Pädagogisch wertvolles Gemüse für Familien

Keine bezahlte Werbung, keine Blogkooperation. Einfach nur aus Neugier gestestet.

Etepetete verschickt Biogemüse, das für den Handel zu murkelig ist. Rumpelrüben, verquere Kartoffeln und so weiter, alles, was auf den ersten Blick nicht ganz dem Standard im Supermarkt entspricht. Das kann man alles drüben bei der Firma nachlesen, wie das genau funktioniert, ich schreibe das nicht ab. Da sind manchmal auch Exemplare in den Kisten, bei denen man nicht recht versteht, warum die nicht in den normalen Handel gingen, das folgt alles höchst eigenartigen Gesetzen.

Gemüsebox

 

Die handlichen Pappkisten kommen per UPS und am Freitag, das hat hier problemlos und pünktlich geklappt, das Gemüse war auch trotz der Reise in bestem Zustand, das kann man alles so machen. Wir machen das zwar nach zwei Testwochen nicht weiter, aber das liegt daran, dass ich mit dem Versandkistenkonzept generell nicht mehr gut zurechtkomme und mittlerweile eher ein überzeugter Freund des Wochenmarkts bin. Ware, die ich will, weniger Müll, aus der Region und so weiter, das passt alles. Für andere kommt das Versandkonzept aber gut hin und wir haben jedenfalls nichts gefunden, was uns an der Ware gestört hätte.

Aber das alles nur am Rande, das ist alles ganz unerheblich. Wichtig war die Reaktion der Söhne, die nämlich als typische Stadtkinder tatsächlich keine Ahnung hatten, in welcher Formenvielfalt so etwas wie die normale Karotte aus der Erde kommen kann. Oder die Kartoffel. Es gibt sie ja nur in Perfektion im Handel. In der Kiste waren sehr verschwurbelte Exemplare, auch solche, die zu äußerst flachhumorigen Betrachtungen Anlaß gaben, das ist bei Kindern in dem Alter wohl nicht ganz zu vermeiden. So kam es hier zu der äußerst ungewohnten Situation, dass die Söhne voller Begeisterung Gemüse ausgepackt haben, sehr interessiert an der Formenvielfal, an all den Abweichungen von der Norm. Es kam dabei auch zu spontanen Verliebtheiten in besonders liebenswert vermurkelte Gemüseschönheiten, die dann in ein etwas unreflektiertes Behaltenwollen eskalierten. Da kann man dann als Vater schöne Gespräche über die Vergänglichkeit der Knollen und der Schönheit anhängen, da ist die Sache mit dem Bildungsauftrag dann auch gleich wieder geregelt.

Karotte

 

Tatsächlich wurden die schönsten Sondermöhren dann nur unter Protest der Söhne verarbeitet und auch erst, als sie noch etwas seltsamer aussahen als ohnehin schon. Geschmeckt haben sie dennoch.

Paprika

 

Für Stadtkinder, die ansonsten von Ernte und Landwirtschaft keinen Schimmer haben, ist diese Kiste auf jeden Fall zu empfehlen. Das klingt vielleicht wie ein Scherz, aber ich fand es wirklich sinnvoll.

Das Bestellmodell sieht ein Abo vor, man kann nach zwei Lieferungen kündigen, das hat auch sofort und reibungslos geklappt. Regional wäre das Konzept sicher noch sympathischer und zum Versandhandel kann man eh verschieden Meinungen haben, aber generell finde ich es gut und richtig, wenn solche Firmengründungen ausprobiert werden.

Gemüsebox

Kleiner Nachtrag zur Lesung in Stuttgart

Die Lesung in Stuttgart im überaus empfehlenswerten Merlin – wenn ich da wohnen würde, ich wäre sicher Stammgast – wurde auch von Kindern besucht, weswegen ich das erste Mal überhaupt das große Glück hatte, während einer Lesung gezeichnet zu werden. Fotografiert wird heute ja jeder, gezeichnet zu werden ist viel cooler.

Die Künstlerin war etwa sieben oder acht Jahre alt, ich weiß leider nicht, ob ich ihren Namen hier nennen darf, sie hieß also einfach K. Und sie hat sehr genau hingesehen und mich wirklich gut getroffen, mit Mikro, Buch, Getränk und Charakterohren. Die Söhne hier haben das Bild lange studiert und sind dann zum Schluss gekommen, dass sie eindeutig saugut zeichnen kann, was mit deutlichem Respekt und vielleicht sogar ein wenig Neid in den Stimmen verkündet wurde. Ich glaube, sie zeichnen in nächster Zeit beide etwas mehr, da muss etwas aufgeholt werden.

buddenbohm-liest

 

Und ich möchte jetzt bitte immer auf Lesungen von Kinder gezeichnet werden, das ist ganz großartig.

Briefkastenonkel Buddenbohm

Mal wieder ein paar Anmerkungen zu Suchbegriffen, mit denen Menschen via Google etc. in den letzten Wochen auf diese Seite kamen.

“Früher war alles besser”

Damit landet man nun also bei diesem kleinen Fachblog für nostalgische Verklärung, ist das nicht schön? Nun. Kleiner Scherz. Früher war sehr wenig wirklich besser. Aber tatsächlich fand ich die Gesellschaft um mich herum “früher” (sagen wir: bis Herbst 2015) erträglicher, als der tägliche, routinierte Hass noch nicht ganz so offensichtlich aus der Büchse der Pandora entwichen war. Und damit meine ich nicht nur die Kommentare im Internet, ich meine auch den Hass, die Verachtung und das hemmungslose Ausleben von Vorurteilen im Real-Life-Alltag, denn all dies scheint sich überdeutlich immer mehr auszubreiten. Ich habe neulich zwei Autofahrer gesehen, die sich hier um die Ecke beim Einparken in die Quere kamen. Die stiegen nach dem ersten Hupen beide aus und haben sofort angefangen, sich zu prügeln, wie in einem Bud-Spencer-Film. Keine Diskussion, kein Gepöbel, kein Geschubse, gleich zack, richtig auf’s Maul. Und die sahen beide ganz normal und bürgerlich und zurechnungsfähig aus, die waren auch beide älter als achtzehn Jahre. Das ist seltsam, so ein Verhalten, das war doch sonst nicht so, nicht wahr, aber es passt irgendwie ins Bild dieses Jahres. Als hätte ein gelangweilter Gott den Aggressionsregler hochgedreht, um mal zu sehen, was dann passiert. 

“Trauma Einschulung”

Ich zum Beispiel musste bei der Einschulung eine kratzende und auch noch karierte Hose tragen, darüber habe ich sogar schon einmal geschrieben, so sehr beschäftigt mich das noch, da kann man mal sehen. Mit der Spätfolge, dass ich immer noch alles hasse, was kariert ist und insgeheim alle Menschen für Psychopathen halte, die freiwillig karierte Kleidung, insbesondere aber karierte Hosen tragen. Auf dem Weg zur Arbeit komme ich täglich an einem Fachgeschäft für Golfzubehör und – bekleidung vorbei, das finde ich sehr herausfordernd. Schlimm. Die Söhne allerdings fanden ihre Einschulung beide super, soweit mir bekannt.

“Schwangerschaftsmanager”

Siehe Parkraum-Manager? Siehe Gebäude-Manager? Alle bekloppt. Alleine das Wort schon! Schwangerschaftsmanager. Du meine Güte! Früher, als alles noch besser war – ach nee.

“Wo Schafe am Deich sich begatten”

Da will ich hin, genau, da ist es nämlich auch abgesehen von den Schafen schön und eine größere Dosis Nordfriesland wäre im Moment genau richtig für mich, oh ja. Ergänzend könnte man zum Begatten erwähnen, dass der Schafbock dabei in der Regel eine Art Stempelgerät trägt, damit der Landwirt erkennen kann, welche Schafe ihm schon, haha, untergekommen sind. Das lädt natürlich noch zu vielen weiteren Witzen ein, die ich aber alle nicht mache. So geht Selbstbeherrschung, meine Damen und Herren.

“Lobpreisung eines Hundes”

Gewiss nicht in diesem Blog. Oder zumindest nicht, solange ich in der Stadt wohne. Ich habe einen erheblichen Teil meines Lebens mit Hunden verbracht und sie alle sehr geliebt, seit ich aber da wohne, wo mir Hunde dauernd vor die Tür und auf den Spielplatz der Söhne kacken, ist unser Verhältnis deutlich abgekühlt. Theoretisch ist man in Hamburg gehalten, die Kacke seines Hundes aufzusammeln und zu entsorgen. Ich habe finsterste Gefühle für Menschen, die sich an diese Regel nicht halten, möchte aber auch auf gar keinen Fall einer von denen sein, die das tun. Denn das ist doch tatsächlich ein Fall von: Wenn mir jetzt ein Außerirdischer zuguckt, wie ich frische und noch körperwarme Kacke liebevoll einbeutele … nein. Einfach nein.

“Kochbuch Helgoland”

Ist mir noch nicht begegnet. Wenn auf Helgoland, dann unbedingt hier sehr gut oder hier völlig in Ordnung essen, alles andere ist auf der Insel eventuell etwas heikel, wir haben da Erfahrung.

“Das Bedeut fangen”

Das ist so schön, das hänge ich mir über den Schreibtisch, als ständige Mahnung beim Schreiben. Fang das Bedeut! Fang es noch heut!

“Mi beim Fangen”

Das Mi beim Fangen heißt Klipp, alles andere ist albern. Insbesondere die Variante Klippo ist gerade unerträglich falsch und tut im Ohr weh.

Gelesen – Alberto Manguel: Tagebuch eines Lesers

Deutsch von Chris Hirte. Das Buch fand ich nicht überzeugend. Eine etwas unentschlossene Mischung zwischen Tagebuch und Essay, nichts Halbes und nichts Ganzes, dabei ist die Grundidee schon nett: Der Autor räumt wegen eines Umzugs seine Bücher um, dabei nimmt er auch die in die Hand, die er lange nicht mehr im Sinn gehabt hat, er sieht noch einmal rein und schreibt darüber. Don Quijote, Sherlock Holmes, Kim … Eigentlich ein feiner Plan um Erinnerungen aufzuschreiben, also wann kam das Buch ins Leben, welche Situation war das, wie war die Lektüre damals, wie ist sie heute usw. – der Plan geht allerdings in diesem Buch nicht recht auf, weil der Tagebuchanteil zu entbehrlich ist, als reines Erinnerungsbuch hätte das besser funktioniert. Die Passagen über die Bücher sind selbstverständlich sehr interessant, das wundert bei Manguel nicht.

Aber das kann man natürlich auch einmal überlegen. Ob es nicht vielleicht sinnvoll ist, den steten Zustrom neuer Bücher einmal zu begrenzen und lieber das noch einmal anzusehen, was da seit Jahren oder Jahrzehnten im Regal steht. Ich sortiere regelmäßig Bücher aus, die meisten behalte ich nicht, da stehen nur die, bei denen ich mir ein Wiederlesen vorstellen kann. Aber das ist natürlich ein sehr theoretisches Wiederlesen, wann soll das denn sein? Das ist immer in irgendeinem imaginären Später auf einem herbeiphantasierten Landsitz mit Schaukelstuhl und Kamin, das sich mit jedem Tag weiter vor mir her verschiebt ins Nimmerland.

Aber wenn man nun tatsächlich mal wieder hineinsieht – etwa in Hemingway oder Fitzgerald, die ich als Jugendlicher gelesen habe. Sind das dann immer noch gute Bücher oder ergibt das beim Lesen nur so ein schales Gefühl, als würde ich noch einmal einen Parka mit AKW-Nee-Sticker anziehen? Oder noch einmal so etwas wie Kästners “Drei Männer im Schnee”, eines der ersten “Erwachsenenbücher”, die ich als Kind gelesen habe, etwa mit 12. Oder Eric Malpass. Heute noch gut? Ich möchte es annehmen, gerade bei Malpass, aber ganz sicher bin ich nicht. Das war der erste Autor, der mich mit Familienthemen gekriegt hat, der also das Kunststück geschafft hat, mir Menschen vorzusetzen, ganz normale Menschen, über die ich mit Begeisterung auch zwanzig Bände gelesen hätte, so spannend und amüsant waren deren Verwicklungen, die doch ganz ohne wilde Abenteuer, Sex und Raumfahrt auskamen. Die Idee, dass Familie bei aller Tragik auch lustig sein kann, habe ich wohl von Malpass.

Und natürlich von Kishon, der hier aber nicht mehr im Regal steht, ich weiß gar nicht, wo der geblieben ist, den hatte ich sicher komplett. Kishon fand ich damals so gut, dass ich auch die politischen Bücher gelesen habe, “Pardon, wir haben gewonnen”, das brachte mich dann auf ganz andere Themen. Es ist eigentlich ganz spannend, sich die eigene Lesegeschichte noch einmal ins Gedächtnis zu rufen.

Andererseits ist der Stapel ungelesener neuer Bücher auf dem Nachttisch noch so hoch und es ist wieder gerade etwas erschienen … ach, es ist schwierig. Und komme mir niemand mit langen Winterabenden. Es gibt keine langen Winterabende, an denen man Zeit für irgendwas hat, wozu man sonst nicht kommt. Das ist nur eine schöne Geschichte für Kinder, genau wie die vom Weihnachtsmann.

 

Gelesen: Rüdiger Safranski: Goethe – Kunstwerk des Lebens

Daran habe ich eine halbe Ewigkeit gelesen, immer nur ein paar Seiten am Abend, das Buch ist kiloschwer. Es hebt sehr auf die Ideengeschichte des Herrn Goethe ab, auf die Gestaltung des Lebens nach mehr oder weniger selbstgeschaffenen Maximen, es geht darum, “wie Goethe sich zu Goethe gemacht hat”. Die Themen sind teils nicht gerade einfach, entsprechend bin ich ab und zu dabei eingeschlafen, was mir überhaupt nicht peinlich ist, denn das wird dem Geheimrat selbst auch so gegangen sein.

Das private Leben wird eher kurz abgehandelt, das ist vielleicht ein wenig schade, aber das mag an meinen Interessen liegen, ich lese so etwas gerne. Goethes Ehe kommt sogar etwas arg knapp vor, obwohl sie so unwichtig nun auch nicht war. Es gibt aber dennoch auch für Menschen, die zu Goethe schon ein, zwei Bücher gelesen haben, noch reichlich Details zu entdecken. Dass etwa Goethe der erste deutsche Autor war, der sein Urheberrecht durchgesetzt hat, war mir neu.

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Und das Ganze lässt mich mit dem etwas unangenehmen Verdacht zurück, dass man vielleicht doch etwas zu wenig nachdenkt. So insgesamt und unterm Strich. Denn das hat Goethe zweifellos getan, stundenlang, tagelang, ach was, lebenslang. Hochkonzentriert und immer mit Ehrgeiz und Einsatz. Man muss nun sicher beim Grübeln nicht gerade das Niveau Goethes erreichen, er galt nicht umsonst als Genie, aber die Frage, ob die Brettchen eigentlich angemessen dick sind, an denen man so herumbohrt – es schadet ja nicht, die Frage einmal zuzulassen. Ich stelle da etwa fest, um im Prozess ganz vorne anzufangen, dass die Zeit, die ich zum ungestützten Denken überhaupt zur Verfügung habe, also mir zur Verfügung lasse, eher knapp bemessen ist. Ich meine die Phasen ohne Bildschirm, Handy, Gespräche, Arbeit, Hausarbeit, Ablenkung, die Phasen, in denen ich einen Gedanken etwas länger spinnen kann – sie sind sehr, sehr kurz. Das ist eventuell gar nicht richtig so, darüber könnte ich ja auch mal nachdenken, wenn ich mich nur mal zum Nachdenken kommen lassen würde. Wofür ich wieder mehr herumgehen müsste, also um die Alster oder sonstwohin, sonst wird das sowieso nichts, ich muss Gegend angucken, um nicht auf Bildschirme zu gucken, soweit ist es dann doch mittlerweile.

Und so ging der Herr Buddenbohm nach 700 Seiten Goethe also feierlich einmal um den Block, wobei er ernst guckte und sich auch sonst alle Mühe gab, einen sinnenden Eindruck zu erwecken. Immerhin! Wer immer strebend sich bemüht! Ja, da geht noch was, schon klar. Aber um auf solche Gedanken überhaupt erst zu kommen, ist das Lesen von Biographien jedenfalls ganz gut geeignet. 

Was schön war

Gleich vorweg, hier bei Anke sind noch ein paar andere SchönfinderInnen verlinkt.

Ich bin nach langer Zeit einmal wieder in einem Buch versumpft, so sehr sogar, dass ich – wie lange mag das letzte Mal her sein! – deswegen eine Busstation verpasst habe. Und dann erstaunlich weit durchs wilde Bahrenfeld zu Fuß gehen musste, mit mehreren Stops an Straßenlaternen, weil es schon zu dunkel war, um noch einfach so ohne künstliches Licht zu lesen, ich aber noch das Kapitel beenden wollte. So interessant fand ich das Buch. Interessant, nicht etwa spannend, es handelte ich also um ein Sachbuch, so etwas kommt mir ja eher selten in die Finger.

“Eine Geschichte des Lesens” von Alberto Manguel, aus dem Englischen von Chris Hirte. Klingt vielleicht nicht gerade wie ein Reißer, war es aber für mich. Das ist ein Buch zur Geschichte des Schreibens, der Texte und des Buches, zur Technik und Kulturgeschichte des Lesens, auch zu Bibliotheken, zur Buchsammelei, -schreiberei, sauferei und immer so weiter, auch zum Übersetzen, zum einsamen Lesen und zum Lesen in Gesellschaft, zum verbotenen Lesen  und zu Büchernarren. Äußerst kundig und quellenreich zusammengestellt von Herrn Manguel, der vermutlich über eine Allgemeinbildung verfügt, neben der man selbst eher gar nix weiß, das ist ja auch immer ganz gesund, so etwas wahrzunehmen, so etwas schützt vor Arroganz. Aber gut, der Herr hat seine Berufslaufbahn unter anderem als Vorleser bei Borges in Buenos Aires begonnen, das war auch ein klein wenig intellektueller als mein erster Bürojob damals nach der Schule, in dem ich hauptsächlich am Kopierer stand.

Ein gut zu lesendes, angenehm süffiges Sachbuch also, überreich an Details und doch nicht verschwurbelt. Wunderbar dick, satte 400 Seiten. Und warum macht mir das nun so viel Spaß? Weil ich gar nicht wenig aus dem Inhalt schon einmal gelesen habe, in anderen Büchern, in anderen Worten, vor recht langer Zeit. Nämlich in meinem Studium, das damals mit dem charmant-albernen Titel Dipl-Bibl. endete und  in dem es auch um die Geschichte des Lesens und des Buches ging. Ich fand das immer schon interessant, ich hatte schon damals ein Faible für die Fachbegriffe aus dem Buchwesen, die ich auch in meinem Nebenjob als Antiquar anwenden konnte, auch wenn der Laden, in dem ich arbeitete, nicht so fein war, dass dort Inkunabeln oder dergleichen über den Tisch gingen. Man konnte doch immerhin mit Kunden und Kollegen über den Buchdruck reden, über Einbände, Typographie, Erstausgaben, Publikationsgeschichten und das alles. Das “Wörterbuch des Buches” von Hiller war mir so etwas wie ein Vokabeltrainer, das lag immer neben der Kasse. Aber das ist natürlich alles längst vergessen, mit dem Buchhandel hatte ich nach dieser Zeit nie wieder etwas zu tun.

Daran habe ich lange, jahrelang nicht mehr gedacht. Aber als ich jetzt dieses Buch las – das war wie bei Tänzern, die sich nach Jahren wieder an eine bestimmte Figur in einem Tanz erinnern, das ist auch so eine beglückende Erfahrung, wenn einem so etwas wieder einfällt, eine bestimmte Drehung etwa, erst zwei, drei unsichere Schritte und plötzlich dieses Aha! und dann weiß man wieder und dreht eine Rumba übers Parkett, als hätte man es nie vergessen. Genau so beglückend kamen mir die Erinnerungen an das einmal gehabte Fachwissen zum allmählichen Übergang von Schriftrollen zum Buch wieder hoch, auch das zur Geschichte der Leihbibliotheken im neunzehnten Jahrhundert und so weiter, letzteres war sogar irgendwann mal ein Prüfungsthema. Das ist eben auch ein Stück geistige Heimat, was man einmal studiert hat, selbst wenn es nur so ein kleines Nebenbeistudium war.

Als ich den Bus verpasste, ging es in dem Buch gerade um ein Antiphonar, das ist nun wirklich ein einigermaßen abgedrehter Fachbegriff, den wird man schwerlich jemals anwenden können, wenn man nicht gerade viel mit Kirchen oder Orden zu tun hat. Aber falls bei Freunden einmal so etwas auf dem Coffeetable liegen sollte – ich weiß Bescheid. Und das ist doch ein herrlich beruhigendes Gefühl – ebenso sinnlos wie angenehm.

Buchverlosung: Kinder-Party-Küche

Ich habe ein Rezensionsexemplar der Kinder-Party-Küche erhalten, das ist ein weiterer Band von Claudia Seifert, Gesa Sanderfreie, Julia Hoersch und Nelly Mager, wir hatten das Team im Blog schon mehrfach, etwa hier.

Kinder-Party-Küche

Das Buch enthält auch für Kinder gut umsetzbare Rezepte für Dschungelabenteuer, für die Teeparty, für Fußball-Events, Weltraumfeiern etc., dazu noch Bastelideen für Deko, und spätestens bei diesem Stichwort wird klar – das ist eher nichts für uns. Denn das ist zwar wieder ein schicker Band geworden (mit Kindern aus unserem Stadtteil auf den Bildern!), aber wenn hier eines nicht stattfindet, dann ist es Bastelei. Und das gilt auch für Deko und Motto-Essen und so weiter. Ich finde es immer nett und schön, wenn das jemand macht, aber ich mache das nicht, wir machen das nicht, die Söhne vermissen es nicht. Ich werde diese Rezepte also nicht ausprobieren, bin aber dennoch einigermaßen sicher, dass sie wieder gut gewählt sind.

Kinder-Party-Küche

Deswegen geht dieses Buch sofort weiter an Menschen, die es vermutlich mehr zu schätzen wissen und also auch mehr Spaß daran haben werden. Bitte einfach bis Mittwoch, 19.10. einen Kommentar hinterlassen, in dem zum Nutzen aller mitlesenden Eltern genannt wird, was beim letzten miterlebten Kindergeburtstag als Hauptmahlzeit auf dem Tisch stand, das ist ja immer eine spannende Frage. Wir haben uns mit einem völlig unspektakulärem Picknick mit Frikadellen, Käse, Fladenbrot, Rohkost und immerhin selbstgebackenem Kuchen aus der Affäre gezogen, aber auch dieser Kuchen ist hier auf besonderen Wunsch der Söhne ein ganz schlichter Zitronenkuchen, da ist nicht einmal etwas obendrauf, keine Herzchen, keine Perlen, keine Muster.

Kinder-Party-Küche

Wir ermitteln am Donnerstag per Zufallsgenerator die Gewinnerin, der Versand erfolgt wie immer nur innerhalb Deutschlands.

Kinder-Party-Küche

Watertown

Watertown kannte ich bisher nicht, die Geschichte der Platte passt aber ganz gut in eine Woche, in der Bob Dylan den Nobelpreis erhalten hat und zu diesem fast schon novembrig anmutenden Wetter passt sie sowieso. Es handelt sich um eine Platte von Frank Sinatra, und zwar um eine Ausnahmeplatte (das schreibt sich übrigens ganz seltsam, dieses Wort Platte, lange nicht mehr benutzt).

Es ist Sinatras einzige Platte, bei der er zu vorgefertigten Orchesteraufnahmen im Studio gesungen hat, sonst waren die Musiker immer live dabei. Es ist seine einzige Platte, die ein spektakulärer Flop war und ich glaube, es ist auch überhaupt die einzige, die man als durchgehende Geschichte hören kann, die Song für Song weitererzählt wird. Und vermutlich ist es auch die einzige mit einem völlig von allen anderen abweichenden Cover – ganz ohne Superstarallüren, sogar ganz ohne Frankie himself, nur mit einer alltäglich anmutenden Zeichnung, ein Bahnhof, ein Zug. Die Lieder klingen auffällig anders als all die Ohrwurmsongs, die man sicher zuerst mit Sinatra assoziiert, die Melodien sind komplizierter, weniger gefällig, fast ganz ohne schmalzende und schmelzende Refrains, ohne tanzbare Elemente, ohne Swing und Kawumm und ohne Geigenlieblichkeit. Die Texte sind nicht schlagerhaft, eher etwas lyrisch, vorsichtig erzählend, andeutend und kryptisch.

Es geht um die Geschichte eines Manne aus einer Kleinstadt (“Watertown”), der von seiner Frau verlassen wird, sang- und klanglos hätte ich fast geschrieben, aber das passt natürlich nicht, und der mit zwei Söhnen (“Michael and Peter”) zurückbleibt, während sie – was auch immer, so klar wird das nicht. Er arrangiert sich mühsam und verzagt mit dem Alltag, lost in day to day, er lässt sich von der Schwiegermutter helfen, er sieht verzweifelt zu, wie die Söhne wachsen und wachsen, was sie nicht mehr mitbekommt, was ihm keine Ruhe lässt, wie kann sie das denn nur verpassen? Er schreibt ihr Briefe voller Banalitäten, es gab Regen im Frühjahr, der Sommer war wärmer, die Rosen wachsen am Haus, er möchte immer nur sagen: “Komm zurück”. Er liebt sie nach wie vor, er liebt sie immer weiter und er würde sich auch jederzeit wieder in sie verlieben (“I would be in love anyway”), die Stücke schildern nach und nach in zeitlich richtiger Reihenfolge Details dieser heillosen Situation (“What’s now is now”). Bis er endlich am Bahnhof steht und auf den Zug aus der großen Stadt wartet, im Regen wartet, bebend vor Hoffnung wartet und man weiß doch nach all diesen Liedern, dass ein Happy-End aber so was von unwahrscheinlich ist, obwohl er sich selbstverständlich die größte Mühe geben wird, “we’ll talk about the part of you, I never understood”. Man hört es doch ohne jede Erwartung.

Der entscheidende Twist findet sich dann erst ganz am Ende des Albums im Song “The train” und da gibt es einen kleinen Haken: die entscheidenden Zeilen fehlen in einigen Ausgaben der Verse, die man online findet. Frank Sinatra singt aber sehr deutlich, man versteht es wohl auch alles so und dann ahnt man auch, wie die Geschichte weitergeht.

Die Geschichte wurde geschrieben von Jake Holmes, who has a particular talent for writing clever, perceptive lyrics, wie Wikipedia sagt. Der Stoff hätte auch für einen Roman gereicht, gar keine Frage. Holmes dichtet da eine hundsgemeine Trennungsgeschichte, gemein in ihrer Banalität, abgründig im Gewöhnlichen, das fängt schon bei der Art an, wie sie einfach geht, ich habe habe das Lied unten eingefügt, goodbye, said so easily. Schon darüber kommt er nicht weg, wie einfach sie ging, stand auf und war weg. There is no great big ending.

Die Texte kann man alle online nachlesen, die Musik findet man komplett bei Spotify (dort fehlt nur das letzte Stück, der Epilog, das ist aber nicht entscheidend) und bei anderen Diensten, auch auf Youtube, dort auch als ganzes Album. Die Kritiker waren sich nie einig, einige hielten dies für Sinatras beste Aufnahmen überhaupt, einige konnten damit überhaupt nichts anfangen. Es war kein junger Sinatra, der das aufgenommen hat und er singt die Rolle wirklich überzeugend, finde ich. Und ich habe vom Singen selbstverständlich überhaupt keine Ahnung, aber es klingt doch so, als seien die Songs nicht gerade einfach zu singen, man hört das auch beim Lied von ihrem Abschied.

Doch, das kann man sich an einem Herbstsonntag ruhig einmal anhören.

 

12 von 12 im Oktober

Wer 12 von 12 nicht kennt, die Erklärung ist hier. Und die anderen 12-von-12-Ausgaben des Oktobers finden sich dort. Bei mir werden meist ein, zwei Bilder gegen Videos getauscht, das ist im Grunde ganz regelwidrig, machen Sie das lieber nicht nach. 

Die Herzdame liest am Morgen „Leo und der Fluch der Mumie“ von Claudia Frieser vor, und weil das Buch sehr spannend ist, liest Sohn I danach einfach selbst weiter. Das sei hier festgehalten, es passiert nämlich zum ersten Mal. Bisher war das Vorlesen einfach zu schön, da haben die Kinder eben geduldig auf die Fortsetzung gewartet. Das wird anscheinend anders, zack, wieder eine Phase vorbei. In dem Buch geht es am Anfang auch um Nazis, und zwar, wie man heute sagen muss, um die “echten” Nazis von damals, aber die sind ja wichtig, um die neuen Nazis von heute zu verstehen, das wissen die Söhne auch schon. Man führt dann recht merkwürdige Gespräche über solchen Büchern, Gespräche, die ich noch vor ein paar Jahren für eher unmöglich gehalten hätte. Wie man sich überhaupt auch mal klarmachen muss, dass diese Generation eben nicht mehr in der Gewissheit aufwächst, dass die Nazis weg sind. Bei mir damals waren sie zwar auch nicht weg, ein paar waren ja ganz offensichtlich noch da und gaben Sportunterricht etc., aber wir dachten doch immerhin ziemlich lange, sie kommen so leicht nicht als Bewegung wieder. Wir Dummerchen.

Wir haben ein neues Möbelstück geschenkt bekommen, so ein Buffet, das wir immer schon haben wollten. Das steht jetzt im Flur, wo vorher etwas anderes stand, das jetzt in der Kammer steht, wo vorher etwas anderes stand – kennen Sie den Diderot-Effekt? Ich wurde auf Twitter darauf hingewiesen, das werde ich mir merken müssen. Aber egal, wir werden also, langjährige LeserInnen kennen das, im vierten Quartal wiederum Möbel herumschieben und zu Weihnachten im Chaos sitzen, wir lernen es wohl nicht mehr. Noch fragt die Herzdame “Wollen wir gleich Möbel rücken” im fröhlichen Tonfall von “Wollen wir richtig, richtig Spaß haben?”, aber ich weiß, wo es enden wird. Im Schrank übrigens, raffiniert ins Bild gesetzt, der neue Band der Vegetarisch-Reihe von Katharina Seiser, diesmal mit den USA. Der Koch war der Herr Trific, den haben Isa und ich schon einmal interviewt. Einige Rezepte in Kürze sicher auch hier im Blog.

 

Im Kinderzimmer eine wilde Fischer-Technik-Explosion, Sohn II hat das gerade wieder entdeckt. Es führt dazu, dass er praktisch gar nicht mehr ansprechbar ist, weil er immer noch etwas fertig bauen muss. Und fertig, siehe auch Lego, das gibt es eben nicht. Mich freut Fischer-Technik jedenfalls, da werde ich ganz nostalgisch.

Dann fahre ich, wie sollte es anders sein, ins idyllische Hammerbrook und gehe dort ins Büro, wozu es keine weiteren Bilder gibt.

Auf dem Wochenmarkt in Hammerbrook erwerbe ich nach der Arbeit diesen Spitzkohl. Ein schlimmer Fall von Impulskauf, ich habe keine Ahnung, was ich damit anfangen soll – aber immerhin ist er recht attraktiv in der Küche. Und wohl auch gut zu Fisch, ich erinnere mich da dunkel an etwas.

Ich setze mich an den Schreibtisch, habe aber ein so überdimensioniertes Formtief, dass ich sofort einzuschlafen drohe. Ich brauche Bewegung und Zuspruch, beides finde ich vor der Tür.

Ich kaufe eine Mousse-au-Chocolat-Schnitte für die ebenfalls duchhängende Herzdame. Ja, so bin ich.

Dann setze ich mich wieder an den Schreibtisch und arbeite ernsthaft, mit anderen Worten, ich schreibe genau diesen Text hier.

Dazu läuft schöne Musik von depressiven Menschen. Nick Drake in diesem Fall, auch so ein tragisches Schicksal.

Die Söhne sind am Nachmittag bei Freunden, zwischendurch räume ich schnell den Zettelberg auf, unter denen sich theoretisch ihre Schreibtische befinden müssten. Solche Merksprüche für Buchstaben in der ersten Klasse muss ich kopieren und weglegen, denn wenn er abends darüber nachdenkt und auf einen davon nicht kommt, dann ist an Schlaf nicht mehr zu denken, wenn man das nicht mal eben nachlesen kann. Sohn II ist etwas strebsam, to say the least.

Ich bereite die Lesungen in den nächsten Wochen vor und suche hektisch in meinen Büchern nach tollen Texten herum. Finde alles doof. Muss doch mehr neue Sachen schreiben. Schlimm! Lese danach auch noch in alten Blogeinträgen und muss wenigstens über den hier lachen. Der ist aber eher nicht so lesegeeinet. Hm (Stimmungstief vor Lesungen ist handelsüblich, keine Sorge, alles gut).

Zwischendurch sehe ich mir Motivationsfilmchen an, da ich demnächst noch einen weiteren Tanz erlerne. Die Herzdame war der Meinung, Lindy-Hop könne auf Dauer nicht reichen. Und sie ist mir auch mit dem nächsten Tanz wieder ein Jahr voraus und kann schon alles. Balboa also, eine ziemlich schnelle Geschichte, entstanden in überfüllten Ballsälen, das ist eher nicht raumgreifend, ganz im Gegensatz zum Lindy. Hervorragend geeignet für Gipsy-Swing, das ist natürlich ziemlich verlockend. Dummerweise habe ich mich da jetzt mit einer der besten Tänzerinnen angemeldet, die mir bisher in Hamburg begegnet sind, da werde ich mir also auch noch richtig Mühe geben müssen. Vorsicht bei der Wahl des Freizeitsports!

Und damit zum Feierabendbier. Eher weniger als mehr verdient.