Gelesen, vorgelesen, gesehen, gespielt und gehört im Januar

Im Januar habe ich eindeutig mehr vorgelesen als gelesen. Das liegt auch daran, dass mir die Auswahl der Kinderbücher in diesem Monat besonders viel Spaß gemacht hat. Und daran, dass Sohn I kurz vor dem Selberlesen ist und immer wieder neugierig auf die Seiten linst, auch wenn da gar keine Bilder sind, ob er nicht vielleicht doch schon etwas erkennt. Das eine oder andere kurze Wort? Oder ein paar erste Silben? Er verrenkt sich den Hals, um noch mehr Buchstaben zu sehen und zu verstehen. Ich liebe diese Blicke.

Aber erst einmal: Gelesen

Eduard von Keyserling: Bunte Herzen – zwei Novellen. Um auf ruhige, klare Gedanken zu kommen, gibt es wenig Autoren, die mir so gut geeignet erscheinen wie Keyserling. Je hektischer der Tag, desto bekömmlicher der Ausklang in irgendeinem baltischen Schloß. Hach. Und bewundernswert, wirklich bewundernswert, mit welcher Lässigkeit der Autor die große Liebe an die Wand fahren lässt. Da braucht er nur ein paar Seiten, und es geht vollkommen nachvollziehbar von weltumspannend, herzzersprengend riesengroß und ewig zu herrje, was war ich dummm, aber das war gestern. Das war ein sehr weiser Mann, der Herr von Keyserling.

Peter Rühmkorf: Vorletzte Gedichte. Darüber habe ich hier schon geschrieben.

Peter Rühmkorf: Bleib erschütterbar und widersteh.

Lola

Ein Buch, bei dem man leicht ein schlechtes Gewissen bekommt – und das ist auch gut so. Rühmkorf hat sein Leben als Denker verbracht, jedenfalls in den Phasen der Tage, in denen er klar denken konnte. In den anderen Phasen hat er womöglich gedichtet, wer weiß. Das merkt man den Texten natürlich an, dieses Denken, und da merkt man eben auch, dass man selbst eher weniger denkt. Kann man mal drüber nachdenken, wie wenig man denkt. Wie auch über den Titel des Buches. Eine Aufforderung, die es in sich hat: “Bleib erschütterbar und widersteh”. Auch der Satz ist mindestens einen zweiten Gedanken wert.

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Hin und her

Sohn I ist in einem Schwimmverein. Einmal in der Woche gehen wir zum Training und wie es aussieht, ist es seine allerliebste Freizeitbeschäftigung. Was auch ein wenig daran liegen mag, dass er eine außergewöhnlich attraktive Trainerin hat, eine wahre Bilderbuchschönheit. Hätte ich als Kind bei dieser Frau Schwimmunterricht gehabt, ich hätte vor Olympia nicht aufgehört, mir Mühe zu geben. Aber ich hatte natürlich nur den trinkfreudigen Herrn K., der Kinder gerne mal ins Wasser warf, deswegen konnte ich mich in Ruhe und mit bestem Gewissen chlorallergisch stellen.

Sohn I geht also zum Schwimmen, hüpfend und voller Begeisterung. Schon am Morgen des Schwimmtages klappt alles tadellos, nur weil er weiß, dass er nach der Vorschule zum Schwimmen geht. Das Kind zieht sich freiwillig an, putzt freiwillig Zähne usw., das Schwimmen ist ein Segen.

Sohn II geht nicht zum Schwimmen. Sohn II stellt sich eher wasserscheu, obwohl er Herrn K. nie kennengelernt hat, womöglich ist er tatsächlich wasserscheu. Wenn Sohn I mit mir zum Schwimmen geht, macht Sohn II mit der Herzdame etwas anderes und dabei gibt es ein kleines Problem. Denn wenn Sohn II sich Freunde einlädt oder woanders eingeladen wird oder überhaupt irgendetwas macht, was darüber hinaus geht, nur zuhause herumzusitzen, dann kann Sohn I trotz aller Begeisterung für das Schwimmen nicht ganz ausschließen, etwas zu verpassen. Und das ist schwer, das ist sogar sehr schwer. Dieses Abwägen, was nun besser ist, dieses oder jenes Vergnügen – das kann man auch Erwachsener nicht unbedingt gut, aber als Sechsjähriger ist es wirklich furchtbar. Schwimmen? Spielen? Doch Schwimmen? Doch lieber Spielen? Herrje. Das kreist im Kopf und geht geht endlos hin und her und weil man mit sechs Jahren noch nicht mit der Ratio hinterherkommt, wenn es darum geht, seine wirren Gefühle halbwegs plausibel zu verbrämen, hat das Kind auf dem Weg zum Schwimmen plötzlich Knieschmerzen. Schlimme Knieschmerzen, versteht sich, so schlimm, dass man eigentlich auch umkehren könnte, nach Hause. Wo man dann natürlich mitbekommen würde, was der Bruder gerade mit seinen Freunden tut. Nach Hause zu wollen, das wäre maßlos übertrieben, aber so ein Schmerz im Knie – hey, da kann man eben nichts machen. Oder?

Doch, doch. Man könnte versuchen, ob der Schmerz im Wasser weggeht. “Wasser ist gnädig” sagt die Trainerin immer, viele Beschwerden geben sich plötzlich im Wasser. Also probeweise ins Wasser? Oder doch besser gleich zurück zum Bruder? Den Sohn zerreißt es fast, man kann es sehen, wie es in ihm wogt. Der Knieschmerz wird schlimmer und schlimmer, geradezu unerträglich, es ist phänomenal, wie schnell sich so etwas verschlechtern kann. Ich mache den Sohn dezent darauf aufmerksam, dass ihm bei Beginn der Schmerzen noch das andere Knie wehtat, nicht das, welches er jetzt gerade wehklagend umklammert. Das verwirrt ihn etwas, ratlos sieht er seine Beine an und stellt fest, dass doch auch beide wehtun können, so abwechselnd.

Mir tut das leid, wie das Kind sich in eine Argumentation flüchtet, die niemals aufgehen kann. Nicht jetzt und auch sonst nicht im Leben, so kann man mit Problemen nicht umgehen, so lösen sich Dramen nun einmal nicht auf. Zielführende Problemlösungsstrategien müssen sicher mühsam erlernt werden, aber man sollte damit doch wohl beginnen, bevor einem irgendwann Consultants auf die Sprünge helfen müssen.

Und deswegen nehme ich ihn beiseite und erkläre ihm eine goldene Lebensregel, an die er hoffentlich noch lange denken wird: “Wenn du etwas simulierst, mein Sohn, dann musst du immer bei genau einem Symptom bleiben. Nur dann klappt das auch. Und jetzt ab ins Wasser.”

Man ist als Vater auch immer in der Pflicht, etwas Weisheit weiterzugeben.

 

Update Bilderbuchverlosung

Sohn II hat eine Kathrin gezogen, die Gewinnerin wurde bereits per Mail benachrichtigt.

Wie ich allerdings soeben erfahre, legt der Carlsen-Verlag noch vier zweite Preise drauf. Der Glücksgremlin wird also morgen schon wieder tätig, die Gewinner dieser Sonderpreise werden ebenfalls per Mail benachrichtigt. Der Versand wird dann allerdings noch ein paar Tage dauern, da die Aktion nicht geplant war.

Nette Menschen beim Carslen-Verlag, ich erwähnte es vermutlich bereits.

 

Die Holunderbirnenmission

Ich habe vor längerer Zeit das Dessert „Holunderbirnen“ einmal in einer Zeitungskolumne erwähnt. Damals beschwerte ich mich darüber, dass es so schwer sei, in Hamburg Holundersaft zu bekommen, obwohl der hier doch überall wächst, der Holunder.  Und jetzt gerade ist er übrigens wieder reif. Zu der Kolumne erreichten mich damals ungewöhnlich viele Zuschriften, echte Leserbriefe, so etwas bekommt man als Blogger ja auch nicht jeden Tag, das war sehr erheiternd. Menschen wiesen mich auf  Läden in anderen Städten hin, die diesen Saft führten. Nannten mir die Adresse ihres Großonkels Karl, der diesen Saft immer selbst herstellt und bei dem ich mich ja einmal melden könne. Schlugen mir Holundersaftsatzstoffe vor.  Viele fragten aber auch einfach nach dem Rezept, denn Holunderbirnen, das kennt anscheinen kein Mensch.

Und das ist schlimm. Sehr schlimm.

Holunderbirnen sind nämlich so ungefähr der beste, einfachste und hübscheste Nachtisch, der mir je begegnet ist. Man kann fast nichts falsch machen, man kann die Zutaten in regional und/oder bio erwerben, man kann das Rezept variieren, misshandeln, ausdehnen, eindampfen und neu erfinden – solange man sich an die Grundstruktur hält, so lange wird das auch was. Und schmeckt. Und sieht toll aus.

Mir ist jeder missionarische Eifer  fremd, ich lehne Bekehrungsmaßnahmen kategorisch ab. Jeder soll gefälligst treiben, was immer er möchte, in einem gewissen rechtlichen Rahmen, versteht sich.  Ich mische mich da nicht ein. Aber ich will, dass Sie alle Holunderbirnen machen. Haben wir uns verstanden? Mit Vanilleeis.

Und zwar in etwa so:

Sie nehmen einen großen Topf und lassen 100 Gramm Zucker goldbraun schmelzen. Dann kippen Sie da 400 ml Holundersaft und 400 ml eines anderen, holunderkompatiblen Saftes hinein, zum Beispiel Apfel oder Johannisbeere. Oder Rotwein, den wir hier großmütig als Saft betrachten wollen. Achtung, das spritzt wie Sau und macht tolle Flecken.  Zwei oder drei Nelken hinein, eine Zimtstange. Vanille kann, muss aber nicht. Birnen, wie sie eben passen, geschält und geviertelt.  15 Minuten schwach köcheln lassen, dann ziehen lassen. Mindestens zwei Stunden. Ich habe die Birnen aber auch schon einmal zwei Tage im Topf auf dem Balkon vergessen, da wurden sie nicht schlechter, im Gegenteil.

Und dann zusehen, dass Sie die Hauptspeise hektisch weggefuttert bekommen, damit es endlich Nachtisch gibt.

Los. Sie wollen es doch auch.

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Das fertige Produkt attraktiv zu fotografieren habe ich nicht in akzeptabler Zeit geschafft. Da ich die Versuchsanordnung (komplett mit Eis) jeweils nach den Fotos aufessen muss, wird das irgendwann zu gefährlich, denn die Herzdame zählt bestimmt nachher die Birnen nach. Stellen Sie sich einfach vor, dass es toll aussieht. Lila bis Purpur, im Licht und angeschnitten auch Pink dabei, granatrote Schatten, es ist der Wahnsinn.

 

Sonderbare Tage

Sohn I war übers Wochenende verreist, ganz allein bei den Großeltern im Heimatdorf. Er hat das sogar selbst mit denen verabredet, wir wurden nur noch informiert: „Fahr ich zur Oma.“ Gut, Reisende soll man nicht aufhalten. Die Herzdame und ich blieben in Hamburg, mit einem fröhlich glucksenden Sohn II, der sich mit seinem halben Zahn stundenlang friedlich als Apfelreibe versuchte. Das Kind war ruhig, wir hatten keine Termine – und keinen Zweieinhalbjährigen, der nonstop für Programm sorgte. Was man da plötzlich alles machen kann!

Man kann morgens aufstehen, Schokolade frühstücken und sich gleich wieder zwei Stunden hinlegen. Man kann Bücher lesen, ganze Kapitel, ohne Unterbrechung. Man kann die Bücher sogar in einem Rutsch durchlesen und dann gleich das nächste anfangen. Man kann in Ruhe am Schreibtisch arbeiten und unfaßbare Mengen wegschaffen, man kann To-do-Listen bis zum letzten mickrigen Punkt abgrasen und dann noch eben die Dateien auf dem Rechner neu durchsortieren. Man kann aufräumen, ohne daß ein kleiner Kobold alles sofort wieder durcheinanderwirft. Man kann beim Portugiesen einen Kaffee trinken gehen, ohne ein Kleinkind mit Kuchen bestechen zu müssen. Man kann Zeit für einander haben, man kann sogar, Sie wissen schon.

Man kann Salat essen, ohne auch etwas Kindgemäßes kochen zu müssen. Man kann beim Essen lesen und auf die Vorbildfunktion pfeifen. Man kann sogar einfach in ein Restaurant gehen. Man kann das Kinderzimmer neu organisieren, bis es aussieht wie im Ikea-Prospekt. Man kann ungestört telefonieren, man kann einfach so mit der Kamera rausgehen und stundenlang auf Foto-Safari, wie früher, als man noch Zeit hatte. Man kann sich um ganz vergessene Erwachsenenvergnügungen kümmern.

Man kann aber auch einfach die Stunden zählen, bis das Kind endlich wiederkommt.