Außerdem ging es hier weiter im Kulturprogramm, also in schon bemerkenswerter Konsequenz. Dergestalt zog ich dieses Urlaubsvorhaben bisher durch, dass ich fast schon zufrieden mit mir bin.
Und das gibt es ja heute kaum noch.
Die wöchentlich-regelmäßigen und außerdem kostenlosen Orgelkonzerte in den Hauptkirchen der Innenstadt habe ich schon mehrfach erwähnt, es hat bisher aber immer eine Veranstaltungsreihe in meinen Berichten gefehlt. Das liegt daran, dass die Konzerte in Sankt Katharinen an jedem Mittwoch um 12:30 stattfinden, und da kann ich praktisch nie. Jetzt konnte ich doch einmal, jetzt ging ich auch prompt hin.

Falls es jemanden interessiert, hier noch die Übersicht der drei Terminreihen. Ich möchte sie noch einmal sehr für alle empfehlen, die auch nur ansatzweise Sinn für Orgelmusik oder allgemeiner für Kirchenmusik haben. Man muss dafür, wie an mir zu beweisen ist, durchaus nicht religiös sein, um es genießen zu können. Und die Geschichte des Christentums ist zwar bekanntlich eine erstaunlich verbrecherische, aber gute Musik fiel immerhin auch dabei ab.
Mittwochs, 12:30, Sankt Katharinen: Orgelmusik zur Mittagszeit an der großen Barockorgel
Mittwoch, 17:15, Sankt Petri: Stunde der Kirchenmusik
Donnerstags, 16:30, Sankt Jacobi: 30 Minuten Orgelmusik an der Arp-Schnittger-Orgel
Die Konzertreihen nahmen ihren Anfang vor 75 Jahren, als in der Nachkriegszeit in vielen Kirchen nichts mehr stattfinden konnte, da die Kirchen und Orgeln der Stadt zerstört, zerbombt waren. Die Orgel in Sankt Petri war aber noch bespielbar, deswegen lud man dorthin ein – und blieb dann dabei. Eine wunderbare Tradition.
In Sankt Katharinen und Sankt Jacobi wird jeweils während der halben Stunde verlässlich durchgeorgelt, in Sankt Petri treten manchmal auch Chöre und Menschen mit weiteren Instrumenten oder Sangeskünsten auf.
Ich hatte Glück in Sankt Katharinen, denn mir war nach Bach und es gab auch ausschließlich Bach. Der in dieser Kirche übrigens selbst einmal gespielt hat, und so etwas freut einen dann auch.


Eine halbe Stunde Bach von großer Orgel mitten in der Woche ist mit großer Eindeutigkeit für mich besser als gar keine Meditation. Denke ich mir, während ich auf den Kirchbänken sitze, und ich höre dann nach Möglichkeit intensiv zu. Es ist eine gut geeignete Musik, um ablenkungsfrei zuzuhören, das geht mir bei anderen Spielarten der klassischen Musik nicht so.
Die Kirche ist an diesem Mittwoch nur mäßig besucht, aber wenn man es positiv ausdrücken möchte: Sie ist auch nicht leer. Ich sitze da nicht vereinsamt, es findet um mich herum schon ein Ausschnitt der Gesellschaft statt, wenn auch ein überschaubarer.

Aber es regnet an diesem Tag dauerhaft, ich berichtete gestern. Es ist zweifellos ein Wetter, bei dem nicht alle gerne vor die Tür gehen wollen, nicht einmal für Bach. Da kann man kein volles Haus erwarten.
Ich sitze im hinteren Teil des Kirchenschiffs und sehe sie vor mir, diese tapfere Schar der Zuhörer, die den Weg durch die unfreundliche Nässe auf sich genommen haben. Sie tragen durchweg Winter- oder Regenjacken in Dunkelbraunschlammgraumoostönen. Man trägt gedeckte Farben und man guckt ernst. Vielleicht nicht nur wegen der Musik und wegen des Ortes, vielleicht auch nur, weil man unangenehm nass ist.
Man hört Bach und versinkt dabei reihenweise in dem, was man jeweils für die empfängliche Seite des Selbst halten möchte.


Es gibt bei diesen Konzerten immer welche im Publikum, die versinken dabei auch körperlich in sich selbst. Sie sacken in sich zusammen, sie scheinen in ihren Jacken zu verschwinden. Sie schlafen vielleicht auch ein dabei, dösen kurz weg. Und warum auch nicht.
Es gibt aber immer auch welche, darauf ist Verlass, die sitzen im Gegenteil kerzengerade. Die wirken hochkonzentriert und haben oft schon auf den ersten Blick eine derart kompetente Ausstrahlung, dass man vermuten könnte, sie wären ohne weiteres in der Lage, nach dem Konzert die Partitur aufzuschreiben. Mal eben so.
Manche haben dabei, und es wird kein Zufall sein, eine mönchisch anmutende Strenge im Gesicht. Die aber nicht unangenehm in der Wirkung ist – sie fühlen sich einfach nur durch und durch etwas verpflichtet, und man sieht es.

Vor mir also die erstaunlich uniformen Jackenrücken in matten Novemberfarben, einige davon nassglänzend. In der Mitte des Ganges aber liegt ein blut- bis knallroter Regenschirm auf den Steinen. Wäre dies ein Kinofilm, diese Requisite hätte zweifellos etwas zu bedeuten und wäre symbolisch aufgeladen, man kennt das. Hier aber ist sie nur ein Schirm, den jemand zum Trocknen in den Gang gelegt hat. Es wird auch besser so sein.
Nicht weit von mir sitzt ein Pärchen, von hinten wirken sie jung. Sie stecken die Köpfe immer wieder zusammen und kichern dabei. Entweder sie haben die Komik in Bachs Musik entdeckt, was allerdings eine besondere und unbedingt zu würdigende Leistung wäre, oder sie finden das Vergnügen schlicht in ihrem Beisammensein.
Man kennt auch das, es ist nur in dieser heiter perlenden Form bei manchen von uns schon etwas länger her.

Die Musik steigt zur Kirchendecke und zieht an den bunten Fenstern vorbei. Ich denke wieder, dass da manchmal Töne dabei sind, bei Bach und bei der Orgel, an denen man fast etwas Halt finden könnte. So stark wirken sie, so dauerhaft, stabil und tragend. Es sind Töne, die für mich etwas auszudrücken scheinen, das man leider nicht immer verfügbar hat. Auch deswegen lohnen sich diese Besuche.
Nach dem Konzert gibt es Applaus. Der Organist verneigt sich und zeigt – die Geste fand ich ebenfalls ansprechend – mit einer Hand nach oben auf das riesige Orgelwerk über sich. Ganz so, wie ein Dirigent auf großer Bühne nach der Darbietung vielleicht dankend auf eine Solistin mit Bestleistung zeigt.
Mit Sankt Katharinen war ich also auch zufrieden und habe diese Lücke damit erfolgreich geschlossen. Das mit dem Mittwochmittagstermin, das wird aber ein kaum lösbares Problem für mich bleiben. Ich könnte künftige Besuche höchstens, es fällt mir gerade noch ein, auf meiner bisher gar nicht existenten Bucketlist vermerken, abzuarbeiten nach Renteneintritt.
And so it begins.
Außerdem gibt es im Zweifelsfalle zu allen Lebenslagen einen Song vom geschätzten Dan Reeder, so auch hier:
“Bach could really make those bells ring
Out of some damn love thing
Back in seventeen something
Good God, you know
We don’t even know if he could sing
Because back in those days
We had no way
To make recordings”
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