Der Mittwoch war ein Tag mit ausgeprägt heimatlichem Wetter. Mit einem Wetter also, wie es sich hier etwa von Oktober bis März gut, richtig und gewohnt anfühlt. Obligatorische 12 Grad, es war weder heiß noch kalt. Es war aber eindeutig nass, diesig und auch grau, vor allem grau.
Blendend grau, dachte ich am Morgen beim ersten Blick zum Fenster bei Tageslicht. Wo vom Draußen nicht viel zu erkennen war, abgesehen von dem Farbton des rettungslos verhangenen Himmels. Die zahllosen Tropfen des Dauerregens verschwammen auf den Dachfenstern, es gab trübe, ineinandergreifende Weichzeichnereffekte. Schwarze Kleckse darin, in schneller Bahn quer über die Scheibe ziehend: Die Rabenkrähen auf Morgenpatrouille. Schwirren Flugs zum Hauptbahnhof, um dort Reste an den Mülleimern abzuchecken.

Ein Wetter jedenfalls, bei dem die ersten schon seelisch nachgeben, wie ich mitbekomme. Das sind dann die, welche einen langen, langen Winter vor sich haben. Ich dagegen bin noch im Stadium der Freude, dass die Zeit der verdammten Hitze vorbei ist. Dass man wieder Rollkragen tragen kann, Anzüge, Tweed und überhaupt – dass man sich wieder anständig anziehen kann.

Ich mag das sehr, und die Freude darüber wird auch noch etwas anhalten, vermutlich bis weit in den November hinein. Ich kenne das.
Aber die depressive Neigung passt natürlich gut in die zweite Hälfte dieses Monats, versteht sich. Man kann den Betroffenen nichts vorwerfen, sie verhalten sich saisonal durchaus korrekt.

Ich lese es in den Oktobergedichten nach, wobei ich aber etwas nach Stellen suchen muss, die mich direkt ansprechen, denn es geht meist ausschließlich um intensive Naturbeobachtungen. Der Herbst wird an Pflanzen, Landschaften und (toten) Tieren beobachtet. Es sind Beobachtungen auf freiem Feld, deren intensives Erleben ich aus der steinernen Stadtmitte heraus nicht mehr recht nachfühlen kann – ich habe hier leider keinen Waldsee im Nebel und dergleichen zur Verfügung.

Aber egal, ich finde mich dennoch zurecht und kann hier und da gedanklich folgen. Etwa bei Martin Greif:
„Wie still ist Herbsteszeit,
Ja, wie voll Einsamkeit!
Man kann es nicht erfassen,
Was uns noch will verlassen.“
(Aus dem Gedicht „Spätherbst“)
Wobei hier im kleinen Bahnhofsviertel von still wiederum keine Rede sein kann, Herbst hin oder her. Auf der Baustelle drüben wird nach Kräften gelärmt, teils 12 Stunden am Tag. Und die Stadtmitte um mich herum, sie ist überhaupt keineswegs ruhig. Fast nie ist sie das. Noch am ehesten zwischen 2 und 4 Uhr nachts, aber auch das ist seit einigen Jahren nicht mehr sicher. Es sind immer mehr Menschen nachtaktiv, aus welchen Gründen auch immer.
Oder hier, das ist auch schön, diese Strophe bei Friedrich Rückert:
„Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch
Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch
Was wir geliebt und gedichtet.“
Aus „Gang im Spätherbst“.
Wobei – das Wort „völlig“ will mir nicht ganz passend erscheinen. Wenn man es länger ansieht, wirkt es immer weniger lyrisch, es scheint aus heutiger Sicht in einen anderen Kontext zu gehören.
Aber die letzten beiden Zeilen! Die könnte man auch wieder auf Kissen sticken, ob ihrer allgemeinen Gültigkeit und Schönheit. Wenn man denn so lange Kissen hätte. Vielleicht diese Dinger, die man unter Türen legt, wenn es in der Wohnung zieht.
Mit dem „o Herz“ scheint der Dichter übrigens, den anderen Strophen nach zu urteilen, sein eigenes Herz zu meinen. Er spricht im Gedicht keine andere Person an, sondern richtet hier vielmehr einen Appell an sich selbst, an die emotionalere Komponente seiner Persönlichkeit.
Und da ich eben so lernwillig wie neugierig bin, da ich außerdem auch aus Lyrikbänden etwas mitnehmen möchte, wie man heute sagt, werde ich es demnächst auch einmal ausprobieren, meine gefühligen Anteile mit „O Herz!“ anzureden. Wer weiß, wozu es gut ist.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gefällt mir der Gedanke. Gleich am kommenden Montag könnte ich passend damit anfangen. Wenn der harte erste Werktag nach der vergleichsweise seligen Urlaubswoche anbrechen wird:
„O Herz, sag, was wehrest du dich
Gegen des Heimbüros Pflichten?
So schlimm sind sie auch wieder nicht,
Willst du zugrunde mich richten?“
Doch, ich denke, da geht noch was.

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