Im Kulturprogramm am Sonntag war ich in der Ausstellung im Barlach-Haus. Bilder von Ringelnatz: „Es hat sich selbst aus mir gemalt“. Wie neulich angekündigt also – was bin ich wieder bemerkenswert konsequent. Wie son Mensch auf Kurs.


Der Besuch hat sich gelohnt, die Ausstellung ist ebenso überraschend wie erfreulich. Ich kann nicht mehr genau sagen, was ich eigentlich erwartet hatte, etwas expressivere Werke vermutlich. Munterere und buntere vielleicht auch – aber diese Werke sind anders. Zurückhaltender, dunkler als gedacht, abgründiger und versonnener auch.
Vom ersten Bild an schon erinnerten sie mich an etwas. Und ich kam und kam nicht darauf, woran genau. Es wurde wirklich ein wenig herausfordernd. Denn es ist kein schönes Gefühl, auf etwas nicht zu kommen, aber dauernd das Gefühl zu haben, es könnte gleich doch noch erreichbar werden. Irgendwo in den abgelegenen Archivschränken im Hirn vermutete ich etwas, im allerletzten Raum. Wo der Staub liegt und wo man die längst verblassten Beschriftungen auf den Pappkartons kaum noch lesen kann.
Ich vermutete aber schließlich, dass da Illustrationen aus einem meiner Kinderbücher eine Rolle gespielt haben könnten. Solche Irritationen hatte ich schon mehrfach und kam dann manchmal nach Wochen erst doch noch darauf, dass in dem einen Buch mit den Andersen-Märchen diese Abbildung von dem Hund war … Solche Effekte.
Ich hatte immerhin eine sehr intime Beziehung zu meinen Kinderbüchern. Text und Bilder habe ich unvorstellbar oft und intensiv genossen, wir hatten ja sonst nichts. Dennoch kann ich mich manchmal nur an eine Seite, einen Abschnitt, ein Bild oder sogar nur an ein Bilddetail erinnern und werde einiges wohl nie mehr erhellen können.
Da werde ich fürs Erste auch nicht weiterkommen. Die Bücher gibt es längst nicht mehr, nachzuschlagen ist also nichts. Ich werde es dabei belassen müssen, dass mir einiges manchmal seltsam vertraut vorkommt und sich womöglich auf diese bunten Seiten von damals bezieht.
Vielleicht ist es aber auch anders. Vielleicht ist es so, dass mich der Herr Ringelnatz als Maler diffus an die halbe Moderne erinnerte. Denn es gibt auf den Gemälden doch etliche Bezüge zu anderen, auch zu mehreren Stilrichtungen.


Weil es mich aber alles unbedingt an etwas erinnern wollte, dabei aber durch und durch originell war, hatte ich jedenfalls ein erhebliches und auch spannendes Anseh-Vergnügen. Ausgesprochen gerne ging ich da durch die Räume, unterhaltsam war das.
Immer wieder auch diese kleinen, filigranen Figuren auf den Bildern, wie unten abgebildet. Bei denen wenigstens kam ich darauf, worauf sie mich brachten: auf diese winzigen, stets zerbrechlich wirkenden Figürchen, die man für die Kulissen von Modelleisenbahnen kaufen kann.

Einige Bilder, wohl deutlich mehr, als man zunächst annehmen möchte, wenn man an den eher heiteren Teil seiner sehr bekannten Lyrik denkt, Kuddel Daddeldu etc., wirken ernst, wenn nicht sogar tragisch.

Vor einem besonders dunklen Bild standen zwei Damen. Die ich solcherart altmodisch bezeichnen muss und nicht einfach nur Frauen nennen mag. Denn es waren Damen, es war ganz eindeutig. Eine etwa 60, eine etwa 80 Jahre alt. So in der Richtung jedenfalls.
Die Jüngere sah sich das blauschwarze Bild an, schüttelte den Kopf und sagte dann:
„Das ist aber doch recht düster …“
Und die Ältere guckte sie indigniert an und erwiderte nach einem kleinen, feinen Seufzer in einer Stimmlage, der man deutlich anhören konnte, dass ein ernstgenommener Erziehungsauftrag in Wahrheit niemals endet:
„Ja, weil es ein Nachtbild ist, Doris.“
Die Belehrte zog es danach vor, zu schweigen und weiterzugehen. Zum nächsten Bild, ähnlich dunkel gehalten. Ich habe es nur mit knapper Not geschafft, nicht laut zu lachen.

Wenn Sie normalerweise Schwierigkeiten mit moderner Kunst haben oder auch die generelle Befürchtung, sich in Ausstellungen zu langweilen – Ringelnatz malte ausdrücklich erzählende Bilder. Die sprechen die Betrachterin direkt und deutlich an.
So ziemlich alle müssten dort mit etwas Neugier durchgehen können, und es wird dann am Ende keine verschwendete Zeit gewesen sein.


Wenn Sie mehr von der Lyrik herkommen, Sie finden dort z. B. ein Bild, vor dem Sie sich leise die „Hafenkneipe“ aufsagen können. Das ich damals irgendwann im Deutschunterricht auswendig gelernt habe, wie mir vor dem Gemälde wieder einfiel. Aber auch andere Gedichtbezüge werden Sie zuverlässig ermitteln können.
Davon abgesehen kann man aber auch nach dem Besuch der Kunstwerke durch den Jenischpark und runter zur Elbe gehen. Es ist die fraglos beste Jahreszeit dafür, alles ist bestens und ungeheuer ansprechend dekoriert, und ich habe dabei gemerkt, dass ich doch ein leichtes Naturdefizit zu haben scheine.
Vermutlich bin ich daher demnächst noch einmal dort. Große und schöne Parks kann oder soll man sich gerade in Herbstlaubzeiten auch öfter ansehen, denke ich.





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Davon abgesehen ist Allerseelen. Mit den entsprechenden Traditionen habe ich wenig Verbindungen, eigentlich gar keine, aber ich habe mir einfach eine eigene geschaffen und bitte daher zum wiederholten Male Herrn Krimmel zum gepflegten Gesang nach Schubert.
Wer den Text von Johann Georg Jacobi (Wikipedia) mitlesen möchte – hier entlang. Es ist ein akzeptabler November-Ohrwurm der besonders gepflegten Art.
Ich sehe es schon kommen, wenn es mit meiner spürbar fortschreitenden Rührseligkeitsentwicklung so weitergeht, werde ich bei dem Lied irgendwann Tränen vergießen.
Aber ein paar Jahre habe ich wohl noch bis dahin.
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