Dialog am Nachmittag

#hamburg #stpauli

Sohn I: „Papa, diese Schlösser mit den Namen drauf und den Herzen und so…“

Ich: „Ja?“

Sohn I: „Die sind alle von Leuten aufgehängt worden, ja?“

Ich: „Ja, natürlich.“

Sohn I: „Und die sind alle verliebt oder was?“

Ich: „Ja,. Oder sie waren es mal.“

Sohn I: „Das ist ja die Seuche.“

Kunst kommt von Können

Den Satz haben wir alle schon gehört: “Kunst kommt von Können”.  Weil man etwas trainieren muss, bevor man produzieren kann. Weil Übung den Meister macht, weil Hänschen was lernen muss, damit Hans etwas kann usw. Wenn man als Erwachsener zeichnen soll und nicht gerade Künstler ist, dann glaubt man den Satz sofort. Denn was bekommt man schon hin? Fehlgestaltete Tiere mit grauenvollen Proportionen, peinlich dumme Gesichter, eher Fratzen als Porträts. Man muss wirklich viel, viel üben, bevor man etwas so zeichnen  kann, das man es selbst als Kunst durchgehen lassen würde.

Sohn II, das fiel mir neulich auf, malt bisher nicht oder nur selten. Ich habe überlegt und mir fiel nicht ein, wann das Kind jemals vor meinen Augen gemalt hätte. Aber wo gibt es denn so etwas? Nichtmalende Kinder? Haben wir da in der Erziehung etwas vergessen? Beim zweiten Kind nimmt man nicht mehr alles so genau, da passieren schon einmal Fehler. Ich habe ihm sofort Papier und Stift hingelegt und auffordernd geguckt. Er hat den Stift genommen, eine Weile das leere Blatt betrachtet und dann zwei dünne Striche produziert. Krakelig, unsicher und abgebrochen.  Zwei verlorene Kinderlinien, ganz nah am Rand des Blattes. Er guckte lange und nachdenklich auf seine kaum sichtbaren Striche.

Das tat mir leid, man kann so etwas als Vater kaum mitansehen. Vielleicht sollten die beiden Striche ein Mensch werden, ein Baum, ein Hund, ein Haus? Es ist so unendlich schwer, den Impuls der Gedanken in adäquate Bewegungen der Hand umzusetzen. Es dauert so lange, bis man etwas kann und der Wunsch danach ist so groß. Das ist doch furchtbar. Dachte ich.

Bis der Sohn den Stift weglegte und mir mit einem letzten Blick aufs Blatt beiläufig mitteilte: “Papa, ich könnte eigentlich auch Maler werden. Kunst kann ich jetzt ja. “

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Gelesen, vorgelesen, gesehen, gespielt und gehört im Februar

Gelesen
Posch

 

Alexander Posch: Sie nennen es Nichtstun. Ein Hausmann schreibt über das Leben mit Kindern und ohne klassischen Beruf im spektakulär langweiligen Hamburger Stadtteil Rahlstedt. Um Rahlstedt den Nichthamburgern kurz zu erklären – ich bin hundertprozentig sicher, schon einmal dagewesen zu sein, kann mich aber beim besten Willen an nichts erinnern. Das reicht als Beschreibung. Dort lebt ein Vater, versorgt die Kinder, starrt auf rätselhafte Nachbarn, wartet auf die Mutter, die abends vom Job zurückkommt. Und er wird genau so wahnsinnig, wie es alle Hausfrauen und Mütter vor ihm geworden sind, auch wenn die männliche Variante des Wahns in den Details etwas anders ausfällt. Flüchtet sich in Phantasien, schwarzen Humor und Depressionen, liebt und verflucht die Kinder, weiß keinen Ausweg und sucht das richtige Leben im falschen. Komisch und bitter. Alexander Posch ist auf der nächsten Lesung in unserer kleinen Reihe, siehe hier.

 Istrati

Panait Istrati: Kyra Kyralina. Deutsch von O.R. Sylvester. Es ist eine gute Zeit, sich an den rumänischen Beitrag zur Weltliteratur zu erinnern, fand ich, auch wenn die Bücher in der französischen Sprache geschrieben wurden. Einer der großen Erzähler Europas, er wird wohl kaum noch gelesen. Schade, denn es sind große Geschichten, die da erzählt werden. Aus einem südosteuropäischen Märchenland, das man sich heute kaum noch vorstellen kann. “Orientbunte Prosagirlanden” hat das der Spiegel einmal genannt. Passt schon.

Albert Algoud: Hunderttausend Höllenhunde – Haddocks Einmaleins des Fluchens. Übersetzt und bearbeitet von Marcel le Comte. Sämtliche Flüche aus allen Abenteuern von Tim und Struppi lexikalisch aufbereitet und umfassend erklärt. Das ist grandios, Ihr Anthropopitheken, Ihr Faschingsmussolinis, Ihr Rollschwanzaffen! Ein quasi unentbehrliches Nachschlagewerk, gehört in jeden Haushalt. Hagel und Granaten!

Kurt Tucholsky. Im Laufe des Monats ein paar Mal ins Regal gegriffen und kreuz und quer im Tucholsky gelesen und oft hängengeblieben. Er war dann doch einer der Besten, nicht wahr?

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums. Lese ich gerade wieder in der E-Book-Version in öden Wartesituationen, etwa beim Arzt etc. Macht einen nicht dümmer.

Vorgelesen

Jakob Martin Strid: Die unglaubliche Geschichte von der Riesenbirne. Deutsch von Sigrid C. Engeler. Das ist ein großer Spaß, sowohl im Text als auch in den Bildern. Detailreiche, großflächige Bilder, eine schön verrückte Erzählung, die Kinder ab 4 verstehen können. Das Buch ist lang, dick und groß, das gefällt hier jedem. Es gibt noch mehr Bücher von ihm, die wollen wir auch haben.

Cornelia Funke/Kerstin Meyer: Emma und der blaue Dschinn. Das Buch lag in einem Karton voller Kinderbücher, den jemand an die Straße gestellt hatte, mit einem Schild: “Zu verschenken”. Sohn I hat es mitgenommen und wollte es sofort vorgelesen haben, gefundene Bücher haben immer einen ganz eigenen Zauber. Gute Kinderbüche irgendwo auszusetzen ist wirklich eine ziemlich gute Idee. Emma findet eine Flasche am Strand, an dem sie nachts alleine spazieren geht, sie ist nämlich ziemlich mutig und außerdem genervt, weil sie zuhause vier Brüder hat. Da braucht man einmal Ruhe. In der Flasche, die sie im Meer entdeckt, ist ein Dschinn eingesperrt. Ein ziemlich kleiner Dschinn, der nicht einmal Wünsche erfüllen kann, das ist natürlich ein wenig enttäuschend. Emma fliegt mit ihm in den Orient, um die Sache mit seiner Wunschkraft zu regeln. Fliegen kann er immerhin, ein in dieser Hinsicht praktischer Teppich lag bei. Das geht also gut und spannend los, Sohn I ist auch tatsächlich begeistert.

Gespielt

Nichts. Der Februar war ein Stress-Monat, da war keine Zeit für Spielerei und Freizeit . Na, oder doch. Man kann es eigentlich nicht als Spiel bezeichnen, aber ich habe mit Sohn I viel Zeit mit Instagram verbracht, das war neu. Er findet es so toll, dort per Doppelkick Herzchen für gute Bilder zu vergeben – aber da er das in meinem Account macht, werden die Herzchen natürlich nur vergeben, wenn wir uns darauf einigen können, welches Bild toll ist. Das ist spannend, weil man dabei über Ästhetik reden muss, über Geschmack, Sonnenuntergänge, Katzenbilder und debile Selfies blonder Busenwunder. Was ist warum toll? Ist eine einsame Straße in grandios gewählter Perspektive und gediegener Farbgebung ein Kunstwerk im Kleinquadrat – oder doch nur ein langweiliger Straßenschnappschuss? Wieso nimmt überhaupt jemand eine leere Straße oder einen Platz auf? Was nimmt Papa eigentlich auf? Und schon sind ein paar Stunden vorbei und das Kind schläft wieder viel zu spät. Schlimm.
Sohn II versteht die Diskussion übrigens noch nicht. Für ihn sind Katzenbilder ebenso schön wie sinnvoll, der ganze Rest ist aber vollkommen entbehrlich. That was easy.

#hamburg #stgeorg

Gesehen

The Paradise. Eine BBC-Serie über ein Kaufhaus aus der Zeit, als es die ersten Kaufhäuser und die ersten Self-Made-Men gab, die man als Vorläufer der heutigen Manager betrachten kann. Die ersten Adeligen, die ihren sinkenden Stern bemerkten. Angelehnt an Zolas Roman “Paradies der Damen”, ich weiß nicht, wie eng, ich habe den Roman nicht gelesen, obwohl er hier im Regal steht, wie ich gerade sehe. Ah doch, ich weiß warum ich das nie gelesen habe, das ist auf einem sehr groben, holzhaltigen Papier gedruckt, gegen das ich amüsanterweise allergisch bin. Dergestalt, dass mir beim Lesen die Hände bluten, weil die Haut aufspringt, das ist ein spaßiger Effekt, der in meiner Antiquariatszeit damals ein klein wenig gestört hat, wie man sich vorstellen kann. Ich bin ein lebender Detektor für billiges Papier, besonders schlimm ist es bei älteren Druckerzeugnissen aus der DDR. Die Fernseh-Serie jedenfalls ist wunderschön dekoriert, ansprechende Damenmode und hübsche Schlösser mit herrlich grantigen Alt-Adeligen, so weit so schön, ich fand allerdings die Handlung beim besten Willen nicht auszuhalten und habe nur zwei Folgen geschafft.

Gehört

Kreuz und quer und ganz vieles aus allen möglichen Richtungen, nirgendwo hängen geblieben. Typisch Februar, da grummele ich mich so durch und warte auf den März. Zuverlässig die Laune gehoben hat einzig das Paul-Kuhn-Trio mit “Unforgettable Golden Jazz Classics.” Besonders die superbe Aufnahme von “I love Paris”, die nach dem zehnten Hören immer noch besser wird, wenn man schließlich jeden Anschlag präzise vorhersagen kann. Das ist sehr “fertiger Jazz”.

 

 

Kurz und klein

Hochgucken, Tag 3

Ich fahre gar nicht jeden Tag mit der S-Bahn zur Arbeit, ich gehe meistens zu Fuß. Nur wenn es regnet oder ich es sehr eilig habe, steige ich in die Bahn und fahre dann auch nur eine Station, das ist wirklich nicht viel um Material für diese Rubrik zu sammeln. Ich setze mich in der Bahn nicht einmal hin.

Aber manchmal reicht es eben doch. Ich stehe an der Tür der Bahn, neben mir steht eine Frau, die außer Atem ist, weil sie gerade eben zur Bahn gerannt und durch die sich schon schließende Tür gesprungen ist. Als ob die nächste Bahn nicht in 2 Minuten käme, ich verstehe so etwas nicht. Die Frau jedenfalls ist gerannt und gut getan hat es ihr nicht, das ist nicht zu überhören, sie ringt nach Luft. Eine junge Frau, die könnte auch besser in Form sein, allerdings ist sie ohnehin angeschlagen. Nase gebrochen oder sonstwie lädiert, Verband und Pflaster darauf. Natürlich sehe ich da nur eine Sekunde hin, man starrt nicht in verletzte Gesichter, auch die Menschen neben mir sehen in alle möglichen Richtungen, nur nicht zu der Frau mit der vielleicht tatsächlich angeschlagenen Nase, wer weiß. Das eine Auge könnte blau gewesen sein, da war so ein Schatten, aber einen zweiten Blick vermeidet man natürlich lieber. Die Haare etwas strähnig, aber es ist vermutlich auch nicht ganz einfach, sie zu waschen, wenn man so eine Verletzung hat. Die Hose ein wenig kaputt am Knie, die Stiefel etwas dreckiger als in Büros üblich. Die Frau legt eine Hand an die Scheibe der Tür und sieht hinaus, wir fahren gerade über eine Brücke und ihr Blick geht über die Büroklotzlandschaft unter ihr. Um sie herum, das ist ein Zufall, stehen nur Männer, fast wie in einem inszenierten Halbkreis. Männer, die an ihr vorbeisehen, auf Displays oder auf den Boden. Büromänner in Anzügen unter Outdoorjacken. Es ist nur eine Sekunde, dieser Moment auf der Brücke, aber es ist eine Sekunde aus einem französischen Film. Ihre Amour fou ist in die Luft gegangen, die ganze wilde Liebesgeschichte ist nichts geworden, ein neuer Anfang bisher nur angedeutet, im Bereich des immerhin Möglichen. Die Frau ist eine bekannte Schauspielerin, ohne Pflaster und gestylt würde man sie sofort erkennen. Sie spielt die Unscheinbare und ist doch weit davon entfernt. Vor dem Fenster irgendein Vorort von Paris, eine trübe Angelegenheit mit unerfreulichen Umständen und grauen Figuren, aber die Fahrt geht in die Stadtmitte und da wird es dann schon weitergehen, es geht immer irgendwie weiter in französischen Filmen.

Kameraschwenk zu ihrer Hand, die den Schalter zum Öffnen der Tür drückt, mit einem ganz leichten Zittern, gerade eben zu erkennen. Melodramatischer Soundtrack von einer dieser Wisperfranzösinnen, komplizierter Text, versteht man eh nicht, aber so eingängige Melodie, dass das Stück im nächsten Jahr in einem Werbespot für eine Versicherung wieder auftauchen wird, in einem rührenden Clip für eine Lebensversicherung. Die Tür der S-Bahn geht auf.

Schnitt.

Woanders – diesmal mit anderen Eltern, der S-Bahn, Ritalin und anderem

Nichts ist schlimmer als andere Eltern. Alte Regel.

In Hamburg wird das “Zurückbleiben bidde” gestrichen. Ich mag den Grund sehr. Kann man ruhig ein wenig länger drüber nachdenken, das hat was.

Dafür bleiben die unruhigen Kinder in Hamburg schön sediert zurück.

Ein alleinerziehender Vater der besonderen Art.

Andere Leute haben interessante Berufe.

Bei Isa gab es eine Wohnzimmerlesung und ich habe dabei Bilder gemacht.

Und hier wieder ein Link, bei dem Autoren darunter schreiben möchten: das wissen wir alles schon lange. Schon sehr, sehr lange.

Und hier die Leistung des Tages. Dagegen haben Sie vermutlich gar nichts auf die Reihe bekommen. So im Vergleich.

Frau Novemberregen bastelt dispositiv und das dazugehörige Gespräch erinnert fatal an gewisse Diskussionen, die ich erleben, wenn ich beruflich Erwachsene schule.

Meike Winnemuth über Rosalinde. Ich glaube, ich möchte mal nach Spiekeroog. Außerdem habe ich mich schlimm in das Rosaline-Lied verliebt und es in den letzten zwei Tagen schon, äh, unfassbar oft gehört. Mannmannmann. Na, immerhin können die Söhne den Text jetzt. Und die Herzdame. Die Nachbarn frage ich lieber nicht.

Film: Sven zeigt Happiness. Macht gute Laune. Das sind viele Videos, aber bleiben Sie dran. Und bloß nicht Kiew auslassen!