Ausklänge und Abgesänge

Die Kaltmamsell zitiert hier aus Ulrike Draesners „Die Verwandelten“, und die Zitate gefielen mir. Also gleich mehr nachgelesen – bei Perlentaucher –das Buch dann auch vorgemerkt.

Weiter unten bei der Kaltmamsell im Text der verlinkte Artikel zur nicht mehr existenten Welt der Kindheit, der ist auch beachtenswert. Und es gibt da schon wieder einen Bezug zu den Filmen aus den 70ern, die ich mir gerade reihenweise abends ansehe. Einige der Änderungen, die im Text angesprochen werden, sieht man dort in den Stadt- und Straßenbildern. Deutlich sieht man sie, etwa die reine Anzahl der Autos, ihre veränderte Größe auch. Und wie man die sieht. In „Blutige Hochzeit“ von Chabrol, 1973, wird eine Kleinstadt gezeigt, in der es kaum Verkehr gibt, in der ein nächtlich fahrendes Auto noch auffällt. Das wird schon damals nicht mehr so gestimmt haben, aber es war auch keine Satire, es war noch vorstellbar.

Wenn Sie in einer großen Stadt wohnen, recherchieren Sie doch auch einmal, wie viele nach Ihnen noch dorthin gezogen sind, das lohnt sich vermutlich. Schon weil man dann schlicht und beruhigend merkt, dass man Recht hat. Es hat sich wirklich, wirklich alles enorm verändert und ja, da laufen tatsächlich viel mehr Menschen herum als damals. So viel mehr.

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Aus der Schule erreichten uns in dieser Woche schon die ersten Mails, die auf das Ende des Schuljahres hinweisen, auf den Ferienbeginn in einigen Wochen. Sommermeldungen also, Terminhinweise, Abschiedsfeste und -aktionen auch, Ausklänge und Abgesänge.

Sohn I erlebt eine grundlegende Systemänderung und erreicht die Oberstufe. Da endet ein großer Abschnitt seiner Jugend, die Zeit in einer Klasse ist vorbei.

In einem Absatz der Mail wird dann noch nach den Schwimmabzeichen der Schülerinnen und Schüler gefragt. Schwimmabzeichen! Gefühlt haben unsere Söhne ihre Schwimmabzeichen vor etwa zwanzig Jahren gemacht, und so alt sind sie noch gar nicht. Erstaunlich.

Die Lehrerinnen schreiben jedenfalls diese vollkommen erwartbaren Mails und setzen damit Marker für Jahreszeitenwechsel, für Phasen und unterliegende Rhythmen in der Zeit. Mir fällt es besonders auf, weil ich das beruflich auch mache. Eine Mail schreiben und damit das Halbjahr beenden, das Quartal, das Jahr. Das sind feste Rituale, seit Jahrzehnten mache ich das schon, und manche Kolleginnen werden bei meinen Mails sicher das denken, was ich bei diesen Lehrerinnenmails denke: Ach guck, ist das auch schon wieder vorbei.

Ein Blick zum Kalender vielleicht, wenn es noch einen an der Wand gibt, ein kurzes Kopfschütteln. Dann weitermachen.

Blick von der Kennedybrücke auf die Außenalster unter blaugrau verhangenem Himmel. Einige Segelboote, im Hintergrund die Mundsburghochhäuser.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Sehr grobe See

Satzbruchstücke, die ich am Tag nach der Wahl im Vorübergehen auf der Straße gehört habe, beide in einer Stunde:

„Hier, Olaf Scholz, der ist doch in der CDU …“

„Die Wagenknecht war doch bis neulich noch selbst in der AfD, und jetzt ist sie aber gegen die oder was.“

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In den Timelines werden dieser Tage vermehrt Heizungen erwähnt, man denkt an sie, man macht sie an, man zieht es zumindest in Erwägung. 12 Grad, nachts noch weniger, dazu der Regen. Und Wind bis Beaufort 7 aus Nordwest, in der Definition dieser Stärke ist von „sehr grober See“ die Rede. Da kommt man hier und da in Versuchung, die ersten geben also nach. Die Stimmung ist allgemein spätoktobrig.

Auf dem Wochenmarkt in Hammerbrook stehen die Verkäuferinnen frierend hinter dem sommerlichen Obst, und in den S-Bahnen sehe ich wieder Menschen in dicken Winterjacken. Man hat sie doch noch einmal herausgekramt, das morgendliche Fluchen vor den Schränken kann ich mir vorstellen. Auch Schals und Mützen sind im Einsatz, und passend zu diesem Bild in der Bahn lese und höre ich wieder vermehrt von Corona-Infektionsmeldungen, dummerweise auch im näheren Umfeld.

Wie auch immer, wir nennen es postpandemisch und haben noch Tests auf Lager, natürlich haben wir das.

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Ein Update zur politischen Lage aus Frankreich, wo es bekanntlich auch nicht gerade gut aussieht, wo es um den Sommer auch nicht gut steht. Überall ist es besser, wo wir nicht sind, das lässt sich nicht mehr so gut zitieren, als Einwohnerin einer Großstadt ohne schwarzbraune Mehrheit hat man heutzutage schon Glück. Vorsicht bei der Wohnortwahl.

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In den letzten Tagen gehört: Eine Folge Radiowissen über Fontane, eine über Lou Andreas-Salomé. Eine über Maxie Wander, die ich auch mal lesen muss, was ist das denn wieder für eine Bildungslücke.

Und dann eine, auch einmal etwas abwegige Themen mit reinnehmen, über Hedwig Courths-Mahler. Die hätte ich historisch glatt falsch eingeordnet, geradezu peinlich, viel zu früh. Ich wusste nicht, dass sie das Dritte Reich erlebt hat. Sie starb, so höre ich in der Sendung, 1950 in ihrem Lesesessel, ein aufgeschlagenes Buch auf dem Schoß. Freundliche Abgänge ebenfalls zur Kenntnis nehmen.

Und abschließend noch eine Folge über Konsalik. Wobei ich diese Folge am dringendsten empfehlen möchte, und zwar aus aktuellen Gründen. Denn es geht darin auch und viel um die Rechtsaußentendenzen in der alten Bundesrepublik.

Die kann man sich gerne wieder bewusst machen, wenn man von den so neu wirkenden Nazis unserer Tage spricht. Ich halte das für wichtig. Immer auch die geschichtlichen Konstanten beachten, und keineswegs nur aktuelle Wahlergebnisse oder einzelne Bundesländer, in welcher Himmelsrichtung auch immer.

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Abkühlen, aufheizen

Was vollkommen erwartbar war: Hamburg räumt für die EM auf. Es geht wieder einmal gegen die Obdachlosen und es geht um das Wegerecht, wer darf eigentlich wo sein. Die Frage ist fundamentaler, als man vielleicht zunächst annehmen möchte.

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Links für Menschen mit Interesse an Mode hat Kid37 in seiner neuen Sammlung.

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Wir nehmen Abschied von Madame Hardy, merci pour les chansons. Hier ein Nachruf im Guardian. Auf Youtube gibt es viel von ihr, und es ist eine ebenso empfehlenswerte wie schöne Beschäftigung, sich da durchzusehen und zu hören. Wieder einmal und völlig enthemmt bis zum Hals in Nostalgie badend.

Lebensbegleitende Musik war das, ist das auch weiterhin, und in den Kommentaren unter den Songs kann man nun lernen, was man im Nachbarland im Todesfall schreibt. Repose en paix. Ich wähle ein Video, das zu der Zeit passt, aus der ich gerade etliche französische Spielfilme ansehe.


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In loser Fortsetzung der Gedanken von gestern: Es ist schon seit mehr als einer Woche deutlich kühler in dieser Stadt. Es regnet auch reichlich. Es geht nicht eben sommerlich zu da draußen, das könnte auch März oder später Oktober sein. Und es wird so schnell auch nicht wieder sonniger, sieht man in den Wetterberichten, und längst hört man hier und da entsprechende Beschwerden im Smalltalk.

In der Außengastro sitzen nur noch wenige Gäste, teils bis zum Kinn in Decken gewickelt, sich unter quertreibendem Regen wegduckend. Es sind wie immer die, die sich an ihre Zigaretten und Heißgetränke klammern. Die anderen sitzen jetzt drinnen, wo es warm und trocken ist, wo auch der Wind nicht hinkommt. Dieser ewige Wind, von dem es mir so vorkommt, als sei er nennenswert präsenter in der Stadt als in anderen Jahren. Jeden Tag diese Böen. Jeden Tag immer wieder auffrischend, seit Wochen schon, auch an den warmen Tagen, das war doch sonst nicht so.

Aber seiner Erinnerung kann man auch nur noch partiell trauen, wenn es um Wetter und Klima geht. Draußen auf Trischen hat das Wetter währenddessen tragische Folgen.

Mir ist das bescheidene Wetter eher recht, denn unsere Wohnung unter dem elenden Metalldach war schon Ende Mai wieder zu stark aufgeheizt. Die ersten Nächte wurden mir bereits zu anstrengend. Auch diese saisonale Wahrnehmung war deutlich früher als sonst im Jahr, wie alles in diesem Sommer.

Die Bauweise unseres Hauses aus den Achtzigern wurde am Beispiel eines ähnlichen Gebäudes neulich von einer Architektin mir gegenüber als „Hartes Camping“ bezeichnet. Das wollte ich eben berichten, denn ich mochte den Ausdruck sofort. Hartes Camping, da hört man gleich, wie gut das hier isoliert ist. Man hat umgehend eine überaus einleuchtende Vorstellung von der Energiebilanz und also von der Sanierungsbedürftigkeit des Hauses. Und man weiß noch genauer, was man von der Architektur der 80er zu halten hat, die auch vom Design her nicht eben würdevoll in die Jahre kommt, wie wir alle um uns herum sehen.

Vermutlich trauert niemand um abgerissene Häuser aus diesem Jahrzehnt, wenn nicht gerade besondere persönliche Verklärungen aufgrund darin erlebter Geschichten vorliegen. Diese Gebäude können weg und hinterlassen in aller Regel keine Lücken, die irgendwem besonders wehtun. In Hammerbrook etwa werden de Bürohäuser aus dieser Zeit, und es sind viele dort, geradezu routinemäßig abgerissen, wenn langjährige Vermietungen enden. Und es interessiert niemanden. Da stehen keine Menschen mit Wehmut im Blick an den Bauzäunen und denken zurück.

Nein, man sieht kaum hin. Man hat da keine Gedanken in der Richtung von: „Das Stadtbild, das arme Stadtbild!“ Denkmalschutz eh kein Thema.

Wenn die Anzahl der Hitzetage im Sommer jedenfalls weiter zunimmt, und vermutlich wird sie das tun, auch wenn es gerade noch so frisch ist, wenn die Durchschnittstemperatur weiter stetig steigt, und vermutlich wird sie das tun, wird das Wohnen in diesem Haus für mich schwieriger. Denn mit fortschreitendem Alter kann der Mensch Hitze nicht besser ab und ich merke dummerweise etwas deutlicher als andere, dass ich Wärme mit jedem Jahr schlechter vertrage. Problem.

So werden die Themen, die in den Nachrichten statistisch aufbereitet werden, auch abseits der aktuellen Unwettergebiete wieder zu einer persönlichen Angelegenheit und finden auf dem eigenen Sofa statt, auf dem man an einem Nachmittag im Sommer alles von sich wirft und vergeblich Kühlung sucht.

Die Stadt Hamburg veröffentlichte, ich sah es dieser Tage, eine neue Karte mit „Kühlen Orten“. Es werden auch wieder die üblichen Verhaltensempfehlungen für Hitzetage gepostet. Man wird in den nächsten Jahren sicher mehr davon sehen, in allen Städten.

Und wer weiß, vielleicht steht irgendwann unter einem der Texte hier, aus welcher angenehm temperierten U-Bahnstation ich ihn gesendet habe. Empfohlen wird von der Stadt die Station am Jungfernstieg, aber die in der Hafencity sind noch kühler, meine ich zu wissen.

Vielleicht noch einmal vergleichen. Man will kein Prepper sein, aber doch irgendwie vorbereitet.

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Bananen wachsen wie Unkraut

Die Kaltmamsell hat wahlgeholfen, hier ihr Bericht. In dern Kommentaren dort auch Erklärungen zur Frage, warum beim Wählen oft kein Ausweis vorgezeigt werden muss, darüber haben wir hier auch nachgedacht.

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Das Thema Klimawandel ist nennenswert zu groß für mich. Und vermutlich ist es das auch für Sie, für wen sollte es das nicht sein, es geht immerhin um alles. Ich werde mich hier weiter eher mit den kleinen Aspekten beschäftigen. Also etwa mit dem, was ich davon sehen und erleben kann, im Garten, in der Stadt, vor der Haustür. Auch vor meiner virtuellen Haustür, in den Blogs und in meinen Timelines und Newslettern.

Ich verstehe, aber das gehört hier gerade gar nicht in diesen Text, pardon, übrigens immer noch nicht, warum irgendwer Newsletter schreibt. Statt einfach zu bloggen. Ich kann es mir bis heute nicht sinnvoll deuten, bestreite energisch alle Notwendigkeiten, sehe keine Vorteile und nehme es allen Beteiligten tendenziell übel. Aber egal.

Wo war ich. Ab und zu auch das Thema Klimawandel noch medial unterfüttern, wenn ich auf Interessantes stoße, zu dem ich mir einen Bezug, eine Ableitung denken kann. Ab und zu doch etwas aus den großen Medien verlinken.

Obwohl ich es definitiv nicht schaffe, auch gar nicht mehr schaffen will, mir jeden Tag sämtliche Berichte zum großen Drama und zu neuen Erkenntnissen und Schrecken anzutun. All die apokalyptischen Analysen, so berechtig sie auch sein mögen, ich zweifele da nicht. Aber es hilft mir nicht mehr weiter, es nützt mir im Alltag nichts und ist meiner Stimmung nicht dienlich. Man muss trotz allem durch die Tage kommen. Ohne minütlich die Hände zu ringen, ohne Heulen und Zähneklappern, und es scheint mir eine immer größer werdende Aufgabe zu sein, die jeweils angemessene und aushaltbare Dosis an Wirklichkeit für sich zu definieren und zuzulassen. Einen Bezug zu den Wahlen am Sonntag kann man sich an dieser Stelle leicht ergänzend denken, die Gesamtsituation als einzige Zumutung.

Aber hier, das etwa fand ich gerade interessant, eine Radiosendung über den Anbau von Oliven und anderen Gewächsen, die man bisher südlicher verortet hat, in Österreich: „Die Bananen wachsen wie Unkraut.“ Der ökonomische Aspekt ist mir dabei egal, ist vielleicht nur ein weiteres Teilstück des allgemeinen Wahns, aber die bloße Tatsache, dass da Olivenbäume in der Landschaft herumstehen … da kann man doch gedanklich einen Moment verweilen.

Schrebergärtnerinnen und auch Menschen mit Vorgärten können dabei vermutlich aus dem Stand anlegen, was sie in den letzten Jahren oder mittlerweile Jahrzehnten schon alles Erstaunliches durch die milder werdenden Winter gebracht haben. Was bereits alles ging, was in einem variabel definierten Früher nie ging. Und was alles nicht mehr ging, etwa durch die Dürrejahre, durch den Starkregen, was da eben mehr zutraf, das natürlich auch.

Die kindlich neugierig wirkende Frage: „Was wächst denn da“, sie ist längst politisch, sie ist ein aktuelles Nachrichtenthema. Noch während ich diesen Text schreibe, ich sehe es beim wie immer allzu leicht abgelenkten Herumklicken, erscheint drüben bei der Tagesschau: Wie wird der Garten klimafest. So fügt es sich, und man denkt doch wieder mitten im Thementrend herum.

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Dennoch

Am Sonntag haben wir das erste Mal einen Sohn zum Wählen geweckt. Geschichte findet auch in Familien statt und ich begrüße das demokratische Teilnehmen ab 16.

Auch wenn ich es mehr als erstaunlich finde, wie leicht es die anderen Parteien den Rechten gemacht haben, bei denen (also bei den jungen Wählerinnen gesamt, nicht speziell bei meinen Söhnen) massiv Einfluss zu gewinnen. Ein mich immer noch verblüffender Umstand, wie unfassbar schlecht die Kommunikationsstrategien in meiner politischen Ausrichtung im weitesten Sinne sind. Wie durchweg unfähig die Beteiligten, wie hilflos und stümperhaft.

Das ist einer der Umstände, für die ich keine mir schlüssig vorkommende Erklärung finde. Warum ist das so? Was wirkt denn da? Ich hätte dafür gerne eine brauchbare Privattheorie, warum Rechte das offensichtlich besser können, ich habe sie nicht.

Direkt anschließen kann ich mein unentwegtes Staunen über die Zielsicherheit, mit der die Medien, mittlerweile fast sämtliche Medien, an ihrer Abschaffung oder zumindest an der Weiterführung in die Bedeutungs- und Niveaulosigkeit weiterarbeiten. Aber das haben andere nun ausreichend dargelegt und auch unterfüttert, immer wieder. Ich kann da nichts Originelles mehr anlegen und es ist auch egal. In den nächsten Wochen werden in den Talkshows noch mehr Nazis sitzen und sich noch gelassener ausbreiten, werden auf den Titelseiten noch mehr Fragen gestellt werden, die rechte Positionen schon ohne die Antwort stärken. Das damalige (2018 war es) „Oder soll man es lassen?“, manche werden sich noch daran erinnern, es wirkt fort und fort und gärt immer weiter.

Man kann das alles ohne Glaskugel zielsicher vorhersagen und es scheint kein probates Gegenmittel zu geben.

Zu den Ergebnissen der EU-Wahlen weiß ich ansonsten nichts Geistreiches zu sagen, mir ist auch nach den elenden Balkendiagrammen in den News noch zu schlecht, um mich damit länger zu befassen.

Dan Gardner schreibt gerade über moralischen Fortschritt:

Progress is possible: That’s a modest conclusion, in a sense, but also one of immense importance — particularly at a time when so many talk as if the elevator can only go down.”

Dein Wort im Gottes Ohr, möchte man zweifelnd drunter schreiben.

Wobei ich gerade abends reihenweise Filme aus den Siebzigern sehe, alte französische Filme, und wenn man die sieht und über die abgebildeten sozialen Probleme nachdenkt, an denen sich etwa Claude Chabrol damals Film um Film abgearbeitet hat, wird man Dan Gardner widerstrebend und zumindest teilweise Recht geben müssen. Trotz des aktuellen Rückschritts.

Aber meine Laune, ganz komisch, hebt das nicht. Dieser Rückschritt gerade ist mir einer zu viel.

Das haben geschichtlich gesehen vermutlich alle Betroffenen stets so gesehen. Quer durch die Jahrhunderte und bei sämtlichen Rückschritten, an denen die Historie nicht eben arm ist. Es gibt Phasen, da ist Optimismus etwas viel verlangt – vielleicht denkt es fast jede Generation irgendwann.

Und dann macht man eben dennoch weiter. Wie immer, wie alle vor uns. Man kann das nachlesen, so war es stets.

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Kurze Auftritte, Kreidekreise und Kreuze

Ich habe einen größeren Teil des Sonnabends damit verbracht, mir eine neue Playlist nur mit Soundtracks zusammenzustellen. Die Radiosendung über Truffaut neulich wirkt immer noch fort bei mir. Hauptsächlich Stücke aus französischen und italienischen Filmen der 50er, 60er und 70er habe ich da gesammelt, wenige Ausnahmen. Die Musik irgendwo zwischen Jazz und Swing, mit vereinzelten, dezenten Anklängen von Funk auch, dazu viel Cocktail-Lounge und Easy-Listening. Es ist Spaziergangsmusik, andere würden bei einigen Stücken sicher auch von Fahrstuhlmusik reden.

Die Spiegelungen in den großen Schaufenstern werden mit Filmmusikschnipseln manchmal ein wenig interessanter. Ach guck, diese Figur wieder, die kenne ich doch von zuhause. Hier spielt er jetzt also auch mit. Na, immerhin ein kurzer Auftritt, das haben andere Regisseure bekanntlich auch so gemacht. Und dann in genau zum Takt passender Geschwindigkeit aus dem Bild gehen, wenigstens seinen eigenen Abgang gut und stimmig finden. Self-Care für Anfänger.


Ansonsten habe ich noch Schlaf nachgeholt, auch tagsüber, und vergleichsweise hemmungslos. Es bestand weiterer Bedarf.

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Im kleinen Bahnhofsviertel war jemand fleißig und hat alle Stolpersteine, von denen es hier nicht eben wenige gibt, einige neue wurden auch gerade erst gesetzt, mit Kreide umkreist und in bunten Farben jeweils groß „FUCK AFD“ danebengeschrieben. Er oder sie wird damit eine Weile beschäftigt gewesen sein.

Gleichzeitig klebt ein anderer Mensch bedruckte Zettel an Stromkästen, auf denen Pamphlete gegen die „linke Ampeldiktatur“ stehen, die Schuld „an Mannheim“ hat. Und es wird auch weiter und täglich gegen Israel und auch gegen die Hamas geklebt und gesprüht und geschrieben und, wenn es denn genehmigt wird, auch demonstriert.

Die urbanen Meinungsäußerungen der öffentlichen Art werden hier gerade schärfer und öfter, direkt neben den Wahlplakaten, die allerdings durchweg vergleichsweise inhaltsarm daherkommen. Was vielleicht auch einiges erklärt, wenn man lange genug darüber nachdenkt.

Dann eine Demo am Hauptbahnhof, jemand schreit, brüllt und tobt in ein Megaphon, aggressiv, fordernd, aufrührend. Wir verstehen kein Wort. Es ist zwar laut, und der Wind trägt die Parolen bis zu unserem Haus und zur offenen Balkontür herein, aber die Satzfetzen kommen unklar und wie verwirbelt hier an. Ich bin nicht einmal sicher, welche Sprache das da ist, eventuell sind es auch mehrere. Nach einer friedlichen Veranstaltung, so viel steht fest, klingt es eher nicht.

Am Tag davor gab es noch einmal eine große Demo gegen Rechtsextremismus, bei der ich allerdings die Ankündigung verpasst habe. Wenn man nicht dauernd aufpasst! Alles Politische hier ist im Moment etwas anstrengend.

Zur Wahl zu gehen allerdings, das wiederum ist leicht. Elf Kreuze sind zu machen, denn in Hamburg sind auch Bezirksversammlungswahlen, und elf Kreuze, das kann man schaffen. Den Rest des Tages habe ich dann frei. Okay.

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Bloggen im Lebenskreis, Kaurismäki, Kafka, Goodman

Hier einige Links bei Ligneclair, ich mochte besonders den ersten.

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Die Kaltmamsell schreibt im unteren Teil des Textes über das Bloggen im Lebenskreis. Siehe in dem Zusammenhang aber auch hier, es passt gerade.

Zu den beiden Fragen, welche die Kaltmamsell in den letzten Sätzen ihres Textes aufwirft, möchte ich zweimal ein deutliches Ja schätzen. Dummerweise werden wir die Auflösung dann aber nicht oder kaum noch erleben, dieses Rechthaben werde ich also eher verpassen. Etwas schade ist es schon, denn ich habe ab und zu gerne mal Recht. Wie wir alle, nehme ich an.

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Gesehen (bei Filmfriend, aber auch anderweitig bei mehreren Streamingdiensten verfügbar):  Die andere Seite der Hoffnung, das ist Aki Kaurismäkis Film über die Geschichte eines Flüchtlings aus Syrien in Finnland, aus dem Jahr 2017. Hier ist die Wikipedia-Seite dazu, hier gibt es eine längere Rezension im Spiegel und hier noch eine im Tagesspiegel.

Ich fand den Film schwer auszuhalten, und zwar im besten Sinne. Er war mitnehmend und fordernd, ich hatte, wie nennt man das, geradezu seelische Mühe, mir das anzusehen. Ein beeindruckender Film, ich fand ihn auch bestens besetzt, eine Empfehlung von mir. Das wird dann allerdings kein besonders lustiger Filmabend, obwohl auch die aus früheren Filmen bekannten Kaurismäki-Elemente und die vertraute Optik darin selbstverständlich enthalten sind, sogar sehr gelungen sind

Der folgende Trailer hebt eher auf die witzigen Momente des Films ab, sie lockten sicher mehr Interessierte in die Kinos. Das wird der ganzen Länge allerdings nicht gerecht, finde ich. Für mich war es eine eher ernste Angelegenheit, keine Komödie.

Aber gut, vielleicht liegt es wieder nur an mir und an meiner Art der Wahrnehmung. Das muss man immer in Betracht ziehen, bei allem Kunstgenuss.


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Gehört: Eine Folge Radiowissen über das Schloss von Kafka. Sie ist auch dann noch hörenswert, wenn man schon einiges oder auch vieles über den Roman weiß. Für mich war Interessantes dabei und das Schloss ist definitiv mein Kafka-Text der Wahl.

Ebenfalls gehört: Diese Folge über Benny Goodman, den man auch einmal wieder in Ruhe hören könnte, für mehr Swing in der Stimmung. Da hatte ich doch vor Jahren einmal dieses fantastische Video mit Peggy Lee, dämmert mir soeben, was war es denn noch gleich – dieses hier. Wun-der-bar.

 

In den Kommentaren bei Youtube steht, Peggy Lee sei bei dieser Aufnahme erst 22 Jahre alt gewesen, man wundert sich dort über ihr souveränes Auftreten. Das ist oft schön bei Youtube, gerade bei alter Musik, dass man in den Kommentaren mit Fachwissen und Nerd-Ergänzungen aller Art zugeworfen wird. Ich lese das gerne nach.

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Eine weitere Belehrung

Beim Haltungsturner geht es um den schwieriger gewordenen Umgang mit Medien, ich kann das Geschilderte weitgehend teilen.

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Gelesen: Wiederum ein Buch, das mich zufällig per öffentlichem Bücherschrank erreichte, ein Fundstück. Vor Jahren habe ich es schon einmal angefangen, dann damals aus unklaren und längst vergessenen Gründen nicht beendet. Jetzt aber gerne durchgelesen: „Auf der Mântuleasa-Straße“, von Mircea Eliade. Deutsch von Edith Horowitz-Silbermann, ein altes Suhrkamp-Buch.

Eine Geschichte über das Erzählen von Geschichten ist es, ein Anklang an Tausendundeine Nacht. “Da muss ich weit ausholen“, sagte er, und während ich dieses Buch lese, könnte ich wieder endlos über den merkwürdigen Mechanismus und Zauber des Erzählens nachdenken. Ein Thema, in dem man sich jederzeit verlieren kann.

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Als ob die Herzdame und ich überhaupt noch einer weiteren Belehrung zum Zusammenhang zwischen Pubertät und Entspannung bedürftig gewesen wären, setzten sich die unlängst erwähnten, phasenbedingten Dramen nächtlich fort und ich, nein wir, also mindestens drei in dieser Familie, schliefen wiederum nicht. Oder doch nur ein, zwei Stunden. Und zwei Stunden, so viel steht fest und ist erwiesen, reichen mir nicht mehr aus.

Der Typ neben mir, das bin ich, denke ich, während ich am frühen Morgen seltsam verloren irgendwo in der Wohnung stehe und angestrengt versuche, mich daran zu erinnern, wer ich bin, was ich morgens normalerweise so mache und ob ich vielleicht einen Beruf habe.

Es ist für mich eines der Rätsel des Lebens, warum sich schlaflose Nächte fast zwingend reihen müssen. Wochen- oder sogar monatelang schläft man friedlich und besinnlich durch, man hat wunderbar laufende Alltagsroutinen in der ordentlichsten, in der geradezu spießigsten Ausprägung – und dann zack, Vorfall1, Vorfall2, Vorfall3, Vorfall4.

Das Drehbuchautorenteam des Lebens hat einen Knaller-Einfall nach dem anderen und amüsiert sich vermutlich prächtig. Man hört sie im Hintergrund lachen, die ganze Bande.

Und man liegt als sich unangenehm wehrlos fühlende Figur in diesem Drehbuch nachts wach und staunt und begreift es nicht, was da geschieht. Man möchte schon morgens um 7 mit aller Dringlichkeit wieder ins Bett gehen und sich intensiv dem Ergänzungsschlaf und der Migränevermeidung widmen. Zu einer Zeit also, zu der die Welt doch bekanntlich noch in Ordnung sein müsste, selbst in Familien.

Das war in meiner Wahrnehmung schon immer so, diese Reihungen wiederholen sich verlässlich durch die Jahrzehnte. Bestimmt aber ist es schon so, seit wir Kinder haben. Was unserer Wahrnehmung von „schon immer“ mittlerweile entspricht. Es kommt mir einigermaßen unwahrscheinlich vor, einmal nicht Vater gewesen zu sein. Wann soll das gewesen sein, war ich da selbst noch Kind oder was.

Man denkt nach solchen Nächten manchmal wie auf Drogen, merke ich, und schön ist der Trip nicht unbedingt.

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Beim Verlassen des Hauses dann immerhin ein kleiner Shuffle-Erfolg, der algorithmische Zufall spielt mir Musik von Billy May vor, und zwar das Thema vom „Odd Couple“:


Das ist Musik, stelle ich fest, die hervorragend passt, wenn man an einem etwas seltsamen Morgen in eher diffuser Gefühlslage aus dem Haus geht. Bestens geeignet für den Beginn eines Tages, an dem, wer weiß, wieder zu viel passieren wird.

Und es ist Musik, die den Freunden von „Friends“ bekannt vorkommen dürfte:


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Mann mit Koffer

Im Hamburger Hautbahnhof gibt es eine Kunstinstallation von Christel und Laura Lechner, hier einige Bilder und Erläuterungen dazu (leider eventuell längere Ladezeit), und hier noch die Seite der Künstlerinnen.

Der Mann mit Koffer, Sie sehen ihn auf der erstverlinkten Seite, das zweite Bild von oben in der rechten Randspalte, steht neben einer Rolltreppe im endlosen Strom der Reisenden und irritiert die Menschen, die an ihm vorbeigehen. Weil er so normal aussieht, nehme ich an, weil er auch nicht erklärt wird. Neben ihm steht kein Schild, wie man es in einer Ausstellung erwartet.

Weil man also nicht sofort weiß, was der da nun soll. Was macht der da, warum steht der da. Machen wir ein Selfie mit ihm, ist das cool oder nicht. Immer eine besonders wichtige Frage, in diesen Zeiten. Ist er am Ende Werbung für irgendwas? Dann wäre man darauf hereingefallen, das möchte man nicht. Dann wäre das Selfie am Ende noch peinlich.

Ist er Kunst, also richtige Kunst, ist er Kunstkunst? Ist er Werbung für Kunst? Hier ist doch die Kunsthalle irgendwo in der Nähe, das könnte passen, vielleicht ist da gerade eine Ausstellung mit solchen Skulpturen.

Und ist der gut, der Mann mit dem Koffer, also gut als Kunst? Der ist schon gut, oder? Der ist doch gut gemacht? Ist der auch von dem Dings mit den anderen Figuren, dem Balkenhol? Hieß der so? Da kennt sich jemand aus.

Und auch die vorbeikommenden Kinder fragen: „Mama, was ist das?“ „Das ist, äh, na, so eine Figur.“

Ich lungere manchmal neben diesem Mann mit dem Koffer herum. Alles, was im Bahnhof besonders ist, füllt mein Notizbuch. Ich sehe den Menschen zu, die ihn ansehen. Ich höre mir ihre Gesprächsfetzen an und ich sehe, wie Kunst wirkt, wie dieses Objekt wirkt. Nur wenigen Passanten fallen die anderen Figuren auf, die in der Höhe auf dem Geländer über dem Mann mit dem Koffer sitzen, von Tauben umflogen und entspannt wie Touristen auf der Promenade eines Kurortes in den Bahnhof sehend.

Dafür müsste man erst nach oben sehen, um über diese Figuren auch noch zu staunen. Sie sind durch ihre Platzierung eher beiläufige Kunst, die man leicht übersehen kann. Aber die, die sie entdecken, die freuen sich dann doch und zeigen sie vielleicht auch anderen: „Gucken Sie mal! Da oben!“ Und dann aber schnell die Handys raus und Bilder gemacht und gleich verschickt. Dass die anderen sich mitwundern sollen.

Dann kommt da einer durch die Wandelhalle, der sieht aus wie der Mann mit dem Koffer, aber er lebt, er ist echt. Er hat fast genau diesen leichten Mantel an, er hat auch diese blaue Hose an. Die Kombination ist nicht selten, das ist klar, so laufen viele herum. Er hat aber dazu noch diese Statur, er hat auch diese Frisur, und er hat einen Koffer in der richtigen Farbe. Der sieht etwas moderner aus als der Koffer neben der Figur, und er wird natürlich gerollt. Kein Mensch hat mehr Koffer, die nur einen Tragegriff haben.

Er ist also kein Zwilling der Kunstfigur, er hat aber doch Ähnlichkeit auf den ersten Blick. Gerade so viel Ähnlichkeit hat er, dass man es ein wenig verblüffend finden kann. Mehr dann nicht, beim dritten Blick verliert es sich wieder etwas.

Der steht das jetzt also vor mir und staunt ebenfalls über diese Figur, er nimmt die Ähnlichkeit sicher wahr. Er steht davor und lacht. Dann legt er dem Standbild einen Arm über die Schulter. Er hält seinen Kopf an den Kopf des anderen, eine merkwürdig innige Geste. Nicht für ein Selfie macht er das, und nicht für ein Foto. Er bittet niemanden darum, sie beide so aufzunehmen. Er macht es nur für diesen Moment mit seinem Kunstbruder, so wirkt es. Und kurz sehen die beiden tatsächlich verwandt aus. Wie Geschwister, die sich lange nicht gesehen haben, die sich im Bahnhof treffen, nach längeren Reisen, vielleicht nach Jahren. Die sich dabei einmal drücken. Wortlos, aber intensiv.

Dann löst sich der Mann wieder von der Figur und geht breit grinsend weiter. Wenn ich es richtig sehe, geht er nicht ganz gerade. Er schlingert dezent, er ist vielleicht ein wenig betrunken. Nicht zu sehr, er schafft seinen Weg sicher noch. Aber er hatte womöglich doch schon zwei, drei Bier oder etwas in der Art. In einem Ausschank in der Wandelhalle vielleicht, wo manche nach Feierabend schnell etwas herunterstürzen, „weil das Leben ist ja hart genug“, um noch eben auch in diesem Text eine Songzeile anzubringen.

Es ist warm heute, da wirken drei Bier zügig und die Wirklichkeit verschiebt sich vielleicht ein wenig. Das kann sein, und wir kennen das auch. Sie verschiebt sich ein kleines Stück weit, bis man seinen Kunstbruder, von dessen Existenz man bis eben noch nichts wusste, leibhaftig vor sich sieht. Da steht er auf einmal neben der Rolltreppe, guck an, ist es zu glauben.

Da kann man einmal kurz innehalten und die Köpfe zusammenstecken, ich verstehe das gut. Ich kann das auch nachvollziehen. Und die zwei, drei Menschen neben mir, die dieses seltsame Paar gerade heimlich fotografiert haben, die verstehen das vielleicht auf die gleiche Weise wie ich, das mag sein.

Ich gehe nach Hause und lese jetzt doch einmal nach, was es mit diesen Figuren im Bahnhof auf sich hat. Das hatte ich bis eben noch nicht gemacht, das habe ich immer wieder vergessen.

Okay. Wissen wir das jetzt auch.

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Stimmig und sinnig

Ich habe weiter im schon vermerkten Camus gelesen, ich habe auch noch etwas über das Buch gelesen. Ich habe dann noch ein wenig über das Leben und Sterben von Camus gelesen. Er ist mir als Schullektüre damals nicht begegnet, er ist aber wohl noch gängig an den Schulen. Und seine „Pest“ habe ich auch nicht pflichtgemäß während der Coronajahre gelesen, wie es viele andere getan haben. Ich sah es in jener Zeit mehrfach in den Timelines und auch in den Feuilletons.

Zwischendurch habe ich beim Kochen alte Musik zu den Filmen von Jacques Tati gehört. Ich beschäftige mich nach der langen Truffaut-Sendung neulich immer noch mit Soundtracks, und nein, es passte beides überhaupt nicht zusammen. Musik und Buch ergänzten sich nicht. Also abgesehen vom gemeinsamen Kulturraum der beiden. Widersprüche aushalten, ne. Oder nein, eher das Absurde aushalten, wenn man schon bei Camus ist. Und zum Absurden, fällt mir auf, passt der Tati dann doch auch.

Sehen Sie, man muss es sich alles nur einen Moment lang zurecht denken, schon wird es alles stimmig und sinnig, schon fügt es sich schnell. Faszinierend.

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Die plattdeutschen Wörter des Jahres sind auch gefunden, sie heißen Tauversicht (Zuversicht) und düstersinnig (trübsinnig, depressiv), und sie scheinen sich zu widersprechen. Man kann sie sich zumindest in einer Gleichzeitigkeit kaum vorstellen. Düstersinnig merken wir uns lieber für den November vor, das legen wir dann ans Dunkeltuten an und basteln uns einen ausgeprägt norddeutschen Herbst.

Mit der Tauversicht weiß ich gerade nicht recht, wo stecke ich sie hin, was mache ich mit der. Und habe ich die, kenne ich die näher.

Was würde dazu gehören, die zu empfinden. Es wäre sicher eine schöne Frage für ein Wort zum Sonntag, das dann mal zehn Minuten vor der Gemeinde erörtern. Wobei religiöse Menschen da einen unfairen Vorteil haben, wie mir scheinen will, aber das ist ein anderes Thema.

Am besten ist es, den allzu großen Begriff auf Teilbereiche zu beschränken, dann wird er für alle erlebbar, auch in schwierigen Zeiten. Ich bin zuversichtlich, dass die nächste Woche auch vorbeigeht, ik bün tauversichtig, dat de nächste Weken ook vörbigeiht. So etwas. Das geht doch, darauf wird man sich einigen können und wir haben die Tauversicht sinnig untergebracht.

Die plattdeutsche Redenwendung des Jahres wurde ebenfalls gewählt, sie lautet „Wecker rieden will, de möt ierst rup up ´t Pierd.“ Wenn Sie nicht aus dem Norden stammen, wird das vielleicht schon etwas nach Fremdsprache klingen, kann ich mir vorstellen. Wer reiten will, muss erst einmal rauf aufs Pferd.

Mit der Anweisung „Rup up ´t Pierd!“ könnte ich von jetzt an jeden Morgen die morgens eher dezidiert unwilligen Söhne wecken. Eine schöne Anregung ist das, und dann wird diese Wendung den beiden langschlafenden Sportsfreunden wie von selbst zum plattdeutschen Boomer-Ausdruck des Jahres.

Hier noch eben die vollständige Meldung zum plattdeutschenThema vom Fritz-Reuter-Literaturmuseum, und der Sportsfreund bezog sich hierauf.

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