minuten) zu Lou Andreas-Salomé und ein Kalenderblatt zu Umberto Eco (5 Minuten nur), der vor zehn Jahren gestorben ist.

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Einen Artikel bei der Deutschen Welle las ich, der ein Gefühl trifft, welches bemerkenswert viele gerade haben. Nämlich dass wir in diesem Land etwas verlernt, eine Fähigkeit verloren haben, die lange als sicher und auch als fest eingebaut betrachtet wurde, als stets zuverlässig mitgeliefertes Modul der Menschen hier: „Was wurde nur aus der deutschen Projektplanung?

„Große Projekte werden nicht mehr schnell, effizient und bedarfsgerecht realisiert. Das alte, positive Image Deutschlands trifft nicht mehr zu.“

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Dann hörte ich  eine halbe Stunde aus der oft interessanten Reihe „Essay und Diskurs“: „Für immer jugendlich“.

Der Teaser dort lautet: „Die Babyboomer bleiben ewig jung: Sie übernehmen Trends ihrer Kinder, konsumieren Jugendlichkeit und verwischen die Grenzen der Generationen. Was bedeutet dieser Wandel für Gesellschaft, Konsum und unser Bild vom Alter?“

Ich stimme nicht allen Schlussfolgerungen und polemischen Anwürfen zu, einiges kam mir unnötig überspitzt vor (muss ich gerade sagen, ja, ja). Ich fand aber besonders die Passagen interessant, in denen es um soziologische Forschungsergebnisse ging.

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Gesehen habe ich einen Film zum zweiten oder dritten Mal, weil ich gerade gemerkt habe, dass hier jemand im Haushalt für Netflix bezahlt hat und der Film dort verfügbar ist: „Lost in Translation“. Den kennen selbstverständlich alle längst, ich weiß, dazu muss man kaum etwas sagen. Aber ich habe beim Sehen jedenfalls wieder gedacht, dass dies eines der Patadebeispiele dafür ist, welche Filme ich gerne sehe: Kaum Handlung, dafür hervorragende Besetzung, interessante Bilder und Dialoge.

Reicht mir so.

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Eines der Bücher, das ich auch zum vierten Mal genießen kann, ist „Bartleby, der Schreiber“ von Melville (Wikipedia-Link). Wenn ich irgendwo für Pflichtlektüre zuständig wäre, dieser schmale Band wäre mit großer Sicherheit dabei. Der Wikipedia-Artikel dazu ist ungewöhnlich lang, aber er lohnt sich auch.

Am Rande wird dort die Geschichte „Wakefield“ von Nathaniel Hawthorne erwähnt, und falls Sie diese nicht kennen sollten, die kann ich gar nicht genug empfehlen. Es ist ein sensationeller Text, der damals komplett aus der Zeit fiel, eine ungeheuer moderne Idee, ein Vorgriff auf Kafka und andere.

In der ARD-Audiothek wird der Bartleby gerade von Benno Schulz vorgelesen, rund zweieinhalb Stunden sind das. Es wird allerdings nicht genannt, wer es übersetzt hat. Schlimm.

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Im Podcast „Talk mit Thees“ war Martin Bechler zu Gast (123 Minuten), der Frontmann von Fortuna Ehrenfeld (Wikipedia-Link), die übrigens bald auch in Hamburg spielen.

Dieser Podcast ist mir vom Format her im Prinzip etwas zu redselig, aber Martin Bechler sagt zwischendurch sympathische Sachen („In mir tobt etwas, das will sich nicht damit abfinden, wie unkomfortabel wir Menschen miteinander umgehen“) und es geht über längere Passagen um Song-Lyrics und Song-Writing, um Ideenfindung etc. Ich nehme fast an, das wird hier auch einige interessieren.

Ferner kommt ein Effekt vor, den ich hier schon einmal am Beispiel von Hildegard Knef hatte. Wenn man ein LLM nach Titeln der Gruppe fragt, werden fast nur solche genannt, die es gar nicht gibt – aber sie klingen beeindruckend plausibel und so, wie es Martin Bechler auch sagt: „Könnte man sofort schreiben.“

Der tiefere Sinn des schlicht wirkenden „I want to misbehave“ wird ebenfalls verhandelt, dito die Geschichte der Markenzeichen-Schlafanzüge.

Falls Sie Fortuna Ehrenfeld allerdings gar nicht kennen, es geht bei denen auch oft um Ruhigeres, etwa so:

***

Ansonsten weiter im Ausverkauf der Winterbilder (was wiederum wie ein Songtitel von Element of Crime klingt):

Elbe mit Treibeis

Elbe an der Hafencity mit Treibeis

Elbe mit Treibeis von der Station Elbbrücken aus

Elbe und MS Stubnitz mit Treibeis

Station Elbbrücken (U-Bahn) mit Schnee

Binnenalster mit weißer Flotte und Eisdecke

Kleine Alster mit Eis und Schnee

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Der Trost, von Topcheckern umgeben zu sein

Der Turm einer der Hamburger Hauptkirchen muss weichen. Sankt Jacobi wird enthauptet, der NDR berichtete. Die Nachkriegsdachkonstruktion im heute sonst so angesagten „Mid-Century-Modern-Look“ ist zu schwer für die alten Mauern darunter, so heißt es da. Dieser Umbau wird sich markant auch auf die Silhouette der Stadt auswirken. Eine Unzahl an Souvenir-Artikeln wird daher auf einmal fehlerhaft bedruckt sein, man wird alles umarbeiten oder überkleben, ausradieren müssen.

Ich freute mich kurz nach dem Erscheinen dieser Meldung erheblich über Kommentare von Männern (es waren ausschließlich Männer) unter diversen Posts von kirchlichen Einrichtungen und lokalen Medien auf Instagram, über diese speziellen Kommentare von denen, die es besser wussten.

Es gibt nämlich verblüffend viele topausgebildete Experten in dieser Stadt, vermutlich gar von Weltrang, die sich mit den Spezialgebieten Kirchenbau, Denkmalschutz, Turmstatik und Bedachungen aller Art derart oberligamäßig auskennen, dass sie lapidar und ohne mit der Wimper zu zucken unter so einem Post notieren können: „Das hätte man auch anders lösen können!“

Es ist für mich als General-Dilettant immer wieder beeindruckend und auch gut zu wissen, wie viel Fachkunde auf Spitzenniveau in so einer Großstadt zusammenkommt. Wir sind hier nämlich im Grunde, das kann man sicher daraus schließen, vermutlich doch für alle Krisen gerüstet. Trotz aller gesellschaftlicher Skepsis, trotz der allgemeinen Neigung zum Fatalismus und zur kollektiven Wehleidigkeit.

Wir müssen nur die jeweils richtigen User fragen, was auch immer uns passieren mag. Und schwer zu finden sind die nun nicht, sie melden sich verlässlich und auch umgehend freiwillig, wenn man die Probleme nur irgendwo öffentlich schildert. Und dann: Yes, we can. And even better than you!

Schön, schön. Ich fühle mich nun solcherart doch wieder etwas getröstet.

Denkt man aber mehr in Richtung Plot-Entwicklung, fällt mir gerade noch ein, will man eine Story daraus machen, dann dreht man in Gedanken bald von Scherz zu Spannung ab, nehme ich an. Denn dann wäre, man sieht die notwendigen Szenen fast sofort vor sich, unter all diesen kommentierenden Freaks, die ihr halbseidenes Topcheckerwissen unter irgendeiner Katastrophenmeldung kommentieren, selbstverständlich der eine dabei, in einem Film unbedingt gespielt von einem der ganz großen Schauspieler, gleich Oscar-Verdacht und alles, der tatsächlich allen anderen weit überlegen ist in Kenntnis und Fähigkeit.

Der aber, das kann man dann fast schon mitsingen, auf dem Höhepunkt seiner Karriere damals vor zwanzig, dreißig Jahren wegen Liebeskummer, Alkohol etc. aus allen Bezügen fiel, ja, wir kennen das, man muss es gar nicht weiter ausführen. Und nun, Zeitsprung zurück in die Gegenwart, ist er längst ein seltsamer Schrat geworden. Ein Unsympath erster Klasse ist er, seltsam angezogen, komisch eingerichtet, Kamerafahrt über Merkwürdiges im Innenraum.

Die Nachbarinnen ringsum wissen auch nicht recht, man hört da manchmal, sagen sie hinter vorgehaltener Hand, so seltsame Geräusche aus dem Haus.

Er ist eine merkwürdige Hauptfigur, so viel steht fest. Ein Schrat, dessen Name aber einem der heute für das Desaster Zuständigen doch etwas sagt, da klingelt etwas, weswegen man dann darauf kommt, wer er einmal war. Und der schließlich im Laufe des Films usw. … Dieses Drehbuch könnten wir vermutlich alle spontan schreiben, bis hin zur allfälligen Weltrettung, bis hin zum Happy-End. Doch, doch, so kann man es sicherlich auch ausführen, gar keine Frage.

Immer positiv denken, ne? Und sei es nur zum Zwecke des Entertainments.

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Ansonsten Winterbilder. Ich werde gar nicht mehr alle los, bevor die Temperaturen steigen. Schlimm.

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Die Bar und der Biorhythmus

Außerdem hatte ich vor einigen Wochen, ich komme virusbedingt nicht hinterher und etwas durcheinander, ein Date zum Zwecke erbaulicher Dialoge mit einer guten und mir nach diesem Abend noch viel wichtigeren Freundin. Und zwar in der schon einmal erwähnten Roofdrop-Bar.

Die mir nun empfehlenswert genug vorkommt, also die Bar, nicht die Freundin, um sie hier auch mehrfach erwähnen zu können. Es war zudem bei beiden Besuchen erstaunlich leer dort oben. So leer, dass sogar ich gedacht habe, dass zwei, drei Personen mehr schon noch hineinpassen würden. Das ist ein vollkommen abseitiger Gedanke für mich als Stadtmittebewohner, das will etwas heißen.

Bei meinen Besuchen auf dem Hoteldach war es jeweils schon januarnachtdunkel und auch auf eine hundsgemeine Art beißend kalt und winterwindig. Die gefühlte Temperatur kam mir dermaßen polar vor, dass ich mich nicht auf der großen Terrasse vor der Bar aufgehalten habe. Nicht einmal eine Minute lang. Aber dass es sich da oben um einen einladenden Fotospot zu sommerlichen blauen Stunden handelt, das war auch durch die Fenster zu erkennen. Es wird nach Möglichkeit noch erläuternde Bilder dazu geben, wenn das Jahr erst ein wenig fortgeschritten ist.

Wenn man auch bei der zweiten Runde noch Espresso-Martini bestellt, schläft man allerdings später nicht ganz so gut, habe ich gemerkt. Oder man schläft einfach nicht.

Eine gute Gelegenheit war es jedenfalls, im weiteren Verlauf der späteren Stunden einmal wieder Willie Nelson zu hören. Und das ist dann auch kein schlechtes Ergebnis eines Abends.

Wobei Nightlife ansonsten kaum noch meinem Erleben entspricht. Die Freundin begann den Abend passend mit dem mir äußerst willkommenen Hinweis, dass sie nicht sicher sei, wie lange sie müdigkeitsbedingt durchhalten könne. Kein Hinweis hätte mir lieber sein können, denn das ist sonst standardmäßig mein Text.

Das denkt man in seinen jüngeren Jahren auch nicht, dass der Biorhythmus bei Dates aller Art irgendwann einmal eine dermaßen gnadenlose Rolle spielen wird. Die man kaum noch wegignorieren kann, weil man sonst Angst haben muss, zu fortgeschrittener Stunde langsam von Stuhl, Sessel oder Barhocker zu rutschen.

Aber nun, es ist, wie es ist. Ich sah zu diesem Thema in den Medien, dass meine Altersgruppe qua Mehrheit bereits hier und da dafür gesorgt hat, dass manche Veranstaltungen auf einmal deutlich früher beginnen. Auch solche, die man gemeinhin mit „nachts“ assoziiert, denn „spätnachmittags“ ist das neue „abends“.

Alles gerät in Bewegung. Wir haben nun fluide Tageszeiten, aber die passen doch gut in unsere so anpassungsfähige, umbrechende Gegenwart, denke ich.

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„An schlechten Tagen bin ich Charles Darwin.“

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Herr Rau hat einen neuen Mantel und auch den geschichtlichen Hintergrund dazu.

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Die letzten Winterbilder müssen ansonsten heute und morgen raus, sagt der Wetterbericht.

Eine Promenade in der Hafencity unter Schnee und Eis

Die Elbe mit Treibeis

Hafencity, Geländer am Elbufer mit Schnee

Hafencity, Straße unter Schnee

Hafencity, Straße unter Schnee

Hansaplatz mit Hansastatue unter Schnee

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Carnival is over

Mit Beginn dieser Woche gelte ich nach offizieller Lesart als genesen und arbeitsfähig im strammen Kanzlersinne. Wenn ich auch weiterhin von einem Energie-Tief aus agiere, das seinesgleichen sucht. „Zum Morgen hin nachlassend“, damit beschreibt der Wetterbericht den nächtlichen Schneefall, aber das gilt auch für mich, denke ich schon beim Aufstehen stöhnend auf der Bettkante.

Nicht mehr kurzatmig, überhaupt ohne körperliche Symptome. Nur so, als sei der Akku durch ein Versehen nicht geladen worden. Oder wenn man an altes Blechspielzeug denkt, das man aufziehen konnte und welches dann ratternd und ruckelnd über Tischplatten kreiste – wissen Sie noch, diese letzten paar lahmen Bewegungen, kurz bevor es dann wieder stillstand? Ich fühle mich in etwa so, wie diese letzten Bewegungen damals immer aussahen.

Oder auch: Porträt des Autors als Trommelhase ohne Duracell. Und da steht man dann, in seinem rosafarbenen Plüsch, und fühlt sich seltsam sinnlos.

Etwas mehr Frühlingsbetonung würde dem Jahr jetzt guttun, nehme ich an, und mir sicher auch. Stattdessen schneit es über Norddeutschland erneut, unerbittlich und in Tolstoi-Dimensionen. Stattdessen regnet es, friert es über, matscht und schlammt es über die Wege und kühlt nachts dermaßen ab, Tiefkühlfach nichts dagegen.

Ein Bootssteg mit zugeklappten Sonnenschirmen an der zugefrorenen Außenalster

Ein Bootssteg an der zugefrorenen Außenalster

Verschneite Bootsstege an der Außenalster

Ein Ruderclub an der zugefrorenen Außenalster

„Wir möchten das nun nicht mehr“, aber als Mantra einer Millionenstadt gemurmelt.

Das Gute ist natürlich, dass es sich demnächst von selbst erledigen wird. Frühling wird es schon werden, so viel steht fest. Et hätt noch immer jot jejange, man kann in diesen Tagen auch mal in Richtung Rheinland denken. Da soll es auch etwas wärmer sein, höre ich.

Es ist jedenfalls eine vergleichsweise okaye Problemkategorie, sich über die Jahreszeiten, das Wetter und die Auswirkungen auf den Energiehaushalt zu beklagen.

Davon abgesehen: Carnival is over. Auch wenn wir hier wie immer sowieso nichts davon gemerkt haben. Dennoch habe ich passende Musik zum Anlass, The Seekers mit der letzten Aufführung des Klassikers auf ihrer Abschiedstournee.

Und zum Vergleich auch noch eine Aufnahme aus der frühen Erfolgszeit des Songs und der Gruppe, aus dem Jahr 1967, also 46 Jahre vor dem ersten Video. Falls man gerade über stattgehabtes Leben, die Zeit, Vergänglichkeit etc. nachdenken möchte, das könnte ja sein.


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Diese Viertelstunde noch schaffen

Eine kleine Notiz nur von einem meiner im Moment dummerweise häufigeren Arztbesuche. Ein Mann steht da hinter mir an, während ich am Empfangstresen gerade weitere Termine regele. Ich sortiere mir noch eben die für mich ausgedruckten Zettelchen zurecht, stecke meine Krankenkassenkarte weg und speichere die Termin-App-Einträge auf dem Smartphone, das wieder nicht genug Empfang hat, da beginnt schon das Gespräch der Frau am Empfang mit diesem Mann hinter mir. Es geht um irgendwelche Zusatzleistungen, ich höre es unfreiwillig. Er wird gefragt, wie er diese bezahlen möchte. Eine Routinefrage in einem Standard-Dialog, es hört sich zunächst an wie Phrasen aus einem Deutschkurs für Ausländer. Bis dahin.

Zehn, fünfzehn Jahre älter als ich wird dieser Mann sein. Im Vergleich zu mir schon deutlich gebeugter, schon vom Leben schon sichtlich demolierter. Eine längere Krankengeschichte als ich wird er vielleicht auch haben, fit sieht er nicht einmal ansatzweise aus. Nicht einmal neben mir, und ich war schon einmal in besserer Form.

Etwas fahrig wirken seine Hände, in unruhiger Bewegung sind sie unaufhörlich. Und er guckt wie erschreckt, als er diese für mich harmlos klingende Frage hört. Wie er zahlen möchte, es wird für ihn auch wiederholt, weil er so seltsam guckt, vielleicht hat er es nicht verstanden. Nicht unfreundlich, nur zur Sicherheit und etwas lauter wird die Frage wiederholt. Entgeistert guckt der Mann, das ist das passende Wort. Unglücklich auch. Seine Hände flattern ratlos auf und nieder. „Gleich hier mit Karte oder erst per Rechnung?“, so wird er weiter und mit Erläuterung gefragt, und ich höre auch, dass es dabei um eher geringen Betrag geht.

Der Mann legt die Hände auf den Tresen, wie um sich kurz festzuhalten, er überlegt. Aber er überlegt nicht wie jemand, der ruhig, sachlich und kurz eine Marginalie abwägt, eine Alltagsentscheidung. Eher überlegt er wie jemand, der gerade dabei ist, in einer mündlichen Prüfung desaströs zu versagen.

Schließlich fragt er: „Wie machen es denn die anderen so?“


Eine Unsicherheit, die ich so eher nicht hätte. Fast ein Pluspunkt also, da habe ich einmal ein Problem ausgelassen. Zwar bin ich in Bezug auf Ängste auch nicht unerfahren, wer wäre das schon noch in diesen Zeiten, aber ich bin bisher nicht einmal darauf gekommen, dass man diese Frage nach dem Bezahlmodus schwierig oder bedrohlich finden könnte.

Es klingt beim Zuhören allerdings etwas in mir an, das merke ich auch. Etwas Mitgefühl, das doch auf Verständnis beruht. Denn ich kann es mir immerhin vorstellen, was da womöglich in ihm vorgeht. Ich habe, so kommt es mir zumindest vor, Kenntnis dieses Gefühls, dass einen jede beliebige weitere Komplikation im Alltag, welche auch immer es sei, und sei sie noch so trivial und geringfügig in den Augen anderer, an das Ende aller Zusammenrissmöglichkeiten bringen könnte und sogar darüber hinaus. Bis hin zum hoffnungsvollen Gedanken: Wenn ich es einfach so wie alle anderen mache, ist es vielleicht kein weiteres Problem. Jetzt bloß noch hier durchkommen, diesen Meter noch schaffen oder diese Viertelstunde. Und dann geht es vielleicht wieder.

Das liegt in der Nähe der „Fawn“-Variante unter den Stress-Reaktionen, wir hatten das schon einmal. Nur zur Erinnerung die gesamte Liste nach aktuellem Stand: Flight, Fight, Freeze and Fawn, Faint, Flirt and Fiddle. Die Aufzählung ist auch von lyrischer Qualität, wie vielleicht auffällt. Und dummerweise sind es sieben Varianten, sonst hätte man sich einen Würfel basteln können, falls man bei Stress-Reaktionen einmal eine Entscheidungshilfe brauchen sollte.

Ich merke jedenfalls, was ich gerade neben mir erlebe, das ist für mich auch nur ein weiterer Fall von „been there, done that, got the t-shirt“. Auch wenn es bei mir schon erfreulich lange her ist, dass es einmal derart eskalierte.  Das denke ich mir so, während wir da immer noch durch Zufall verbunden nebeneinanderstehen, der sich mühsam wieder fassende ältere Mann und ich. So wie ich dann auch die fast logische Fortsetzung dieser Erkenntnis denke: Mir geht’s ja noch gold.

Und verkehrt wird es nicht sein, das hin und wieder zu bemerken. Auch dann nicht, wenn man gerade noch Rekonvaleszent ist.

Ein Rettungsring auf dem Eis der Binnenalster

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