Wochenendkultur

Ich habe die Reihe mit der Wochenendkultur erfolgreich fortgesetzt. Also erfolgreich nur in dem Sinne, dass etwas stattfand, nicht dass ich jetzt kulturell aufgelevelt wäre. Immer realistisch bleiben.

Das Hinweisschild zur Ausstellung von Ho Tzu Nyen

Verabredet war ich ein wenig außerhalb meiner Komfortzone zum Besuch moderner Kunst, nämlich der von Ho Tsu Nyen aus Singapur. Videoinstallationen und dergleichen. Definitiv nicht meine Welt, nicht mein Geschmack, nicht mein Interessensbereich. Aber ja, keine Frage, auch so etwas zwischendurch mitnehmen. Sich vielleicht überraschen oder sogar bekehren lassen, weiterhin lernen wollen, flexibel, geistig wendig und offen bleiben oder werden usw. Sie kennen das.

„Lebe wild und gefährlich, Artur.“

Womöglich waren Sie bei diesem Zitat so unbedarft wie ich. Sie haben vielleicht, wie viele andere auch, lange Zeit gedacht, dieses Zitat habe mit Arthur Rimbaud zu tun? Dem ist nicht so (dieses Blog ist nicht mehr aktiv, aber man könnte dort glatt noch etwas rückwärts lesen, so ein anziehendes Thema ist das).

Während ich normalerweise bei moderner Kunst eher unschöne Abwehrreflexe habe, werde ich allerdings vergleichsweise handzahm und zutraulich, wenn mir das jemand betont kundig erklärt. Etwa eine Kuratorin, Künstlerin, Sammlerin, Topcheckerin etc. Um mich also in der Ausstellung halbwegs gesellschaftstauglich zu benehmen, sah ich mir vorher Videos von Ho Tzu Nyen an. Und siehe da, ich fand ihn recht sympathisch. Das war schon einmal ein guter Anfang, ich gab mich danach etwas angetauter.

Dann die Ausstellung. Schon von der Lautstärke her war sie trotz bester Absichten einigermaßen herausfordernd. Lautstärke ist leider auch so ein Thema, bei dem ich mit den Jahren nicht eben duldsamer werde.

Ich machte mir also zunächst ausführlich Gedanken über den Horror, dort ganztägig als Aufsicht herumlaufen zu müssen. Unaufhörlich durch abgedunkelte Räume mit zig Projektionsflächen zu wandern, auf denen unentwegt meist schwarzweiße Filmschnipsel aus Südostasien laufen. Teils algorithmisch immer wieder neu zusammengemixt in der Bild- und Tonspur. Und da geht man dann durch, acht Stunden lang vielleicht. Es kam mir kurzgeschichtentauglich vor, diese besondere Belastung, bei der der innere Monolog der Hauptfigur sicher auch zusehends verschnipselt wird, in immer wirreren Schleifen abläuft und zunehmend seltsame Effekte auf der Tonspur hat. Vielleicht hätte man daraus aber auch eine Art Meta-Video-Installation ableiten können … wie auch immer. Ich kam gedanklich jedenfalls ab, bevor ich richtig drin war, ich trieb schon wieder Nebendinge.

Eine Videoinstallation von Ho Tzu Nyen

Dann aber las ich halbwegs strebsam etliche Erklärtexte. Ich sah mir Filmschnipsel und Sequenzen an, ich hörte zu und gab mir Mühe. Und zwar gab ich mir exakt so viel Mühe, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, sondern im Zwischenzeugnis auch bei diesem Thema stehen könnte: Herr Buddenbohm war stets bemüht. Immer ein gutes Gefühl.

Aber.

Das ist insgesamt nicht meins, und das wird auch nicht meins. Was auch nichts macht, denn man kann und muss sich auch nicht für alles begeistern. Die Ausführungen zum Werk fand ich an einigen Stellen dennoch interessant, und ich verstand auch, oder meinte zumindest, es zu verstehen, was den Meister da gereizt hatte und wie sein Vorgehen und Verbasteln jeweils motiviert war. Und kam dann zu einem Schluss, der aber, das müssen Sie jetzt einfach glauben, nicht so größenwahnsinnig gemeint ist, wie er vielleicht klingt, denn es ist selbstverständlich eine rein abstrakte Überlegung: Ich könnte mir eher vorstellen, solche Kunst zu machen, als sie zu genießen oder auch nur interessiert zu besuchen.

Und ich komme jetzt erst beim Notieren auf den erheiternden Gedanken, dass es auch Menschen wie Ho Tzu Nyen durchaus ähnlich gehen könnte. Theoretisch zumindest. Und das wäre dann schon die zweite ableitbare Geschichte. Wenn es so weitergeht, schreibe ich doch wieder welche.

Eine Installation in der Galerie der Gegenwart

Dann gingen wir noch ein wenig durch den Rest des Hauses, an anderen Phasen der Moderne und an älteren Werken vorbei. Aber das schon mehr nebenbei, denn die Konzentration wandte sich mehr und mehr meiner Begleitung zu, welche ich dort zum ersten Mal traf. Immer noch gibt es einige bloggende Menschen, die so wie ich seit gefühlten Ewigkeiten dabei sind, die mich und die ich also manchmal seit vielen Jahren lese, die ich aber noch nie leibhaftig gesehen habe.

Ein Blick durch Fluchten in der Kunsthalle, Abteilung ältere Meister

Immer noch, nach all den Jahren, kann ich also ab und zu durch so ein Treffen ein Kennenlernen aufarbeiten, das aufgrund des gemeinsamen Themas bereits seit zwanzig Jahren interessant gewesen wäre.

In diesem attraktiven Sinne also traf ich Frau Klugscheißer, welche mir wiederum in ihrem Text zum Tag ein denkwürdiges Kompliment gemacht hat: „Wären wir beide nicht dem Alkohol abgeneigt, würde ich mich mit Herrn Buddenbohm durchaus gerne mal betrinken.

Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Was schon daran abzulesen war, dass wir uns erstaunlich lange und auch noch gerne ausgehalten haben. Und jetzt, wo ich mit etwas Abstand drüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass mir ein Kompliment dieser Art tatsächlich gerade deutlich gefehlt hat. Es handelt sich bei Frau Klugscheißer also vermutlich um einen Menschen mit besonders feiner Intuition, wie sympathisch ist das denn.

Ansonsten nur noch drei Kunsthallenbesuche und ich bin mit der Jahreskarte im Plus. Ich werde nach Möglichkeit berichten.

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Des Märzens Wasser und Winde

Regen und Wind gab es in der Nacht, in welcher der März ins Land einzog. Zwar fiel das geringe Maß an Regen dezent und zurückhaltend aus, aber immerhin war es doch eindeutig Wasser, das da kurzzeitig vom Himmel fiel. Immerhin wurde es währenddessen März. Und da haben wir selbstverständlich in bereitwilligster Assoziationsleistung ein Lied parat.

Eine Art saisonales Vexier-Lied ist es. Denn der Text variiert und meint auch etwas anderes, je nachdem, auf welcher Seite der Weltkugel man sich gerade herumtreibt und welche Jahreszeit man dabei erlebt. Hier nachzulesen.

Es gibt eine Unzahl von Einspielungen dieses Songs, Mengen von Cover-Versionen. Eine der schönsten Aufnahmen ist aber diese hier: Elis Regina und der Urheber Tom (Antonio Carlos) Jobim mit den Wassern des März, mit den Águas de Março.

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Ein Fleet in der Speicherstadt

Der Bug einer Schute mit dem Namenszug "Alster" und einem Fender in leuchtendem Orange

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Der Wind dagegen gab sich nicht so dezent wie der eher scheue Regen. Er trat vielmehr schon wieder in norddeutsch heulender Stärke auf. Pfiff also um die Dachkanten und in geöffnete Fenster, kam auch gleich mit den üblichen Warnmeldungen auf dem Smartphone daher. Obwohl es in Wahrheit lediglich um Beaufort 7 ging („Fensterläden werden geöffnet, Zweige brechen von Bäumen“). So etwas verbreitet hier normalerweise keine nennenswerte Unruhe.

Ob aber die zum Wind und zum März passende Songzeile noch auf eine andere Art zutrifft, als nur brav den korrekten Monat zu benennen, dies wird sich in den nächsten vier Wochen erst noch weisen müssen.

Jedenfalls aber kommt in einem anderen Song-Klassiker, den Foolish Things, und das wollte ich nur eben sagen, die schöne Zeile vor: „The winds of March that made my heart a dancer.”

Hier in der so gefällig historisierenden Version von Max Raabe und dem Palastorchester:

Erheiternd vielleicht am Rande, dass bei den Dingen, die in diesen Song-Lyrics als beseligende und nostalgiefördernde Erinnerungsstücke aufgezählt werden, zwei dabei sind, die man heute doch etwas kritischer sieht:

A cigarette that bears a lipstick’s traces
An airline ticket to romantic places …”

Zigaretten und Flugreisen. Die waren damals, der Song ist von 1935, noch deutlich romantischer und unschuldiger konnotiert als heute.

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An anderer Stelle, mit noch mehr Wasser und Wind in der Landschaft, wie ich hörte, betätigt sich Sohn II wieder als Geburtshelfer, und das vermutlich gleich hundertfach. Von der ihn begleitenden Herzdame wurde auch ein Beweismittel aus Nordfriesland gesendet:

Ein Mutterschaf mit sehr neuem Lamm

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Wie es kommen wird

In der letzten Woche war ich an drei Tagen im Büro. Also im altmodischen, präpandemischen Sinne. Im Firmengebäude im anderen Stadtteil, unten am Hafen. Mit morgens hin und später zurück. Mit ergonomisch korrektem Mobiliar, mit mittags irgendwo mit anderen Essen suchen, mit kollegialem Smalltalk am Kaffeeautomaten und allem.

Obwohl es dabei jeweils um erfreuliche Termine ging, an denen ich auch noch vollkommen freiwillig und mit echtem Interesse teilnahm, obwohl es gar keinen Stress gab und obwohl es bezogen auf den geselligen Aspekt des Ganzen sogar ungewöhnlich gelungen ausfiel, war mir doch am Freitagmorgen, als ich wieder in der eigenen Wohnung arbeitete, nach einem ausgesprochen wohligen Home-Office-Stöhnen zumute.

Ähnlich dem Gefühl und dem Aufseufzen, mit dem man sich vielleicht nach ein paar Stunden der sportlichen oder sonstigen Anstrengung in den Lieblingssessel fallen lässt. Auf das Lieblingssofa, ins Bett oder wohin auch immer. Auf die Möbel gewordene Komfortzone, die wir vermutlich alle haben.

Vielleicht ähnelte mein morgendliches Stöhnen vor dem Schreibtisch zuhause aber auch dem manchmal so vergnügt klingenden Grunzen von Schweinen in der vertrauten Suhle.

Mit anderen Worten, den Zeiten, in denen ich noch jeden Tag ins Büro ging, bin ich mittlerweile auch gründlich entwachsen. Diesen Zeiten, die nicht allzu lange her sind. Ein wenig mehr als fünf Jahre, was ist das schon bei Menschen, die auf Jahrzehnte zurückblicken können. Dennoch verhält es sich schon so wie mit der Teilzeit. Nach über zwanzig Jahren mit Sechsstundentagen, an denen ich beruflich auch noch anderes mache, als mich nur monothematisch dem Brotberuf zu widmen, kommt mir ein Achtstundentag mit nur einem Fachbereich nämlich längst eher unzumutbar vor.

Was ich hier aber alles nur notiere, weil mir ab und zu auffällt, dass es jeweils eine vollkommen unerwartete Entwicklung war. Bis jeweils kurz vor dem Eintritt der neuen Lage hätte ich das jeweilige Modell weder als Wunsch noch überhaupt als Möglichkeit im Sinn gehabt. Beides ergab sich tatsächlich wie über Nacht. Die Teilzeit damals nach burn-out-ähnlichen Symptomen, großer Sinnkrise und längerer Ausfallzeit, das Home-Office bekanntlich durch die Pandemie.

Beides war also medizinisch induziert, könnte man befinden, wenn auch verschieden ausgeprägt.

Ich mache mir das ab und zu klar, weil man als Elternteil reflexmäßig auch bei den eigenen Kindern linear etwas weiter hochrechnet, wenn man sich ihr künftiges Leben vorstellt. Was man ab und zu unwillkürlich macht, und sei es nur für den Zeitraum der nächsten paar Jahre. Aber so wird es dann vermutlich nicht kommen, wie man in solchen Momenten denkt. Die Welt und ihre Leben werden sich eben nicht erwartungsgerecht entwickeln.

Ja, „es wird viel passieren“. Aber vermutlich doch irgendwie anders. Das kann in einem gewissen Sinne auch ein beruhigender Gedanke sein, denke ich. Bei den Ereigniskarten, die man im Rest des Lebens noch ziehen darf, muss oder kann, werden solche und solche dabei sein, man kennt das von den Brettspielen.

Immerhin.

Das Peace-Zeichen in Neon in einem Schaufenster

Ansonsten machte ich ein Alsterbild, das etwas nach Kunst aussah. Es wurde auf Instagram freundlich kommentiert, dass man das Foto auch ausgedruckt an die Wand hängen könnte. Ich glaube allerdings, es würde dann auch nur wie erwartbare Wartezimmerbebilderung oder wie maritime Hotelflurdeko in Strandnähe aussehen.

Nein, es ist wohl kein Bild zum Ausdrucken für mich. Es ist aber ein Bild für eine etwas intensivere Schnappschussfreude. Und das ist auch nicht nichts.

Eine ungemein dekoratov in der Alster treibende Boje auf sehr blauem Wasser mit rosa Wolkenspiegelungen

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Linkwerk zum Wochenende

Zwischen die Links streue ich ihnen heute einige Bilder, bei denen es sich wieder um einen Saisonanfang handelt. Sie wurden gestern beim ersten Spaziergang an der Alster ohne die längst etwas lästig gewordene Winterdeko aufgenommen. Vom Eise befreit usw., Sie kennen das vermutlich (wenn Sie sehr jung sind: egal, nicht weiter drüber nachdenken).

Eine Bank unter einer Weide an der Außenalster, ein Paar darauf, von hinten fotografiert

Ein Interview beim NDR mit Nefeli Kavouras zu ihrem Roman „Gelb, auch ein schöner Gedanke“. Wie bereits einmal erwähnt, das Buch kenne ich noch nicht, aber ich kenne Nefeli, und die ist super. Man könnte Hoffnungen für den Roman daraus ableiten.

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In der Reihe der arte-Dokus sah ich:

Kate Bush: „Intensiv und andersartig“. Als ich Jugendlicher war, stand Kate Bush in jedem WG-Plattenregal. Es war eine Selbstverständlichkeit, sie zu kennen, zu hören und auf Partys ggf. auch volltrunken einige Zeilen mitsingen zu können. Meist war es auch üblich, sie zu mögen. Man versteht so etwas erst hinterher, aber ihre schräg anmutenden Platten, Gesänge, Tänze und Auftritte waren also für z. B. meinen Jahrgang einer der Belege dafür, was alles geht.

Dann Terry Gilliam: „Im Reich der Fantasie“.

Wenn man diese beiden Dokus nacheinander sieht, fällt auf, dass es sich in beiden Fällen um besonders kreative Menschen handelt, die sich gegen große Firmen und auch gegen marktbestimmende Regeln durchgesetzt haben. Mit viel Mühe, aber zielstrebig und unbeirrbar.

Ein sympathischer Aspekt ihrer Karrieren.

Und dann noch Martin Scorsese: „Von Little Italy nach Hollywood“.

Sein Nachname wird in der Sendung auf mindestens drei verschiedene Arten ausgesprochen. Falls Sie da also auch unsicher sind, man hat wohl freie Wahl. Besonders schön fand ich die Szenen, in denen auch seine Eltern vorkommen, die er oft gefilmt hat. Sympathisch auch der Auftritt bei Letterman mit seiner Mutter.

Ein Steg mit Außengastro darauf an der Außenalster

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In der Reihe SRF Sternstunden gab es eine für mich besonders interessante Folge über die Definition und die Diagnosen von psychischen Krankheiten. Mit einem geschichtlichen Abriss der Entwicklung, in dem dann prompt wieder Fromm und Foucault auftauchten, die ich auch gerade erst hatte. Fromm sogar mit exakt dem Zitat, das auch ich gewählt hatte, wie schön ist das denn.

Es geht auch um die Abgrenzungsfähigkeit der Normalität und der sogenannten Normalen von dem irgendwie zu definierenden Rest. Um den Umgang mit den wahrgenommenen Abweichungen, um die Rolle der Vererbung und der sozialen Einflüsse.

Da ich nach ausreichend langer Beobachtungsphase sicher ausschließen kann, dass es normale Menschen überhaupt gibt, sollte diese Sendung vermutlich für jeden interessant sein. Besonders ist sie es aber wieder für den Freundeskreis Neurodivergenz und für all die assoziierten Clubs aus der bunten Welt der geistigen Vielfalt.

Klare Empfehlung!

Ein Paar auf einer Bank an der Außenalster, von hinten fotografiert, sie halten Kopf an Kopf

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Unabhängig von Einzelbeiträgen möchte ich noch einmal auf das Blog „Mediathekperlen“ hinweisen. Ich finde es enorm hilfreich beim Auffinden von Filmen etc., die für mich in Betracht kommen (auch wenn ich sie dann oft doch nicht gucke).

Die Rezensionen dort kommen mir teils vor, als seien sie speziell für mich geschrieben worden, so zuverlässig werden genau die Aspekte erwähnt, die mich interessieren.

Blick auf Bodos Bootssteg an der Außenalster, vom gegenüberliegenden Ufer aus

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Die Sendung „Mal Ungeist, mal Kleingeist“ (41 Minuten) beim Deutschlandfunk Kultur ist ein Interview mit Raoul Schrott (auch zu ihm wieder ein interessanter und erstaunlich langer Wikipedia-Eintrag). Der gerade ein Buch über den Zeitgeist geschrieben hat: „Zeitgeist – Ein Plädoyer für Menschlichkeit“ (Verlagslink).

Ich fand z. B. die Stelle interessant und aufschlussreich, bei der er unsere trendy Besessenheit mit Generationsfragen, Generationsbenennungen, Generationsmerkmalen etc. als „Regression ins Kollektive“ interpretiert. Ein Gedanke, den ich noch nicht gehabt hatte, der mir aber gar nicht abwegig vorkommt.

So etwas macht dann auch Freude, denn neue Gedanken, da stehe ich drauf.

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Und wieder ein eher unschönes Thema. Eine Radiosendung von 43 Minuten aus der Deutschlandfunk-Reihe „KI verstehen“ (Empfehlung): „Künstliche Intelligenz und Pop – Wie KI-generierte Songs die Musikbranche verändern.

Mit Beispielen von betroffenen Künstlerinnen, die von KI plagiiert worden sind oder ungefragt variiert. Aber auch mit solchen, die KI aus ihrer Sicht sinnvoll einsetzen. Weil es selbstverständlich auch dabei zwei Seiten gibt. Mindestens.

Ein älterer Mann auf einer Bank an der Außenalster, von hinten fotografiert

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Ich hörte ein WDR-Zeitzeichen (14 Minuten) über Peter Lustig. Dass er der Ton-Ingenieur war, der Kennedys „Ich bin ein Berliner“ aufgenommen hat, das ist doch entschieden eine der schöneren BRD-Anekdoten.

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Ich weiß nicht mehr, wie ich auf den Podcast vom „Haus am Dom“ gekommen bin, eine Katholische Akademie ist bei mir nicht eben naheliegend. Aber es gibt da jedenfalls eine hörenswerte Folge mit einem Vortrag, in dem der Soziologe Hartmut Rosa (das ist der mit der Resonanztheorie) sein neues Lieblingsthema erörtert, zu dem er selbstverständlich auch gerade ein Buch geschrieben hat. Nämlich „Situation und Konstellation – Vom Verschwinden des Spielraums“, hier der Suhrkamp-Verlagslink.

Die These ist diesmal sogar leicht auf kurze Sätze zu reduzieren, die Ableitung ist es natürlich nicht. Es geht darum, dass wir immer weniger handeln (was Spielräume beinhaltet) und immer mehr vollziehen (wobei man Automatismen bedient oder auch zu solchen wird). Er stellt das an einleuchtenden, einfachen Beispielen dar, zugänglich und nachvollziehbar.

So zugänglich sogar, dass man Gedanken anlegen könnte. Ob z. B. dieser Übergang von Situationen zu immer mehr Konstellationen nicht auch etwas mit dem allgemeinen Gefühl zu tun hat, dass uns immer weniger gelingt, wozu ich etwa neulich diesen Artikel verlinkt hatte?

Einigermaßen naheliegend ist es wohl. Gibt es doch einen mir längst kollektiv vorkommenden Rückgang der Bereitschaft zur Verantwortung und überhaupt an der Entscheidungsfreude, wo man nur hinsieht.

Doch, das wird gewiss zusammenhängen, denn in den Konstellationen nach der Definition von Hartmut Rosa ist man eben nicht verantwortlich. Und kann und will es auch nicht mehr werden.

Ein Namensschild an einer schwimmenden Plattform in der Außenalster: "Funktionär Claus"

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Wo wir schon bei so klugen Themen sind: Bei Kluges und Scheiß gibt es etwas zu feiern, nämlich das Ankommen im Sessel, bei Egalität und Rigidität. Ich verstehe das.

Ein Paar mit Getränken am Ufer der Außenalster, von hinten fotografiert, vor ihnen Bootsstege

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Hanseaten im Erdmännchenmodus

Der Vorfrühling eskaliert hier weiter vollkommen ungehemmt, es ist eindeutig T-Shirt-Wetter. Man sieht nackte Haut an Armen und Beinen, man sieht tiefe Dekolletés an Damen und Maurern. Es kommt einem alles äußerst ungewohnt vor und etwa so, als wäre man verreist. Und zwar weit, weit, vielleicht einen alten Hannes-Wader-Song dabei pfeifend: „Ich bin unterwegs nach Süden und will weiter bis ans Meer.“

Auf YouTube lese ich, dass dieser Song damals ein Beweismittel sein sollte in einer Diskussion zwischen Degenhardt und Wader. Degenhardt war der Ansicht, ein Liedtext brauche stets die guten alten Endreime. Wader wollte beweisen, dass es anders geht, und schrieb daraufhin dieses Lied. Hier in der Version von Johannes Strate, von dem ohnehin empfehlenswerten Album „Salut an Hannes Wader“.

Neben den leichtbekleideten, vorwärtsdenkenden oder wild hoffenden Passanten sieht man noch zahlreiche eher skeptische Menschen in dicken, meist schwarzen, aufgepufften Winterjacken, die sie stur weiterhin tragen. Weil es eben erst Februar ist, ne.

Im Laufe des Tages gleichen sich die Leiden der beiden so gegensätzlichen Gruppen gerecht aus: In der Sonne zergehen die Winterjackenträger, im Schatten frieren die Kurzbehosten. Was aber allen höchst diplomatisch geholfen hätte, das wiederum finden wir heute in den Lyrics bei Fortuna Ehrenfeld:

The unpredictable beauty of Übergangsjäckchen”

Das ungewohnte Wetter verleitet ansonsten erstaunlich viele Menschen zu kleinen Änderungen im Tagesablauf. Was ich weiß, da ich auf dem routinemäßigen nachmittäglichen Weg zum Einkauf auf einmal praktisch alle Menschen treffe, die ich im Stadtteil mindestens auf Begrüßungsniveau kenne. Und wenig sind das nun nicht. Teils habe ich sie schon seit Monaten nicht gesehen, all diese Leute. Die haben zu dieser Stunde in den dunklen und kalten Monaten stets anderes gemacht, haben wahrscheinlich hinterm Ofen gesessen.

Einige der Namen habe ich prompt wieder vergessen, so lang war der Winter, so gründlich haben wir uns nicht mehr gesehen. Ihre Namen sind mir im Hirn zeitgleich mit dem Schnee verweht oder zerschmolzen.

Wie Erdmännchen, die vor ihren Höhlen posieren, so stehen wir nun jedenfalls auf einmal alle wieder vor unseren Häusern und Bauten. Sehen in den blauen Himmel, schnuppern herum, sind auf neue Art wachsam, beäugen interessiert die Futterstellen in der Außengastro. Vielleicht sind wir von Fall zu Fall nicht ganz so niedlich wie die Tiere im Zoo, ich neige dabei auch zur Selbstkritik, aber immerhin werden auch wir an diesem Tag manchmal von irgendwem freudig begrüßt, ähnlich wie Niedliches im Gehege: „Na, guck mal! Wer steht denn da!“

Winterschlafendrituale Und solche kleinen Freuden sind auch schön.

Fassade in der Speicherstadt

Sankt Katharinen

Speicherstadt und Fleet

Speicherstadt und Fleet, eine Hafenrundfahrt passiert gerade das Gebäude und eine Brücke

Auf dem Hoteldach gegenüber, ich sehe es schon am Morgen, weht wieder die Fahne, nein, pardon, die Flagge des Landes eines Hamburger Staatsgastes. Ich erkenne sie nicht, wie es leider öfter vorkommt. Diesmal ist es aber auch ein wenig peinlich, denn gleichmäßige Längstreifen in Blau, Schwarz und Weiß, die hätte man ruhig erkennen können, Herr Buddenbohm. Das ist nämlich Estland, das ist ein EU-Land, ein NATO-Land und außerdem ein Land in der Nähe, in Fährverbindungsentfernung. Na gut, mit Zwischenstopp in Finnland.

Die Flagge wirkt allerdings auf mich, als hätte ich sie noch nie gesehen. Es klingelt rein gar nichts bei diesem Anblick. Eigentlich könnte es für mich auch eine ausgedachte Flagge sein. Irgendwelche Farben eben, zufallsgeneriert oder von einer KI entworfen, das Risiko gibt es jetzt sowieso bei allem. Schlimm.

Ich gucke dann sicherheitshalber und etwas selbstquälerisch auch noch die Flaggen von Lettland und Litauen nach – die Lage wird dabei aber für meine Allgemeinbildung nicht besser. Ganz und gar nicht.

Zur Strafe sollte ich in diesem Leben noch ins Baltikum reisen, denke ich mir dann in angemessen sachlicher Schlussfolgerung. Zur gründlichen Vertiefung der mir offensichtlich so krass fehlenden Landeskunde. Man muss sich selbst bei so etwas manchmal hart rannehmen und manche Maßnahmen auch einfach mal durchziehen, wenn man Erfolge und Verbesserungen sehen will.

Dass ich damit dann erneut beim Thema Tourismus landen würde … Na gut, irgendwas ist immer.

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Sonne, Vögel, Außengastro, alles

Ansonsten hatte ich im Brotberuf Gäste in der Stadt, die aus den südlicheren Landesteilen kamen. Zur Mittagszeit fiel etwas gemeinsame Bewegung in attraktiver Hafenlage an, und die Stadt machte fast auf die Minute Folgendes. Ließ sich auf einmal erstaunlich großzügig und ausgesprochen frühlingshaft besonnen, ließ auch zum ersten Mal im Jahr Vögel singen. Die noch etwas ungestimmt wirkten, aber bemüht. Ließ Gastwirte hektisch herumwirbeln, dass die Außengastro nur so aus dem Boden wuchs. Bot auf einmal zahlreiche Plätze im fast maimäßigen Sonnenschein und in ganz wunderbar ausgeleuchteter Kulisse. Die Straßen und Promenaden füllten sich wie auf Zuruf mit gelassen schlendernden Menschen. Gerade so viel, dass es attraktiv belebt, aber doch nicht zu voll wirkte. Das Heer der Statisten meisterhaft choreografiert, es sah überzeugend echt und gerade richtig großstädtisch aus.

Die Möwen vom Dienst segelten währenddessen beflissen durch die allfälligen Panoramafotos. In der Ferne fuhr ein Schiff Richtung Nordsee, bewegten sich die langsamen Hafenkräne und sahen angemessen nach althergebrachter Arbeit und maritimer Tradition aus. Die Speicherstadt leuchtete ziegelrot, warm und so postkartenmäßig wie nur denkbar auf im Licht des frühen Nachmittages.

Speicherstadtfleet in Nachmittagssonne

Sankt Katharinen

Speicherstadtfleet im Nachmittagslicht

Tätscheln hätte ich diese Stadt mögen. So wie man einem braven Pferd nach einem besonders gelungenen Ausritt mit der klopfenden Hand an Hals und Schulter gerne etwas Anerkennung vermittelt. Aber wo fasst man da hin, wenn man eine Millionenstadt lobend tätscheln möchte? Das wusste ich nicht recht, und nickte daher nur anerkennend den einschlägigen Bauwerken der besonders fotogenen Art zu.

In der vagen Hoffnung, die ganze Szenerie noch etwas weiter zum Durchhalten motivieren zu können.

Der Massentourismus in dieser Stadt ist zwar ein Thema, das man unbedingt kritisch begleiten sollte; immerhin 16,5 Millionen Übernachtungen wurden im letzten Jahr bei uns gebucht. Das waren noch einmal unglaubliche 330.000 mehr als im Jahr davor. Ein erheblicher Anteil der Gäste schlief zudem in einem der Hotels bei mir um die Ecke. Stand mir also vermutlich auch im Weg herum, starrte mich interessiert als beispielhaften Einheimischen an und verdarb mir danach in den Cafés die Preise.

Das ist zweifellos richtig. Da muss man auch als Chronist fast pflichtgemäß beobachtend dranbleiben und darf die Nachteile sowie die begleitenden soziologischen Entwicklungen keinesfalls übersehen – aber Besuch ist Besuch.

Und Besuch soll es bitte schön haben.

Was wieder wunderbar die alte Regel beweist, dass stets nur die anderen Touristen sind. Tourist ist ein Begriff, der einfach keinen Ich-Bezug zulässt.

Es fasziniert mich immer wieder.

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Der Alltag als Kennenlernspiel

Ansonsten hat mich die Wirklichkeit wieder erfolgreich veralbert, unter Zuhilfenahme eines dieser „Zufälle“. Und das kam so.

Ich sprach neulich mit einem jüngeren Menschen über das Thema Kennenlernen. Dieser Mensch hat generationstypisch, wie man in dem Fall wohl sagen kann, Erfahrungen mit Tinder etc. Ich habe dergleichen, vielleicht auch noch generations- und außerdem sicherlich familienstandstypisch, noch nie benutzt. Mir fehlt da jede Erfahrung oder ein ganzer Lebensbereich, wie es sich für Jüngere vielleicht anfühlt.

Es würde mir aber auch stark überfordernd vorkommen, mich da per Bild und Kurzbeschreibung irgendwie zu präsentieren, ich müsste über so etwas gefühlt erst einmal ein bis zwei Jahre nachdenken. Und dann wäre das Bild schon wieder veraltet.

Obwohl ich andererseits aus erster Hand weiß, dass auch Menschen, die deutlich älter sind als ich, Plattformen dieser Art erfolgreich nutzen. Für Dates verschiedener Art, es muss da selbstverständlich nicht immer nur um Paarbeziehungen, Liebe etc. gehen.

Ich überlegte dann im weiteren Verlauf, wann ich überhaupt zum letzten Mal jemanden in freier Wildbahn kennengelernt habe. Also jemanden, der mir nicht „serviert“ wurde, etwa durch berufliche Umstände. Und ich kam nicht darauf. Auch nach langem Nachdenken nicht. Die letzte große Kennenlernwelle in meinem Leben war die Spielplatz- und Grundschulzeit, in der vermutlich fast jede und jeder noch einmal einen ganzen Schwung an neuen Kontakten erlebt.

Was für einige, die damals alleinstehend waren, auch durchaus zielführend war, nebenbei bemerkt.

Gerade fällt mir ein, es gab später noch die Lindy-Hop-Kontakte. Aber beides, Spielplatz und Tanzkurse, waren auch wieder festgesetzte Kennenlern-Settings, waren also im Grunde sehr leicht lösbare Aufgaben. Man kann sich dabei gegen das Kennenlernen ja kaum wehren.

Habe ich überhaupt schon einmal Menschen „einfach so“ kennengelernt? Mir fiel kein Beispiel ein, mir fällt immer noch keines ein. Meine erste Frau kam dem am nächsten, denke ich, sie war Kundin in dem Laden, in dem ich gearbeitet habe. Das kann man vielleicht gelten lassen, das war nur halb beruflich.

Aber davon abgesehen – entweder habe ich gerade ein Brett vorm Kopf oder dieses klassische und auch so wichtige Romantic-Comedy-Element des überraschenden Kennenlernens aus dem Alltag heraus hat sich bei mir so gut wie nie in der Wirklichkeit gezeigt (den ausgesprochen freudschen Vertipper „Bett vorm Kopf“ hätte ich jetzt fast stehengelassen).

Hätte ich also vielleicht besser aufpassen müssen? War es am Ende deswegen so oft keine Comedy? Ich muss das Thema noch einmal durchdenken.

Über dergleichen jedenfalls sann ich längere Zeit nach. Auch noch beim Einkauf am Nachmittag. Wo die junge Frau an der Kasse, noch neu in diesem Laden, zu dem Kunden vor mir sagte: „Na, Sie kaufen aber viel Sahne!“ Woraufhin sich, und ich hätte mich nach einer Weile nach den Kameras umdrehen mögen, ein kurzer Dialog zwischen den beiden ergab, der immer säuselnder wurde. An dessen Ende die beiden eine Verabredung ins Auge fassten. Denn man könnte doch einmal, und warum auch nicht, wo sie doch … wo er doch … und gleich nebenan! Vielleicht nächste Woche?

Und sie sahen sich an wie Susi und Strolch beim Spaghetti-Essen.

Ein Paar, von hinten fotografiert, sitzt auf den Stufen gegenüber den Arkaden an der Kleinen Alster

Immer wieder erlebe ich solche Geschichten. Die auf meine Gespräche, meine Gedanken oder meine Texte in seltsamster Weise zu antworten scheinen. Aber immer wieder denke ich auch, dass ich, falls es sich um Botschaften für mich handelt, kein besonders gelehriger Schüler bin. Denn was genau sagt mir das jetzt. Was soll ich daraus ableiten, was soll ich nach diesem Beispiel machen. Soll ich erst einmal mehr Sahne kaufen?

Und dann wieder dieses ungute Gefühl dabei, dass man da oben oder sonst wo jetzt erneut und ohne die mindeste Begeisterung oder Motivation zur Beratung zusammenkommt und erörtert – noch einmal erörtert! – wie deutlich man es denn mir gegenüber bitte noch ausdrücken soll.

Was auch immer genau.

Eine Person, von hinten fotografiert, sitzt auf einer Bank vor Sonnenuntergangskulisse an der Binnenalster

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Es werden Maßnahmen gegen Übellaunigkeit ergriffen

Neulich erwähnte ich (hier war das), dass mir in einer arte-Doku eine Schauspielerin aufgefallen sei. Katharina Stark, die darin einige Szenen hatte, die mir besonders gut gefielen.

Am Sonntag habe ich die tendenziell übellaunige und von Behörden, anderen Ungeheuerlichkeiten sowie diversen Zumutungen des Lebens gründlich verärgerte, auf dem ganzen Weg zeternde und Anklage gegen die Welt erhebende Herzdame ins Kino geschleift. Was ein Unternehmen mit nicht eben geringem Risiko war, denn Menschen aus Nordostwestfalen neigen bei Übellaunigkeit zu noch mehr Intensität und Nachhaltigkeit als andere Norddeutsche. Es hätte gründlich schiefgehen können, ich habe da gewisse Erfahrungswerte.

Mein Eindruck von Katharina Stark wurde in dem Film dann bestätigt. Sie fiel mir bei arte also völlig zurecht auf, und ich bin jetzt ein wenig stolz. So etwas passiert mir sonst nicht, denn mir Gesichter zu merken, das ist sicher keines meiner Neigungsfächer. Das ist eher ein klarer Kompetenzmangel.

Wir sahen jedenfalls das, was alle gerade sehen. Also den Film nach dem Buch, das alle schon gelesen haben. Alle, außer der Herzdame, bei der es seit Jahren auf dem Nachttisch liegt. Eventuell liegt es dort, nachdem ich es ihr vor Jahren geschenkt habe, aber da verliert sich die Erinnerung leider im Ungefähren. Selbstredend aber habe ich besonders viel Verständnis für ungelesene Bücher, auch in höheren Stapeln, denn das wiederum ist eines meiner Fachgebiete.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, nach dem Meyerhoff-Buch gab es also (Wikipedia zum Film). Ich weiß gar nicht, wie lange es her sein mag, dass ich mit einem Film derart vollumfänglich einverstanden war. Sowohl als eigenständiges Produkt, was die Herzdame gut beurteilen konnte, als auch als Literaturverfilmung, was dann meine Abteilung war: Wir waren beide hochzufrieden. Und, noch wesentlich erstaunlicher, die Herzdame war nach dem Film nicht mehr übellaunig.

Das ist eine Art Oscar-Pendant, wenn nicht mehr.

Die Kinokarte zu "Ach, diese Lücke"

Mit besonderer Erwähnung des Spiels von Senta Berger. Es steht wohl auch fast überall in den Feuilletons so, und ich verstehe es jetzt, das war beeindruckend.

Da es im Film um die Schauspielschulzeit der Hauptperson ging, fand die Handlung hauptsächlich in Settings und Situationen statt, die von meiner Komfortzone maximal weit entfernt waren. Gibt es dafür einen Begriff? Das Stress-Segment der Wirklichkeit, die Fight-and-Flight-Zone? Wie auch immer. Fortwährend fand sich der Protagonist da jedenfalls vor Herausforderungen, bei denen ich gerne spontan verstorben wäre, hätte ich dergleichen denn jemals erlebt. Es war eine Art Gegenteilwelt. Dennoch habe ich alles sehr gerne gesehen, und dennoch habe ich kein Fremdschamproblem gehabt, wie ging das eigentlich zu. Vermutlich lag es an meiner überbordenden Sympathie für das ganze Geschehen im Film und für die handelnden Personen.

Die Herzdame fand Bruno Alexander sehr ansprechend, ich fand Katharina Stark sehr ansprechend, so fügten sich unsere Perspektiven zusammen. Nahezu harmonisch.

Ein etwas abseitiges Bemerknis aber noch, an dem ich nun nicht mehr vorbeikomme. Denn Joachim Meyerhoff ist fast genau in meinem Alter, entsprechend bilden die Szenen seiner Kindheit vom Design, vom Interieur, von der Mode und den Frisuren her auch meine Kindheitsjahre treffend ab. Und ich habe wieder gemerkt, dass ich jetzt in einem Alter bin, da erlebe ich, wenn es etwa eine langsame Kamerafahrt durch diese Vergangenheitswelt gibt und viele Details für mich exakt stimmen, vom Grundig-Plattenspieler und den Telefunken-Boxen bis hin zu den Kaffeetassen und den Kinder-Schlafanzügen, eine Form von wohligen Schauern der Nostalgie, gegen die ich mich kaum mehr wehren kann.

Ein Neonschild, eine Schrift: Time matters ...

Ich weiß aber tatsächlich noch recht genau, wie ich mich früher bei Älteren darüber amüsiert habe. Wenn sie da immer so enthemmt, schwärmend und vergangenheitsverloren von etwas aus „ihrer Zeit“ erzählt haben. Wenn sie dann für einen Moment diese gewisse, etwas süßlich anmutende Wehmut und die rückwärts gewandte Träumerei im Blick hatten. Es kam mir lange, lange so vor, als sei das eine Gefühlslage, die zwar bei anderen durchaus vorkommen mag, keinesfalls aber bei mir. Denn ich lebte ja mehr nach vorne hin.

Wart’s nur ab, sagten Zeit und Schicksal da leise und kicherten wohl auch, wart’s nur ab.

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Dünnes Eis

Vorweg ein Dank für die Zusendung von, wie sagt man das, Betriebsmaterialien. Die sich nicht eben fotogen geben und daher ohne Abbildung verbleiben – es standen bestimmte Minen für Schreibgeräte auf dem Wunschzettel. Ganz herzlichen Dank! Man fühlt sich immer wohler, wenn Vorrat da ist. Preppen für Chronisten sozusagen.

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Der Hamburger Wetterbericht ist währenddessen offiziell aus dem Wintermodus heraus und endlich wieder im Normalbereich angekommen. Ich zitiere: „Regen, Nieselregen oder einzelne Schauer möglich.“ Das ist nah dran an der All-Time-Favorite-Formulierung: „Zwischen den Regenfällen einzelne Schauer“.

Und so ist es auch tatsächlich. Ich höre seit vielen Stunden gleichmäßiges und enorm schlafförderndes Tröpfeln und Rauschen von den Dachfenstern her, welches sich mit dem zuverlässigen Rauschen der Heizung dergestalt verbindet, als würde ich zwischen zwei lieblichen Bächlein im gestern erwähnten Zeitalter der Romantik wohnen.

You may now serve the Heimatgefühle.

Der Schnee wurde durch den sportlichen Temperatursprung binnen Stunden vollständig aus dem Stadtbild entfernt. Ein Besuch war dieser Schnee, der entschieden zu lange geblieben ist, man weint dem hier also nicht nach. Nur auf einigen Gewässern liegt noch eine hauchdünne, mitunter fast schon durchsichtig wirkende Eisschicht, die in einem aparten Hellblaugrau gehalten ist. Hier und da sieht sie ein wenig wie eine edle Glasabdeckung aus, die sorgsam über das Wasser geschoben wurde. Aber so teuer, porzellanfein und zerbrechlich wirkt sie dabei, diese Edel-Verschalung, dass man sie sicher nur an Sonntagen und „für gut“ benutzen möchte.

Mit anderen Worten, am Montag wird es sich mit dem Eis ebenfalls erledigt haben. Und wir werden auch damit gut klarkommen.

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Apropos Klarkommen. Womit Sie rechnen müssen, das sind Unregelmäßigkeiten im Blogbetrieb in dieser Woche. Aus brotberuflichen sowie anderen organisatorischen Gründen ist in den nächsten paar Tagen einiges anders als sonst. Und ich bin da empfindlich, reagiere also eventuell unangemessen verschreckt und daher zeitlich entgleisend. Bitte keine Suchtrupps aussenden, wenn hier etwas fehlen sollte. Ich treibe dann nur Nebendinge, wie es bei Heinrich Mann damals im Professor Unrat so oft hieß.

Da ich das aber andererseits jetzt so angekündigt habe, sind die Chancen soeben wieder gestiegen, dass alles doch normal und wie immer läuft. Man muss seine Renitenz nämlich nur richtig zähmen, etwas seelisches Aikido betreiben, dann kann man sie auch nutzen. Alte Regel!

Und halten Sie es nicht für einen Scherz, denn es funktioniert erwiesenermaßen.

Das mit der Jahreskarte in der Kunsthalle ist ein eng verwandtes Tricksen. Mit dem ich mich in diesem Fall durch selbstgemachten, eher milden Druck vor die Tür und hin zur Kultur befördere. Und da auch das zu wirken scheint, überlege ich noch, ob sich auf diese Art nicht noch mehr machen lässt.

Die alte Kunsthalle und der Platz davor

Wobei ich mit der Zentralbibliothek, in der ich ebenfalls ein Jahresabo habe, dem jederzeit kostenlos zugänglichen Hauptbahnhof und der Kunsthalle fast direkt vor meiner Haustür eine beachtliche Anordnung von drei wichtigen Instanzen in jeweils großen oder riesigen Gebäuden zur täglichen Besichtigung habe: Bücher, Menschen und Kunst. Wäre ich hier in einem größeren Medium, bei SPON oder ähnlichem, ich müsste es sicher schmissiger ausdrücken, etwa „Medien, Massen und Malerei“. Immer an die Schlagzeilen denken.

Die Zentralbibliothek und Gleise am Hauptbahnhof, bei Dunkelheit aufgenommen

Das kommt mir jedenfalls gerade gut eingerichtet vor. Und wenn ich mutig weiterdenke – fast direkt an dieses Event-Ensemble anschließend liegen noch mindestens zwei Theater, ein Kino und ein weiteres Museum.

Da geht noch was.

In dem weiteren Museum gibt es Design und gerade erwähnte ich die Bibliothek, da wirft mir die Assoziationsmaschine noch eben einen Song aus, der beides in besonders schönen Lyrics fast bizarr passend verbindet: Tiny Ruins mit „School of design“.

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For your eyes only

Meine gerade erst bestellte Jahreskarte für die Hamburger Kunsthalle kam per Post, ich gehöre nun zu den Freunden der Kunsthalle. Das kostet für ein volles Jahr 90 Euro. Wenn man später im Jahr kauft, so wie ich, fällt der Preis nur noch anteilig an.

Die Kunsthalle am Abend aufgenommen, Schnee auf dem Plateau davor

90 Euro, das entspricht, wenn man normal zahlungspflichtig und erwachsen ist, 5 Besuchen. Ab dem 6. Besuch spart man Geld. Das sollte bei mir leicht hinkommen können, denn ich wohne neben der Kunsthalle. Wir sind also nicht nur Freunde, wir sind auch Nachbarn, wir sind so (der Autor macht an dieser Stelle statt weiterer Worte lieber Gesten mit verschränkten Fingern und versucht, bedeutungsvoll zu gucken).

Eine Sesamöffnedich-Plastikkarte habe ich nun und kann, um auf einen uralten Witz aus meinen Jugendzeiten zurückzukommen, mit der Coolness von „Django zahlt heute nicht“ durch den Eingang schlendern. Es war mir ein Fest. Und es war ein besonders schöner Saisonbeginn, denn es fing exakt in dem Moment an zu regnen, als ich die Tür zur Kunsthalle berührte, und es hörte prompt auf, als ich wieder rauskam. So soll es sein.

Die Göttinnen der Fügung und des Zufalls, das Glück, die große und diffizile Kunst des richtigen Moments. Man muss auch mal gewinnen können! Wenn auch nur bei so etwas.

Viel Zeit hatte ich allerdings nicht, also habe ich mir nur mal eben etwas Kleines angesehen. Etwas sehr Kleines sogar, nämlich die schöne Ausstellung über Miniaturen der Romantik im Untergeschoss der Galerie der Gegenwart: „For your eyes only“. Kleine und auch winzige Porträts aus der Zeit vor der Daguerreotypie, etwa um 1800 bis circa 1840.

Von spezialisierten Künstlerinnen und Künstlern mit erlesen feinen, filigranen Werkzeugen auf edlen Materialien verfertigte Abbildungen geliebter Menschen, etwa Aquarell auf Elfenbein. Welche die Liebenden dann dauerhaft in Medaillons, Ringen, Broschen etc. bei sich tragen konnten.

Eine Miniatur der Romantik, ein Mädchen oder eine junge Frau in einem hölzernen Rahmen

Man muss es sich beim Betrachten schon bewusst machen, dass es jeweils nur dieses eine Bild gab. Sonst kann man es sicher nicht richtig würdigen, was man da sieht. Diese handlichen Bildchen waren die einzige Erinnerung, der einzige Beleg für die Großartigkeit und, je nach Verliebtheit, auch für die Schönheit und Anbetungswürdigkeit des oder der jeweils anderen. Es werden also auch heftig abgeliebte Bildnisse dabei sein, und im wahrsten Sinne des Wortes wurden sie dicht an den Herzen getragen, in aufklappbaren Schmuckstücken.

Eine Miniatur der Romantik, ein Männerporträt in einem Medaillon

Eine Miniatur der Romantik, ein Frauenporträt in einem Medaillon

Eine Miniatur der Romantik, ein Frauenporträt in einem Ring

Eine Miniatur der Romantik, ein Frauenkopf in einem Medaillon

Das Bild jener, die uns lieb sind, kostbar für uns zu deren Lebzeiten, ist ein unermesslicher Schatz, wenn sie einmal tot sind. Zeit löscht ihre Gesichtszüge in unserer Erinnerung aus, und der Besitz eines ähnlichen Porträts ist für uns dadurch ein Sieg über den Tod.“

Ein Zitat der Miniaturmalerin Aimée Zoé Lizinka de Mirbel, was für ein außerordentlich fantastischer Name. Er klingt doch eindeutig so, als würde er nach einem passenden Roman geradezu schreien: „Die Wanderminiaturmalerin“.

In einem Fall sah ich, dass jemand den geliebten Menschen noch auf dem Totenbett hat malen lassen. Man muss wohl annehmen, in aller Eile.

Geschönt sehen sie meist nicht eben aus, diese Porträts, eher deutlich treffend. Manchmal muten sie auch fast karikierend an, aber das rät man selbstverständlich nur.

Eine Miniatur der Romantik, ein Männerporträt in einem Medaillon

Ein Bemerknis nebenbei, dass es etliche Frisuren bei den Damen gab, die heute grotesk wirken würden. Nicht die üblichen lieblichen Schnörkellocken, die man aus den Historienfilmen mit den attraktiven Hauptdarstellerinnen kennt, eher sehr seltsam gelegte Strähnen, aus unserer Sicht recht skurrile Einfälle. Bei den Herrenfrisuren waren etliche Varianten dabei, bei denen man unwillkürlich an Julius Cäsar und Otto Schily denken muss, ohne die beiden vergleichen zu wollen (gerade habe ich doch einmal nachgesehen, ob der eigentlich noch lebt, der Schily – ja, dem ist so).

Auf keinem der ausgestellten Bilder jedenfalls machen die Abgebildeten alberne Grimassen oder Gesten. Es gibt keine rausgestreckten Zungen, kein mutwilliges Schielen, keine Victory-Zeichen, keine Dabs. Ein sympathisch seriös wirkendes Zeitalter, diese Romantik. Aber natürlich nur, bis man die Lyrik liest.

Einige der Künstlerinnen von damals gingen später mit der Zeit und wechselten mit dem Aufkommen der neuen Aufnahmetechniken in Richtung Daguerreotypie und Fotografie. Hier ein Beispiel aus dieser Umbruchzeit, eine kleine Aufnahme an einer Streichholzbox:

Eine silberne Streichholzbox mit einer winigen Daguerreotypie darauf, ein Frauenporträt

 

Andere wechselten die Richtung ihres Berufs nur ein wenig und eher seitlich. Sie verlegten sich darauf, Miniaturen von berühmten Gemälden anzufertigen, die in den großen Museen hingen. Das war ein in der Zeit neu entstehender Markt.

Da hat man dann unerwartet einen erstaunlich aktuell deutbaren Bezug zum Umgang mit disruptiver Technik. Denn das kennen wir doch, dass wir darüber nachdenken müssen, wie und ob unsere Berufe überleben können. Wie wir uns anzupassen haben, ob mit zwei Schritten zur Seite oder im scharfen Schwenk. Man entkommt den Themen seiner Zeit so leicht nicht, auch nicht beim Betrachten von Bildern, die zweihundert Jahre alt sind.

Abschließendes Bemerknis aus dem Zufalls-Fundus: Die letzte Ausstellung der Kunsthalle, in der ich vor dieser war, zeigte Bilder von Anders Zorn. Die Kuratorin dieser Ausstellung, in der ich gestern gerade war, heißt Sabine Zorn. Nanu.

Bei der nächsten Ausstellung werde ich nach der Fortsetzung dieses Musters suchen, versteht sich.

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