Sankt Georg hilft – zum Beispiel Hakim von der Theatergruppe Karoon

(Zu “Sankt Georg hilft” gab es lange kein Update mehr, aber es passiert dennoch weiterhin etwas. Ich habe bei Hakim nachgefragt.)

Hakim

Hakim ist mein Name, ich komme aus dem Al-Ahwaz. Vielleicht fragen Sie sich, was das Al-Ahwaz ist? Das ist ein Land, das vom Iran besetzt wurde, es liegt zwischen dem Irak, dem Iran und dem Golf. Ich bin jetzt seit vier Jahren in Deutschland und ich arbeite als Berater für Ausbildung bei der ASM (Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Migranten). Und ich betreue – nein, das will ich so nicht sagen, ich helfe Freunden. Wir haben einen kleinen Verein und zwei Gruppen gegründet, eine Musikgruppe und eine Theatergruppe. Warum mache ich das? Weil ich selber immer noch Flüchtling bin, so steht es auch in meinem Pass.

Um mit Menschen Kontakt zu haben, musste ich Deutsch lernen, als ich hier ankam, das war der einzige Weg. Bevor ich Deutsch gelernt habe, hatte ich hier sehr wenig Kontakt, das ging einfach nicht. Und genau so geht es anderen Flüchtlingen auch. Ich wollte aber etwas mit dieser Lücke machen, die es nun einmal gibt, bevor man eine neue Sprache kann.  Ich selbst kann Farsi, Arabisch und Afghanisch sprechen. Meine Muttersprache ist Arabisch, aber wir mussten dort alle Farsi lernen.  Ich habe mich gefragt, was können denn die Flüchtlinge überhaupt machen, die noch kein Deutsch können?  Der eine sagte: Musik. Der andere sagte: Theater.

Theatergruppe Karoon

Wir machen das jetzt seit ein paar Monaten, in der Theatergruppe sind auch Menschen aus anderen Ländern, Eritrea, Afghanistan, Iran, Irak und auch aus Deutschland. Man muss doch aktiv sein, ich selber kann überhaupt nicht ohne Aktivität sein. Wir wurden zwar von unseren Ländern rausgeschmissen, aber manche von uns haben studiert, manche haben berufliche Erfahrungen. Wir müssen hier mit einfachen Sachen wieder anfangen, um weiter etwas zu tun. Und dabei dann etwas lernen. Vielleicht kommt irgendwann ein weiterer Deutschkurs, ein Integrationskurs,  aber man kann bis dahin doch auch schon etwas lernen. Einfache Sachen eben. Ich hatte vorher gar nichts mit Musik oder Theater zu tun, ich war Professor für Agrarwissenschaft. Das werde ich hier so leicht nicht wieder werden können, mein Deutsch ist dafür auch nicht gut genug [Anmerkung MB: Hakim spricht druckreif].

Theatergruppe Karoon

Ich habe hier Leute kennengelernt, die ihre Probleme irgendwie zeigen wollten, aber sie konnten das nicht. Daher hatten wir die Idee, Theater zu spielen. Ohne Sprache. Lachen können alle Menschen, das geht immer. Wir haben dann einfach angefangen, zum Beispiel mit Szenen, wie man sich auf Deutsch vorstellt. Viele Flüchtlinge möchten gerne etwas mitteilen, können aber nicht. Und da wollten wir etwas tun.

Theatergruppe Karoon

Die Leute aus meiner Heimat haben es besonders schwer mit den Sprachkursen, weil viele kein Arabisch gelernt haben und auch kein Farsi, nur einen Dialekt. Es sind mehr als hundert Familien aus meiner Heimat hier in Hamburg, und wir versuchen, die Leute von uns, die schon etwas geschafft haben, erklären zu lassen, wie das ging. Besonders den Jugendlichen. Da sind auch Menschen dabei, die schon in der Bildung gearbeitet haben, Lehrer und so weiter.

In unserem Theaterstück geht es also um einen Deutschkurs. Wir haben für die Proben Unterstützung von “Sankt Georg hilft” bekommen, da wurden die Fahrkarten bezahlt, damit die Darsteller zu den Proben fahren konnten. Wir wollen mit dem Stück zeigen, welche Gründe es gibt, warum Deutschkurse manchmal nicht so funktionieren, warum einige von uns nicht gut und nicht schnell lernen können.

Theatergruppe Karoon

Es gibt aber erst einmal nur eine Aufführung, wir sind eine Gruppe ohne Erfahrung. Wie gesagt, wir wollten einfach nur etwas machen. Aber wir hoffen, dass wir z.B. an Schulen auftreten können.

(Wenn sich jemand für Aufführungen interessiert – bitte einfach per Mail bei uns melden, Adresse siehe Impressum, wir leiten weiter. Außerdem ist die Truppe auf der Suche nach einem Proberaum – wer etwas weiß oder hat, gerne auch melden. Sankt Georg hilft nimmt weiterhin auch gerne Spenden an und verteilt an verschiedene Projekte – wie etwa dieses.)

Beifang vom 05.12.2016

Big Data im deutschen Wahlkampf. Ich lachte.

Ein ziemlich spannender Artikel über Virtual Reality. Technikangstartikel sind doof, diesen hier fand ich aber lesenswert. Wobei eine Gefahr im Text gar nicht benannt wird, die mir gerade in einem Kaufhaus aufgefallen ist. Dort haben Kunden VR-Brillen probiert. Es wird bisher kaum thematisiert, aber man muss es doch einmal sagen: Wer eine das halbe Gesicht verdeckende VR-Brille aufsetzt und dann mit halboffenem Mund absonderliche Gesten und Turnübungen vollführt, die vielleicht virtuell in einem Game irgendeinen Sinn haben, nicht aber für Außenstehende, und wer dabei fast zwangsläufig auch noch mit ausgebreiteten Armen in der Gegend herumtappt wie ein betrunkener Bär mit besonders abgefahrener Schlafmaske, der wirkt auf die Betrachter der Szene wie ein Bekloppter. Ein Bekloppter mit cooler Ausrüstung zwar, aber doch ziemlich zweifelsfrei ein Bekloppter.

Meike Lobo über Dunbar und das Ich in der Gesellschaft. Die Zahl, um die es da geht, fand ich immer schon faszinierend, die spielt auch im wirtschaftlichen Zusammenhang eine Rolle. Es gibt die Hypothese, dass Unternehmenseinheiten, die diese Größe nicht überschreiten, besser funktionieren als andere, das ist auch überhaupt nicht abwegig. Und wenn irgendein neues Social-Dingsbums im Internet zum neuen Hype wird und ich mich da anmelde, dann habe ich da in der Regel etwa 150 Leute, die ich schon aus den anderen Netzwerken kenne und die dort meine ersten Kontakte sind. Mit der Zeit werden es vielleicht mehr, aber der harte Kern, das sind ziemlich genau diese 150. Und das ist dann wohl mein Stamm, in diesen digitalen Zeiten. Zu dem übrigens auch Frau Lobo gehört. In einem Kommentar unter dem Text von Meike Lobo wird Erich Fromms „Haben oder Sein“ erwähnt, das habe ich nie gelesen. Sollte man das tun?

Ansonsten ist es kalt draußen, man braucht etwas Wärmendes. Einen Drink auf Bertolt, einen auf Kurt und einen auf Jim.

Was schön war

Ich wohne zwischen diversen Hotels, darunter auch solche mit etlichen Sternen. Wenn ich morgens zur Arbeit gehe, überholen mich links und rechts menschliche Rollkofferzugpferdchen (das Wort habe ich irgendwoher, aber ich komme nicht mehr darauf, wo das war) im zügigen Trab, das ist normal. Die müssen von den Hotels zum Bahnhof, zum Zug, zum nächsten Einsatzort, zur Arbeit, wichtig, wichtig. Wenn man einen Film über erfolgreiche Consultants drehen würde, man könnte sie alle vom Fleck weg casten, die mich da überholen, immer die gleichen Anzüge, Kostüme, Frisuren, immer die gleichen Rollkoffer.

Seltener kommt es vor, dass mir so ein Exemplar entgegenkommt. Aber das passiert auch, da strebt dann jemand vom Bahnhof zu den Hotels, das erste Meeting dort in den Konferenzräumen findet vielleicht in aller Frühe statt. Und fast immer ist es so, dass diese Menschen es dann sehr eilig haben, also geradezu panisch eilig. Denn ich bin um kurz vor acht auf Straße, das ist aber vermutlich auch die Uhrzeit, zu der das wichtige Meeting pünktlich beginnt. Da muss man also die Beine in die Hand nehmen, wenn der Zug etwa Verspätung hatte oder die Deppen im Back-Office sich beim Fußweg wieder dezent verkalkuliert haben.

Ich biege um die Ecke zum Bahnhof, da kommt mir eine junge Dame im Businesskostüm entgegen, dem Sound der Pumps nach zu urteilen in der anatomisch überhaupt nur möglichen Höchstgeschwindigkeit. Sie zieht den obligatorischen Rollkoffer mit beiden Händen hinter sich her, er ist etwas ungewöhnlich groß und schwer, da ist sicher nicht nur ein Notebook drin, eher auch noch ein Beamer und Gott weiß welches Gerät. Sie wirft sich nach vorne, sie trabt im Stakkato. Einen gestreckten Galopp lässt die Kleidung nicht zu, außerdem ist der Boden etwas glatt. Sie trägt das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und der wippt im Laufen, ein Band darin leuchtet rot in den grauen Werktagswintermorgen. Und für eine Sekunde sieht es aus wie ein Rollenspiel, Frau vor Sulky, Mensch im Gespann. Die Absatzgeräusche auf dem Kopfsteinpflaster wie albernes Kokosnussgetrappel, das Rattern des Koffers wie Kutschenimitat im Kinderhörspiel, hüh, mein Pferdchen, lauf, lauf.

Die Grundschüler hier im Stadtteil spielen das mit nie nachlassender Begeisterung in den großen Pausen auf dem Hof, die ziehen Tretautos und Schülerinnen hinter sich her, trabend und wiehernd, sie laufen im Kreis und scharren mit den Hufen, wenn man sie irgendwo stehen lässt. Manchmal bekommen sie von den kleinen Kutschern auch ein Zuckerchen, das sie noch nicht Bonus nennen.

Und aus reiner Aversion dagegen, selbst auch so albern eingespannt zu sein, bin ich dann nicht ins Büro, sondern erst einmal ins Café gegangen. Ich habe dort in bockiger Langsamkeit einen Kaffee getrunken, die Wand angeguckt und sonst überhaupt nichts gemacht. Lange. Also genau einen Kaffee lang. Und das war schön. Ein Trotzkaffee, warum auch nicht.

Danach musste ich natürlich wie irre zur Arbeit rennen, eh klar. Aber egal. Diese zehn Minuten waren schön und ungeheuer selbstbestimmt. Sie werden das sicher verstehen, so unter uns Autonomen.

Noch einmal zu Filterblasen

In meiner Filterblase wird ein Artikel über Filterblasen wieder und wieder ventiliert, der Filterblasen als überschätzt darstellt. Auch nicht unkomisch. Aber der Blasentext erinnert mich daran, dass ich mit den Blasenspiegelungen der letzten vier Wochen noch gar nicht fertig war, da muss ich noch etwas anlegen. Vorweg ein kurzer Hinweis auf einen Umstand, den viele Menschen offensichtlich gerade vergessen oder verdrängt haben. Als ich in der Oberstufe war, galt das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften als erwünscht, schick und gebildet und bürgerlich engagiert, wir haben das also alle gemacht. Die meisten lasen – wie auch ich – den Spiegel und die Zeit und gelegentlich die SZ, eine Regionalzeitung gab es zuhause damals sowieso. Einige seltsame Vögel, deren Eltern in der falschen Partei oder in seltsamen Berufen waren, lasen auch die FAZ oder gar die Welt. Da guckten wir dann auch gelegentlich rein, das war der berühmte Blick über den Tellerrand und im Feuilleton war das manchmal sogar interessant, ansonsten aber eher verstörend. Das waren also etwa sechs Medien, dazu kamen die abendliche Tagesschau und noch ein paar andere Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wie Monitor etc. Aus heutiger Sicht war das alles recht eng, wir fühlten uns damit natürlich total weltläufig und bestens informiert, Topchecker durch und durch. Wie man in der Oberstufe eben so ist, ganz egal in welchem Jahrzehnt.

Durch die sozialen Medien habe ich allein im letzten Monat mit mindestens 400 Seiten Kontakt gehabt, es ist ganz interessant, wenn man das einmal ein paar Wochen zählt, was man da eigentlich konsumiert. Mal habe ich dort nur ein paar Zeilen quergelesen, mal habe ich mich sofort festgelesen. Einiges habe ich daraufhin abonniert, einiges auch irritiert gleich wieder geschlossen. Manches war mir zu rechts, manches zu links, manches zu langweilig, zu moralisch, zu kapitalistisch, zu revolutionär, zu ignorant, zu arrogant, zu doof und immer soweiter. Einige Artikel fand ich so gut, die habe ich dann hier im Beifang oder im Wirtschaftsteil gezeigt. Aber einige davon habe ich dort eingebaut – und dann doch wieder herausgenommen, weil ich noch vor der Veröffentlichung im Blog einen anderen Text gefunden habe, der besser war, der dem ersten widersprochen hat, der ihn sogar komplett widerlegt hat, der mich irritiert hat. Und das ist doch ziemlich gut so, wenn ich das mit meinem Medienkonsum von etwa 1985 vergleiche. Es ist heute ganz eindeutig reicher, bunter, vielfältiger, es ist in alle Richtungen offener. Blase hin oder her. Und es werden mir auch dauernd Texte auf den Bildschirm geweht, die meiner politischen Meinung sehr klar widersprechen, schon weil zwanzig Leute auf Twitter oder sonstwo aufgeregt schreiben: “Guck mal, guck mal, wie doohoof!” Und dann gucke ich vielleicht sogar.

Anmerken wollte ich zu meiner Blasenspiegelung auch noch, dass von meiner Twitter-Liste “Irgendwasmitmedien”, auf der jetzt über 1.000 Journalisten aus mir genehmen Medien sind (also nicht von der Bild z.B.), tatsächlich die New York Times die am häufigsten genannte Quelle im November war. Deutlich vor SPON, das ist ziemlich krass und ich nehme an, es wird sich nicht wiederholen. Ich werde aber auch nicht mehr zählen, das dauert alles zu lange.

Auf Platz drei, das war noch ein Hammer, ist schon Übermedien, die ich daher für in der Zielgruppe spektakulär erfolgreich halte. Dann die SZ, die Washington Post, die Zeit, die FAZ, der Falter aus Österreich, der NDR, The New Yorker, die Welt, der Tagesspiegel, die Tagesschau. Man merkt vielleicht: Leute, die bei Medien arbeiten, verlinken auch gerne klassische Medien. Buzzfeed, Niemanlab, Turi2, Correctiv, The Atlantic, Horizont und t3n. Alles in allem recht klassisch orientiert, kaum Blogs in der ganzen Liste, was bei der großen Anzahl von Medienblogs in Deutschland doch etwas erstaunlich ist. Es kommen schon Blogs vor, aber sie sind vergleichsweise weit unten im Ranking.

Das von diesen JournalistInnen im November am meisten verlinkte Blog ist übrigens kein Medienblog, es ist das von Journelle, was ein wirklich wunderbares Beispiel dafür ist, dass man auch als Bloggerin mit einem knackigen Text zu aktuellen Problemen in der deutschen Presselandschaft ziemlich umfangreich wahrgenommen wird. Das wird meiner Meinung nach manchmal unterschätzt.

Nachtrag: Siehe zum Thema Filterblasen auch Felix Schwenzel.

Beifang vom 02.12.2016

Die Kaltmamsell erwähnte hier das Wort Crooning, zu dem man vermutlich eine gewisse Vorstellung hat, in der Frank Sinatra oder Bing Crosby vorkommen dürften – es ist aber auch interessant, das einmal en detail in der Wikipedia nachzulesen. Da kann man noch etwas lernen. Ich zumindest habe das nicht ganz so genau gewusst.

Noch schnell ein ganz kurzer und eher eher tröstlicher Rückgriff auf den November, also auf damals, vor zwei Tagen. Der November wirkt bei mir noch etwas nach, ich war gestern mit einer langjährigen Freundin aus, um auf all das Scheitern in diesem Jahr anzustoßen, wir hatten beide Gründe, wer hätte sie nicht. Das könnte doch eine wunderbare Tradition werden, so an der Nahtstelle zwischen November und Dezember: Ein kleines “Fail-Better-Drinking”, mit ein paar gepflegten Drinks auf all das, was man in diesem Jahr versemmelt, an die Wand gefahren, ruiniert, verloren und vergeigt hat, auf das, was man warum auch immer doch wieder nicht angefangen, nicht gemacht oder nicht gewagt hat. Ein Drink, ein Toast, “To absent chances” oder so, und dann kann man mit all dem auch friedlich abschließen und sich voller Schwung in die nächste Runde werfen. Je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir der Gedanke. Ich mag Rituale, an irgendwas scheitert man eh immer und gemeinsam trinkt es sich schöner. Den Termin für 2017 könnte man eigentlich schon festlegen, da ist man dann auch gleich wieder konstruktiv. Vielleicht sogar in größerer Runde?

Dahinter passt natürlich nur noch ein Lied mit einer ausdrücklich positiven Botschaft, nicht wahr. Überzeugend vorgetragen von einer sozusagen bunten Truppe voller Anmut und Fröhlichkeit. Anmoderiert von Ray Cokes, die Älteren erinnern sich. Und wer hat’s geschrieben? Der Nobelpreisträger himself, genau. Schon wieder was gelernt.


Und morgen finde ich dann auch wieder Links ohne jeden morbiden Beiklang, ich bin da voller Zuversicht.

Blasenspiegelung selbstgemacht: Die Liste Familie & Schule

Was diese Auswertung soll, hatte ich hier bereits erklärt. Ich sehe etwas genauer nach, was in meinen Timelines eigentlich geteilt wird und wie ich mich also informiere.

Auf meiner Twitterliste “Familie & Schule” sind im Moment 316 Leute, darunter natürlich viele ElternbloggerInnen. Im November war das meistgeteilte Blog in dieser Rubrik der Familienbetrieb, gefolgt vom Nuf und Allerlei-Themen Danach die SZ, aber es geht dann gleich mit Blogs weiter: 2KindChaos, Papa Pelz, Halbe Sachen, Kinderfilmblog, Mutterseelesonnig. Dann erst SPON, dann dieses Blog hier. Interessant finde ich, dass die Top 20 danach ausschließlich mit Blogs aufgefüllt werden, keine weitere Medienseite dabei: Grosse Köpfe, Pia Ziefle, Tollabea, Frühes Vogerl, Familie Berlin, Berlin Mitte Mom, Öko-Hippie-Rabenmütter, Herzundbuch und Journelle

Das fühlt sich größtenteils wie ein recht vertrauter Club an, wobei die in den Blogs vertretenen Meinungen manchmal stärker auseinandergehen, als man auf den ersten Blick denkt . Auch auf den weiteren Plätzen sind fast nur Blogs, kaum Medienseiten, kaum Überraschungen. Positiv kann man sagen, dass Elternbloggerinnen sich also gegenseitig genug Content verschaffen. Wenn man etwas negativ sehen möchte, was natürlich immer geht, bedient die Presse die Themen dieser Zielgruppe offensichtlich im Moment eher nicht erfolgreich. Was man wiederum auch positiv sehen kann, da haben die Blogs wohl eine klaffende Lücke geschlossen.

Sämtliche dedizierten Elternmedien spielen in der Ergebnisliste übrigens überhaupt keine Rolle. Da klappt etwas nicht. Nicht bei Nido, nicht bei Eltern etc., nirgendwo.

Zwischendurch ein Dank …

… an den Leser B.V., der mir “Die Wiedergewinnung des Wirklichen – eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung” von Matthew B. Crawford geschenkt hat. Deutsch von Stephan Gebauer.

Eine sehr willkommene Lektüre, quasi auf den Punkt. Da geht es um Aufmerksamkeitsökonomie, das treibt mich ohnehin gerade um. Warum beschäftigen wir uns mit was – und wozu führt das? Es ist kein Buch mit hysterischem Digitalhass, ganz und gar nicht, das kann man auch als Onlinejunkie oder immerhin netzaffiner Mensch ruhig lesen. Also wenn man noch genug Aufmerksamkeit für ein Philosophiebuch aufbringen kann, versteht sich. Wo war ich?

Der Autor ist Philosophieprofessor und daneben auch beruflicher Motorradschrauber, es geht u.a. um den Gegensatz zwischen Handwerk und geistiger Arbeit, bei der Dinge aller Art nur noch als Abbild am Bildschirm oder im Text vorkommen. Dargestellt wird das an Beispielen, da geht es etwa um Orgelbauer oder um Glasbläser. Letztere sind für mich besonders faszinierend, da das meine Familiengeschichte spiegelt, vor zwei, drei Generationen war man noch in der Werkstatt oder in der Glashütte, jetzt am Notebook. Was ändert das, wenn man es philosophisch betrachtet?

Es werden unterwegs ziemlich viele andere Themen gestreift, auch die Politik, das macht Spaß, also mir jedenfalls. Um Begriffe wie Aufmerksamkeitsethik und Aufmerksamkeitsallmende (da geht es um den durch Ablenkungen aller Art versauten öffentlichen Raum, siehe Werbeplakate etc.) kann man als dauerabgelenkter Mensch ruhig einmal etwas herumdenken, finde ich.

Sehr anregende Lektüre, ich bin ganz begeistert. Nicht eben die leichteste Lektüre, aber das macht nichts, man kann auch einmal etwas länger auf Texten kauen.

Hier noch eine ausführliche Rezension. Mir war der Autor zum ersten Mal durch diesen Text über das Selbermachen aufgefallen, der ist auch immer noch lesenswert und hat eine schöne Schlussfolgerung.

Beifang vom 27.11.2016

Journelle schwimmt. Draußen, im Winter, in England. Mein Bruder gehört auch zu den Leuten, die winters manchmal in Teiche hüpfen, ganz seltsam. Ich werde es sicher nicht nachmachen, aber faszinierend ist es schon. Und es gab auch einmal einen Herbst, damals in Travemünde, in dem Stefan und ich einfach immer weiter in die Ostsee gingen, jeden Tag. Auch dann noch, als die Touristen abgereist waren, als die Strandkörbe schon im Winterlager waren, als die Imbisse immer früher schlossen, auch dann noch, als die Tage kürzer wurden und der Wind immer schärfer über das Meer kam und als die Möwen immer wütender klangen. Und wenn man das so anfängt, einfach immer weiter ins Meer gehen, immer wieder, dann geht das tatsächlich ziemlich leicht. Aber nun wohne ich ja Gott sei Dank zu weit weg, da komme ich nicht in mehr Versuchung.

Yael Inokai über Tanzstunden und Berührungen. Darüber muss ich auch noch einmal schreiben, eh klar, das ist ein abgründiges und faszinierendes Thema. Wenn man Social-Dancing macht, wie die Herzdame und ich, gibt es auf einmal verblüffend viele Menschen, denen man körperlich ziemlich nahe kommt, das ist vermutlich gerade für Norddeutsche eine bemerkenswerte Erfahrung.

Sympathisch ist mir seit Tagen die Wut in der Zeitredaktion über Trump. In vielen Artikeln spürbar wie bei kaum einem anderen deutschen Medium, vehement und deutlich, so wie hier.

Im Susammelsurium geht es um Weihnachtsplaylisten, auch um meine, guck an. Gleich mal hören. Alles. 

Beifang vom 25.11.2016

Die geschätzte Juramama über den schwangeren Sigmar Gabriel. Sie wissen schon, der ach so offensive Papa.

Margarete Stokowski über weiße mittelalte heterosexuelle Männer. Sehr guter Text.

Stefan Mesch über Kommentare und die Kunst, in der aktuellen Lage einen geraden Satz zu schreiben.

Das hier ist der vermutlich allernovemberigste Text, den man gerade im deutschsprachigen Netz auftreiben kann: “Mach’s gut, Dose.” Leserinnen, die ihr monatliches Traurigkeitsvolumen bereits aufgebraucht haben, lassen den vielleicht lieber aus, ein völlig ernstgemeinter Hinweis. Nach dem traurigsten Text des Novembers kann man sehr schön den besten Weihnachtstext 2016 anlegen und ja, die Wahl ist schon entschieden, doch, doch. Gucken Sie hier. Man möchte Tilman Rammstedt sofort irgendeinen Preis für den Text geben. Oder wenigstens einen Zimtstern.

Aus naheliegenden Gründen interessieren mich oder uns Schulthemen immer mehr. Wir waren gestern auf dem ersten Infoabend zum Thema weiterführende Schulen, dort waren unfassbare acht Schulen vertreten, die für Sohn I in Frage kommen, und das waren noch nicht einmal alle, so ist das eben in der Mitte von Großstädten. Zu viel Auswahl kann etwas lästig sein, zu wenig wäre aber natürlich auch nicht recht, das ist also alles Jammern auf hohem Niveau, schon klar. Immerhin ein paar wichtige Erkenntnisse gehabt, wenn auch keine Erleuchtung. Aber es ist ja noch Zeit. Wir fangen damit überhaupt nur in diesem Jahr (er ist erst in der 3. Klasse) schon an, weil es bei dieser Riesenauswahl tatsächlich etwas schwierig wird, sich alles in nur einem Jahr anzusehen, zumal die Tage der offenen Tür etc. gerne in die Vorweihnachtszeit fallen, in der man bekanntlich überhaupt keine anderen Termine hat, haha.

Man macht sich aber sowieso eventuell umsonst viele Gedanken, weil man die Schule, die man dann unbedingt für das Kind haben möchte, nicht zwingend bekommt. Gibt es nicht genug Plätze, entscheidet die Entfernung zur Schule, es gewinnen dabei die Nachbarn aus dem Stadtteil der Schule, weswegen es in Hamburg lustige Ummeldespielchen unter Eltern gibt. Da werden wir allerdings nicht mitmachen. Etwas seltsam kam mir in den letzten Wochen manchmal die Sicherheit vor, mit der einige Eltern ihr Kind zu kennen meinen, der oder die ist so und so, und zwar genau so – und bleibt auch so. Vielleicht stimmt das bei denen sogar, ich will das gar nicht ausschließen, das kann ja alles sein, aber diese Sicherheit habe ich eher nicht. Die Söhne ändern sich noch und können mich dabei jederzeit überraschen, ich habe keine Ahnung, wie die in drei, vier, fünf Jahren sind. Ich mag Kinder nicht hochrechnen. Dass alle Schulen mittlerweile irgendeinen thematischen Schwerpunkt haben, finde ich daher sogar etwas nervtötend, als ob man mit zehn Jahren schon so festzulegen ist, das ist doch immer noch ziemlich früh.

Herausragende Spezialbegabungen stelle ich bisher bei den Söhnen übrigens auch nicht fest, damit wäre natürlich alles einfacher. Na gut, Sohn I kann im Vorbeigehen aus dem Augenwinkel das neue Passwort für das iPad erkennen, das ich gerade heimlich eingebe, das fällt wohl in den Bereich alltagstaugliche Spezialbegabung, aber das ist keine dieser sofort schulisch brauchbaren Begabungen. Die Lage wäre deutlich einfacher, wenn er schon Opern komponieren, Spiele programmieren oder am Stufenbarren “Jugend trainiert für Olympia” anpeilen würde. Das würde ich allerdings höchst irritierend finden.

Als ich damals aufs Gymnasium kam, war es vollkommen diskussionsfrei das, auf dem auch schon mein Bruder war, ganz einfach. Und der war da, weil da auch schon meine Schwester war. Und die war vermutlich da, weil meine Mutter das so entschieden hat, vielleicht weil auf der Schule auch schon der von ihr geschätzte Thomas Mann war. Ich weiß es nicht, aber es wäre nicht erstaunlich. Als ob die eigenen Kinder dann auch irgendwann Bücher schreiben würden! Na, so hat jeder seine Strategie.

Was wollte ich sagen? Ich wollte eigentlich nur eben diesen Link zu einem Schulthema posten, pardon:

“Die Schüler sitzen hier gerade in einer der wichtigsten Unterrichtsstunden ihres Lebens.”

Filme

Ich habe zu dem Film “Ich, Daniel Blake”, den Trailer im Kino gesehen und habe große Lust, ihn mir anzusehen.

Diese Lust könnte sogar dazu führen, dass ich das tatsächlich mache, denn das sieht doch nach einem vernünftigen Umgang mit sozialen Themen aus – und wer würde soziale Themen zur Zeit nicht wichtig finden.  

Ich sah diesen Trailer in dem Werbeschwulst vor dem aktuellen Woody-Allen-Film, in dem ich in der letzten Woche mit der Herzdame war. Das war nach einer kleinen Kinderpause von nur neun Jahren das erste Mal, dass wir gemeinsam in einem Film für Erwachsene waren, wie wir etwas überrascht nachgerechnet haben. Das war dann wohl die Extended Version im Family-Style von “Man kommt zu nix”. Wir waren, das ist aber Zufall, kein seltsames Ritual, vor den Kindern zuletzt auch in einem Woody-Allen-Film, manchmal fügt es sich ja nett. Allerdings sind nicht nur wir älter geworden, Woody Allen ist es auch.

Der Film “Café Society” jedenfalls besteht aus hübscher Langeweile, in der man sich etwa alle zehn Minuten bei einem Satzfetzen wehmütig daran erinnert, dass Woody Allen früher mal Dialoge und Erzählung konnte, und wie er das konnte. Ansonsten ein Film mit seltsam unwirksamer Ausstattung, die überhaupt nicht überzeugt. Das soll in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts spielen, aber nichts im Film fühlt sich danach an, nicht die Kulisse, nicht die Kostüme, nicht die Texte. Ganz merkwürdig. Ich lasse mich im Kino gerne auf Ausstattungszauber ein und bin etwas enttäuscht, wenn da nichts kommt. Die Handlung, wenig überraschend, lässt die Liebe wandern, das trifft einen als Zuschauer bei dem Regisseur nicht gerade unerwartet.

Die Herzdame fand auch das Ende vollkommen daneben, ich fand, das war das Beste am Film, genau der richtige Moment, mitten im fortgeschritten lakonisch und altersmilde betrachteten Bäumchen-Wechsel-Dich-Spielchen der orientierungslos Liebenden ein glatter Schnitt, das passte schon. Aber möchte man einen Film nur für ein gutes, wollte sagen immerhin passendes und halbwegs originelles Ende sehen? Wohl kaum.

Immerhin: Kristen Stewart. Wie die FAZ am Ende einer ansonsten eher mitleidigen Kritik schreibt: “Aber Kristen Stewart leuchtet.”

Ich rate dennoch eher ab.